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Fachpersonal : Kernenergie-Forscher plagen Nachwuchssorgen

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Modell des Iter Bild: dpa/dpaweb

Der Bau des zukunftsweisenden Kernfusionsreaktors in Frankreich rückt die nahezu zum Erliegen gekommene Ausbildung von Reaktorphysikern und Kerntechnikern in den Fokus.

          In dem 88 Seiten dicken Koalitionsvertrag, den SPD und Grüne 2002 unterschrieben, steht zur Atomenergieforschung nur ein Satz: „Die staatliche Förderung der Entwicklung von nuklearen Techniken zur Stromerzeugung wird beendet.“ Damit setzte Rot-Grün einen Schlußstrich unter die jahrzehntelange Bundesförderung und schloß eine „Lücke“, die ihr Gesetz zum Atomausstieg im Frühjahr 2002 gelassen hatte. Dort wurde der Neubau von Kernreaktoren verboten, nicht aber die weitere Erforschung der Kernspaltung. Bayern Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU) nennt das ein „faktisches Kernenergieforschungsverbot“.

          Seit 2002 hat der Bund die Forschung für Reaktoren, in denen Strom auf Basis der herkömmlichen Kernspaltung erzeugt wird, praktisch auf Null heruntergefahren. Unterstützt wird nur noch die Erforschung der Fusionstechnologie. Diese zielt auf Stromerzeugung durch Kernfusion und verspricht keine langfristig strahlenden Abfälle zu hinterlassen. Den Beleg dafür wollen Amerika, Japan, China und die EU nun mit dem Bau eines Prototypen, des Iter, in Frankreich erbringen. 115 Millionen Euro jährlich stehen in den kommenden Jahren aus Bundesmitteln für die Fusionsforschung zur Verfügung, weitere 40 Millionen kommen von der EU und den Ländern. Die vom Kanzler versprochene Ausweitung der Forschungsgelder komme diesem Zweig nicht zugute, resümiert Reinhard Maschuw, Vorstand des Forschungszentrums Karlsruhe.

          2001: Nur zwei Abschlüsse in Kerntechnik

          Doch hat der vielfach beklagte Niedergang der deutschen Kernenergieforschung nicht erst unter Rot-Grün begonnen. Für das Jahr 2001 weist das Statistische Bundesamt gerade noch zwei Diplom-Abschlüsse mit dem Studienfach „Kerntechnik/Kernverfahrenstechnik“ aus. In den drei Jahren zuvor sind keine Abschlüsse registriert, 1993 waren es noch fast 50.

          Experten wie Dieter Fritz, Vorstand des Kompetenzverbundes Kerntechnik im Forschungszentrum Karlsruhe, macht dafür die gesellschaftspolitische Debatte der achtziger und neunziger Jahre verantwortlich. Immerhin registriert er eine wachsende Unterstützung von seiten der Industrie. Energiekonzerne, aber auch Maschinen- und Reaktorbauer finanzierten Doktorandenstellen und sicherten so zumindest einen Teil des künftigen Nachwuchses.

          Fachpersonal wird nicht mehr ausgebildet

          Doch kann damit nicht ausgeglichen werden, was in der universitären Lehre fehlt. Daten der Helmholtz-Gesellschaft zeigen, daß die Lehrangebote an deutschen Hochschulen für Reaktorphysik, -technik, und -sicherheit seit 1995 von 22 auf 13 schrumpfen und nach Plänen der Universitäten weiter reduziert werden. „Das macht uns große Sorgen“, sagt Maschuw und fragt, woher künftig das Fachpersonal für den Betrieb oder auch das Abwracken der Atommeiler herkommen soll. „Die Universitäten müssen das wieder stärker in ihre Lehrpläne aufnehmen“, verlangt Maschuw.

          Die Bundesregierung sieht das entspannter. „Es ist nicht die Aufgabe des Staates, für den Kompetenzerhalt beim Personal in den kerntechnischen Anlagen zu sorgen“, beschied sie im Januar eine Große Anfrage der FDP-Fraktion. Für die Restlaufzeit der Reaktoren bis 2021 könne auf das "große zur Zeit noch vorhandene Wissen" zurückgegriffen werden.

          „Unvernünftig, kurzsichtig, unsachlich“

          Die Energiebranche hält das für wenig zukunftsweisend. Ein Abkoppeln von internationalen Entwicklungen in der Kerntechnik sei „unvernünftig, kurzsichtig und unsachlich“, wettert der Chef der kerntechnischen Gesellschaft, Ralf Güldner. Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums, stellte unlängst „nachdrücklich die Frage nach dem Kompetenzerhalt in der Branche“.

          Union und FDP haben bereits angekündigt, nach einer gewonnenen Bundestagswahl nicht nur die Laufzeiten der Kraftwerke verlängern zu wollen. Sie wollen auch mehr in Forschung und Entwicklung investieren. Ob dabei viel mehr Geld aus dem defizitären Bundeshaushalt fließen wird, bleibt indes fraglich. Die Union setzt auf die Mithilfe der betroffenen Industrie.

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