https://www.faz.net/-gqe-7wtao

Arbeitsplätze für Deutschland : Familienunternehmen schlagen den Dax

Familienunternehmer mit Blick für das Neue: Die Hartings aus Espelkamp Bild: Pilar, Daniel

Sie beschäftigen mehr Mitarbeiter im Inland und stellen auch mehr ein als deutsche Großkonzerne. Zudem wächst der Umsatz der Familienunternehmen schneller. Sorge bereitet allerdings die Rente mit 63.

          Die 500 größten Familienunternehmen in Deutschland bauen nach wie vor im großen Stil Stellen im Inland auf. Sie schneiden in dieser Hinsicht viel besser ab als die großen deutschen Unternehmen von Bayer bis Daimler, die im Aktienindex Dax vertreten sind. Denn seit dem Jahr 2006 und bis 2012 ist die Inlandsbeschäftigung dieser großen deutschen Vorzeigeunternehmen sogar geschrumpft.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Diese Zahlen haben das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Institut für Mittelstandsforschung in Mannheim in einer Analyse, die dieser Zeitung vorab vorliegt, aufbereitet. Und das Ergebnis ist eindeutig: Die Inlandsbeschäftigung der 500 größten Familienunternehmen stieg in der betrachteten Zeitspanne von knapp 3 Millionen Beschäftigten auf heute rund 3,3 Millionen. Dies entspricht einem Zuwachs von immerhin 11 Prozent. Die Dax-27-Unternehmen hingegen, also die dreißig im Index vertretenen Gesellschaften ohne die drei Dax-Familienunternehmen Beiersdorf, Henkel und Merck, haben ihre Inlandsbeschäftigung sogar um 7,3 Prozent von 1,5 auf rund 1,4 Millionen reduziert.

          Hinzu kommt: Die Arbeitsplätze der großen Familienunternehmen befinden sich – anders als bei den betrachteten Dax-Unternehmen – auch grundsätzlich vorwiegend im Inland. Fast 71 Prozent der Beschäftigten in Familienunternehmen arbeiten in Deutschland. Unter den Dax-27-Unternehmen gilt das für lediglich 38 Prozent der Beschäftigten. Die größere Dynamik der Familienunternehmen zeigt sich aber nicht nur im Beschäftigungsaufbau im Inland, sondern auch im Umsatz.

          Rente mit 63 wird zum Problem

          In der betrachteten Zeitspanne stieg dieser in den Top 500 um 4,6 Prozent, in den Dax-27-Unternehmen hingegen nur um 1,9 Prozent. Die Familienunternehmen erwirtschaften damit inzwischen die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Zudem sind die Familienunternehmen in ihrer Bilanzstruktur stabiler. Denn die durchschnittlichen Eigenkapitalquoten von Familienunternehmen waren in den Jahren 2009 bis 2012 jeweils höher als von Nicht-Familienunternehmen, haben die Wissenschaftler errechnet.

          Brun-Hagen Hennerkes, den Vorsitzenden des Vorstands der Stiftung Familienunternehmen, wundern die Ergebnisse der Studie nicht: „Die großen Familienunternehmen haben sich auch während der auf die Finanzkrise folgenden Eurokrise als robuster Motor der deutschen Konjunktur erwiesen“, kommentiert er die Ergebnisse der Analyse, die von der Stiftung herausgegeben wird. Denn sie stellten einen besonders krisenfesten Unternehmenstypus dar.

          Wegen ihrer Bedeutung für das Land fordert Hennerkes ein Umdenken in der Gesellschaft: „Wir verlangen schon seit einigen Jahren, dass die Familienunternehmen als politisches Leitbild – sozusagen als unternehmerische Leitkultur – an die Stelle der Großkonzerne im Streubesitz treten. Die Familienunternehmen sind regional fest verwurzelt. Bei ihnen ist auf Grund der Eigentümerstruktur die Nachhaltigkeit im Nachfolgeprozess gesichert.“ Trotz der Bedeutung dieser Unternehmen für die Wirtschaft habe die große Koalition die Familienunternehmen bisher aber nicht im wünschenswerten Maß unterstützt: Die EEG-Reform habe den Anstieg der Energiekosten lediglich gebremst, nicht aber die Wettbewerbsfähigkeit mit den Nachbarländern hergestellt, beklagt Hennerkes. Auch die Rente mit 63 entziehe den Familienunternehmen erfahrene Mitarbeiter, die diese fest eingeplant hätten und die nur schwierig zu ersetzen seien: „Die Regierung hat die Nachfrage völlig unterschätzt. Bis Ende Oktober wurden 163.000 Anträge gestellt. Die deutsche Rentenversicherung rechnet mit Kosten, die allein in diesem Jahr um mehr als die Hälfte höher sind als geplant.“

          Industrie 4.0 bringt einschneidende Veränderungen

          Zudem wolle die Regierung mit der Frauenquote einen selbst gesetzten gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch auf Kosten der Unternehmen durchsetzen. Nicht zuletzt seien weitere Beschränkungen für Zeitarbeit und Werksverträge geplant, welche die Arbeit der Familienunternehmen beeinträchtigten. Hinzu kommt, dass die Zahl der neugegründeten Unternehmen von 208.000 im Jahr 2010 auf 163.000 im Jahr 2013 gesunken ist. Diese Entwicklung ist in den Augen von Hennerkes besorgniserregend. Einer der Gründe dafür sei die Tatsache, dass Wagniskapital in Deutschland nicht im erforderlichen Maß zur Verfügung stehe.

          Nicht zuletzt stünden gerade die Familienunternehmen mit dem Wandel, der sich hinter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ (der digitalen Vernetzung aller Produktionsmittel untereinander) verberge, vor einschneidenden Veränderungen. „Durch schnellen Datenaustausch wächst die Transparenz zwischen Kunden und Zulieferern. Bewährte Wertschöpfungsketten lösen sich auf. Auch das unternehmerische Eigentum ist künftig schwieriger zu definieren: Wem gehören die im Produktionsablauf gesammelten Daten, wer darf wie über sie verfügen? Hier müssen rechtlich eindeutige Regelungen noch gefunden werden“, sagt Hennerkes. Auch die Rolle der Mitarbeiter werde sich stark verändern. „Roboter werden einen Teil der Denkaufgaben übernehmen. Ein Mitarbeiter in der Produktion muss verstärkt ingenieursähnliche Aufgaben wahrnehmen. Die Talentgewinnung wird damit für die Familienunternehmen immer wichtiger.“ Zugleich steige aber auch die Attraktivität der Familienunternehmen für qualifizierte Bewerber, weil in Familienunternehmen individuellere Karrieren möglich seien als anderswo.

          Weitere Themen

          Europameister aus dem Kinderzimmer

          Serviceware : Europameister aus dem Kinderzimmer

          Ein Jahr nach dem Börsengang will das Bad Camberger Unternehmen Serviceware mit einer Plattform zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen noch schneller wachsen. Doch das bringt einige Schwierigkeiten mit sich.

          Urteil zum Töten von Küken Video-Seite öffnen

          Vorerst erlaubt : Urteil zum Töten von Küken

          Das massenhafte Töten männlicher Küken in der deutschen Geflügelwirtschaft geht vorerst weiter. Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass die Praxis rechtmäßig bleibt, bis es Alternativen gibt.

          Topmeldungen

          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.