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Ferdinand Piëch im Porträt : Macht und Niederlage

Im wahren Leben sind es gerade die herbsten Niederlagen, die den Allmachtswünschen Auftrieb geben und Größe befördern. Ferdinand Piëchs entscheidende Schlappe liegt schon viele Jahrzehnte zurück. Damals, in den frühen siebziger Jahren, arbeitete der gelernte Ingenieur als technischer Geschäftsführer bei Porsche in Stuttgart, dem Sportwagenhersteller, der von seinem Großvater Ferdinand Porsche als Konstruktionsbüro gegründet wurde. Der damalige Clan-Chef Fery Porsche entschied, alle Familienmitglieder – sie trugen den Namen Porsche oder Piëch und stellten einander ständig Fallen, dass es krachte – sollten das Unternehmen verlassen. Familienmitglieder setzten ihre subjektiven Interessen gegen das Unternehmensinteresse durch, Macht dominiere über Leistung, donnerte Fery Porsche. Denn in der Familie sei es natürlich, „dass jemandem das Hemd näher sitzt als der Rock.“

Auch Piëch musste weichen. In seiner Auto-Biographie hat Piëch diese frühe Kränkung heruntergespielt („wieder Zeit zum Skifahren“). Doch sein Neffe Daniell Porsche erzählte später, derart davongejagt zu werden, habe seinen Onkel wahnsinnig verletzt. „Ausgerechnet er, der extrem für die Firma Porsche stand, der aber nicht den Namen trägt, den schickte man vom Hof. Das schmerzt.“

Porsche-Übernahme galt als Ende seiner Ägide

Euch zeige ich es, muss Piëchs Reaktion darauf gewesen sein. Rache ist ein starker Treiber. Und Piëch schickte sich an, eine steile Karriere bei Audi in Ingolstadt und Volkswagen in Wolfsburg zu machen, die ihn erst an die Vorstandsspitze von VW und dann an die Spitze des Aufsichtsrates führte.

Aber auch dieser Karriereweg blieb von Niederlagen nicht verschont. Und abermals haben sie etwas mit Machtkämpfen im Kreis der lieben Familie zu tun. Damals, im Jahr 2008, man hat es schon wieder fast vergessen, waren die Porsches kurz vor ihrem Ziel, in einer beispiellosen spekulativ geführten Übernahmeschlacht mit dem genialen Wendelin Wiedeking die Macht bei VW zu übernehmen. Als die Niederlage nicht mehr zu verhindern war, drückte Piëch sich einfach feige vor einer Aufsichtsratssitzung, landete zwar mit seinem Flugzeug in Braunschweig, erschien aber nicht zur Sitzung in Wolfsburg. So wird die Familie von den Arbeitnehmern überstimmt. Ein Affront. Piëch habe sich endgültig ins Aus manövriert, hieß es. Wochenlang wird er danach nicht mehr gesehen. Selbst dem Autosalon in Paris, sonst stets Pflichtveranstaltung, schwänzt er. Alle sagten, dass sei das Ende der Ära Piëch.

Und alle haben sich getäuscht. Porsche und Wiedeking hatten sich dramatisch verspekuliert und verloren die Schlacht, was nicht an Ferdinand Piëch, sondern an der Finanzkrise lag, mit der niemand in Zuffenhausen gerechnet hatte. Am Ende aber fiel Piëch der Sieg auf ganzer Linie zu. Mit der grotesken Nebenwirkung, dass seit Anfang des Jahrzehnts Volkswagen, der deutscheste aller deutschen Großkonzerne, von den österreichischen Familien Piëch und Porsche beherrscht wird – und regiert von Ferdinand Piëch, der den Porsches in seinem Leben so viel verdankt und unter den Porsches in seinem Leben so viel gelitten hat.

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