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Fehlende Investitionen : Wo bleibt der Mut?

  • -Aktualisiert am

Wer investiert, braucht dreierlei: eine Idee, Mut und Geld. Letzteres ist derzeit das geringste Thema. Kapital ist im Überfluss vorhanden. Für die Unternehmen ist es günstig wie nie, sich zu verschulden, die Zinsen liegen nahe null. Es spräche viel dafür, das auch zu nutzen. Aber: „Die klassische ökonomische Gesetzmäßigkeit, dass niedrige Zinsen zu mehr Investitionen und weniger Sparen führen, ist so nicht mehr gültig“, sagt Bauknecht.

Denn natürlich brauchte es mehr als nur günstige Zinsen, damit Firmenchefs beschließen, hier zu investieren. Wie steht es also um Ideen und Zuversicht?

Maschinenbau ohne richtiges Wachstum

Seismograph für die Stimmung in der Wirtschaft ist der Maschinenbau. Dort bestätigt sich das, was auch die Zahlen zu den Investitionen zeigen. „Wir befinden uns nun im dritten Jahr ohne richtiges Wachstum“, sagt Ralph Wiechers, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA. Ausrüstungsinvestitionen, welche die mittelständisch geprägte Maschinenbaubranche an andere Konzerne liefert, sind derzeit nicht gefragt, weil die Industrie nicht in ihren Maschinenpark investiert.

Für die Branche selbst gilt allerdings das Gleiche: Mit eigenen Investitionen hält sie sich zurück. Bei einem Gesamtumsatz von gut 200 Milliarden Euro wurden dieses Jahr gerade einmal 6,6 Milliarden Euro in die eigene Ausrüstung investiert, eine Quote von gut drei Prozent.

Stattdessen haben die Maschinenbauunternehmen ihre Eigenkapitalquote erhöht. Das ist Mode in Deutschland, weiß Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln: „Die Eigenkapitalquote hat sich von 16,3 Prozent 1997 auf 27,4 Prozent in 2012 erhöht“, sagt er. Die Unternehmen zahlen seit 2009 fortlaufend Schulden zurück statt neue aufzunehmen.

Für Digitalisierung der Produktion fehlt der Mut

Dabei gibt es durchaus Ideen für Investitionen. Revolutionär sind sie nicht, aber logisch. Etwa das, was manche „Industrie 4.0“ nennen: die intelligente Fabrik mit vernetzten, hoch automatisierten Produktionssystemen – die Digitalisierung der Fertigung. Doch auch hier wird wenig investiert. Zu wenig, sind sich die Fachleute sicher. Gleichzeitig werden die wirklich radikalen neuen Ideen sowieso nur noch selten in Deutschland verwirklicht. Dafür ist das Silicon Valley zuständig. Eine gewisse Ideenlosigkeit hat sich im einstigen Land der Erfinder verbreitet.

Zuallererst fehlt den deutschen Firmen aber eins: die Zuversicht und der Mut, um Neues anzugehen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die tiefe Verunsicherung durch Finanz- und Euro-Krise. Beide haben die deutschen Firmen jeweils in einem Moment der Euphorie getroffen, ja mitten im Boom. Da wird man vorsichtig.

Skepsis für das kommende Jahr

Gerade viele Mittelständler erlebten in der Finanzkrise, wie Banken von heute auf morgen restriktiv wurden bei der Kreditvergabe oder plötzlich auf sofortige Rückzahlung alter Kredite pochten. Einzelne gingen dabei sogar in die Pleite – einige standen kurz davor. Es war eine Situation, wie sie viele Unternehmer nicht mehr erleben wollen. Deshalb vertrauen sie von nun an zuallererst auf sich, horten Geld für einen möglichen Notfall.

Wie lange muss es in Deutschland noch gut laufen, bis die Stimmung sich dreht? Schwer zu sagen. Viele beschäftigen sich gerade damit, wie man den Firmen noch mehr Anreize geben kann: von der Notenbank bis zur Bundesregierung. Doch für skeptische Unternehmer und Manager gibt es auch derzeit mehrere Richtungen, aus denen Gefahren kommen könnten: zuallererst aus Russland, dessen Finanzsystem wankt; dann gibt es noch die Frage, ob Italien und Frankreich sich wieder berappeln.

Für das kommende Jahr bleiben die Volkswirte des Instituts der deutschen Wirtschaft deshalb skeptisch. Sie sagen ein „Stop and Go“ voraus: Die deutsche Wirtschaft wird zwar um 1,5 Prozent wachsen – aber bei schwachen Investitionen.

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