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Ferdinand Piëch im Porträt : Macht und Niederlage

Mit Verachtung gegenüber der eigenen Familie

Das könnte der Kern des beispiellosen Machtkampfes sein, den die Öffentlichkeit in der vergangenen Woche mitansehen durfte. Es ist ein Machtkampf in einem Familienunternehmen, das zugleich eine große börsennotierte Aktiengesellschaft ist, mit dem deutschen Staat (das Land Niedersachsen) als Minderheitseigner. Das Sagen aber haben mit über 50 Prozent Eigentumsanteilen die beiden Familien, die sich untereinander alles andere als grün sind. Sie sind sich nur in einem einig: Sie erwarten Jahr für Jahr eine saftige Dividende. Zuletzt flossen an die Familie aus den beiden Konzernen Gewinnanteile von 340 Millionen Euro. Wenn es um so viel Geld geht, dann lohnt es sich schon einmal zu streiten.

Ferdinand Piëch hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er, der rationale Techniker, auf den musischen Teil der Porsche-Familie herabblickt, auf die Waldorf-Schüler, die „stricken, häkeln, Flöte spielen“. Die Verachtung für sie ist schier grenzenlos.

Noch mehr hasst Piëch die dekadente, nichtsnutzige Erbengesellschaft der Porsches – und auch der Piëchs. Von den eigenen Nachkommen Piëchs, den zwölf Kindern, taucht keiner in der Nachfolgedebatte auch nur auf. Sie sind woanders unterwegs, der Älteste etwa mit Feinkostladen und Immobilien in Stuttgart. Auf den jüngsten Spross Gregor Anton hält Vater Piëch angeblich die größten Stücke – ihn hat er immer schon zu Automobilmessen mitgenommen. Nur: Der junge Mann ist Anfang zwanzig, scheidet folglich aus, um nahtlos den Generationenübergang zu bewältigen.

Am meisten vertraut er seiner Frau

Deshalb ist der Verdacht so plausibel, dass Piëch alles daran setzen wird, seine Ehefrau Ursula („Uschi“) als seine Nachfolgerin im VW-Aufsichtsrat einzusetzen, allen seinen gegenteiligen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Ursula Plasser ist 1981 als Gouvernante in die Familie Piëch gekommen. Mit seiner damaligen Frau Marlene, erzählt Piëch in seiner Autobiographie, habe er eine freizügige Beziehung vereinbart: „Das klingt zwar recht aufgeschlossen, scheint im praktischen Leben aber nicht so toll zu funktionieren.“ Nachdem es dann relativ rasch mit der jungen und attraktiven Uschi gefunkt hatte, überführte Piëch die „Undercover“-Affäre 1984 in eine neue Ehe.

Seiner Frau Ursula vertraut Piëch am meisten von allen, die für seine Nachfolge infrage kommen. Solange er lebt, hat er auf sie auch den größten Einfluss, was womöglich noch wichtiger ist. „Die kapitalistische Wirtschaftsordnung wird von DNA-Ketten zusammengehalten“, hat der Princeton-Ökonom Harold James einmal gesagt.

Kein Wunder, dass, was man häufig übersieht, 90 Prozent der Firmen auf der ganzen Welt Familienunternehmen sind. Das bedeutet aber, dass das kapitalistische Prinzip der Gesellschaft vom dynastischen Prinzip der Familien-Gemeinschaft begleitet wird. Es ist nicht nur Ferdinand Piëchs Verachtung für die nichtsnutzige Familie, die sein Machtkalkül bestimmt. Es ist auch die Erfahrung der ihm von den Porsches zugefügten Lebensniederlagen, die ihn gelehrt haben, auf der Hut zu sein und der Familie zu misstrauen. Es ist aber auch, so paradox es klingt, die Erfahrung, dass die Familie der einzige Hort für ihn ist, zu dem er sich hingezogen fühlt: „Von allem Anfang an war ich ein Zurückgezogener“, sagt er über sich. „Auffällig war nur die Liaison im inneren Geflecht der beiden Großfamilien.“

Der Rest der Großfamilien ist fest entschlossen, Ursula als Nachfolgerin zu verhindern. Eine Alternative aber ist weit und breit nicht zu sehen. Die jüngste Niederlage Piëchs in der Nacht auf Freitag in Salzburg hat nicht nur Martin Winterkorn gestärkt. Sie muss auch Piëch darin bestärkt haben, auf keine Fall vom Platz zu weichen.

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