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Fachkräfte-Kommentar : Wie die Lücke schließen?

Die Pflege gehört zu den Bereichen, in denen dringend Fachkräfte gesucht werden. Bild: dpa

Deutschland sucht händeringend Fachkräfte im Ausland. Doch die werden dringend zu Hause gebraucht. Indes entsteht ein Schaden, der der gesamten Wirtschaftsleistung Lettlands entspricht.

          Sie fehlen an allen Ecken und Enden, die Fachkräfte. Selbst wenn die Konjunktur künftig etwas weniger rundläuft, werden die deutschen Unternehmen weiterhin händeringend nach Personal suchen. Wenn schon die großen Konzerne stöhnen, die für Bewerber besonders attraktiv sind, wie viel schlimmer geht es dann erst dem Mittelstand und den Handwerkern.

          Vor zehn Jahren gaben in einer Umfrage des Handelskammertags DIHK 16 Prozent der Unternehmen an, dass der Fachkräftemangel ihr größtes Geschäftsrisiko sei. Jetzt sagen dies sage und schreibe 60 Prozent. Nach Berechnungen des Instituts IW sind hierzulande 440.000 Posten unbesetzt. Ließe sich diese Lücke schließen, dann wüchse das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,9 Prozent. Mit anderen Worten: Weil gute Leute fehlen, entgehen uns jedes Jahr 30 Milliarden Euro. Das entspricht der gesamten Wirtschaftsleistung von Lettland.

          Noch viel schlimmer sähe es aus, wenn es die Einwanderung nicht gäbe. Das jüngste Sachverständigengutachten formuliert dazu unmissverständlich: „Eine tragende Säule des langanhaltenden Aufschwungs war in den vergangenen Jahren die Migration.“ Seit 2010 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer um 133 Prozent auf 3,5 Millionen gestiegen. Zuletzt war mehr als die Hälfte des Personalanstiegs in Deutschland den Ausländern zu verdanken.

          Intensiv wird darüber diskutiert, ob und wie sich die vielen Flüchtlinge integrieren lassen. Die Aufnahme in den Arbeitsmarkt verlief zunächst schleppend, jetzt aber zeichnet sich Besserung ab. So beobachten die „Wirtschaftsweisen“, dass der Beitrag der Migranten zum Beschäftigungsaufbau schneller steigt als der jeder anderen Ausländergruppe. Seit 2015 seien 900.000 Asylbewerber anerkannt worden. In dieser Zeit hätten 200.000 Flüchtlinge eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit aufgenommen.

          Der Erfolg bedeutet allerdings nicht, dass diese Personen die Fachkräftelücke schließen können. Denn dafür reichen ihre Qualifikationen oft nicht aus. Während zwei Drittel der deutschen Erwerbspersonen eine abgeschlossene schulische oder betriebliche Ausbildung vorweisen, gilt das für nicht einmal ein Zehntel der Asylanten.

          1,3 Millionen Erwerbsmigranten aus Osteuropa

          Besser ist das Niveau der echten Erwerbsmigranten. Sie kommen heute vor allem aus den elf EU-Staaten in Osteuropa. Fast 1,3 Millionen von ihnen arbeiten in der Bundesrepublik, zweieinhalbmal so viele wie vor fünf Jahren. Von diesen Einwanderern gilt mehr als ein Drittel als qualifiziert, hat also theoretisch das Zeug zum Facharbeiter. Ein weiteres Sechstel umfasst besonders begehrte „Spezialisten“ oder „Experten“. Die Kehrseite der Medaille ist, dass diese Kräfte in ihrer Heimat fehlen. So arbeiten in Deutschland 170.000 Staatsbürger aus Kroatien, das nur 4,2 Millionen Einwohner zählt und unter einem gewaltigen Braindrain leidet. Ähnlich sah es lange in Bulgarien aus, doch ist die Abwanderung schwächer geworden. Der Grund dafür ist der Aufschwung in der Heimat, der mit vielen beruflichen Chancen und erheblichen Lohnsteigerungen einhergeht. Tatsächlich ist in den neuen Mitgliedstaaten das Wachstum höher als im EU-Durchschnitt, während die Arbeitslosigkeit geringer ist. Tschechien weist sogar die allerniedrigste Quote auf.

          Die deutschen Unternehmen, die wichtigsten Investoren in Osteuropa, leiden doppelt unter dem Fachkräftemangel, hierzulande und im Ausland. Sie sind nicht zuletzt wegen der geringeren Arbeitskosten und der verfügbaren Mitarbeiter in die neuen EU-Länder gekommen. Beide Voraussetzungen ändern sich derzeit dramatisch. In Ungarn etwa sind die Reallöhne zuletzt um 8,5 Prozent gestiegen.

          Gefahr der Abwanderung von Unternehmen

          Die jüngsten Umfragen der deutschen Handelskammern in Osteuropa benennen die Personallücke als das größte Wachstumshemmnis. Jeder zweite Manager ist mit der Situation unzufrieden, 2011 galt das erst für jeden vierten. Etwas Entspannung versprechen die Automatisierung und die Gastarbeiter aus der Ukraine. Letztlich aber, so warnt das Wiener Institut WIIW, bestehe die Gefahr, dass Unternehmen aus der östlichen EU abwanderten. Und zwar auf den Westbalkan, zum Beispiel nach Serbien, Mazedonien, Montenegro oder Albanien.

          Dort sind die Kosten niedrig, die Bevölkerung ist jung, die Arbeitslosigkeit hoch. Die genannten Länder sind EU-Beitrittskandidaten, werden über kurz oder lang also eine ähnliche Entwicklung nehmen wie ihre Nachbarn. Doch bis es so weit ist, geht es auf dem europäischen Verschiebebahnhof für Fachkräfte munter weiter.

          Das ist nicht tragisch, sondern Ausdruck freier Arbeitsmärkte, die vielen zugutekommen. Wollen die Länder die Fachkräftemisere aus eigener Kraft lindern, müssen sie mehr in Bildung, Digitalisierung und Kapitalgüter investieren. Und sie müssen mehr Arbeitslose, Alte und Frauen in Beschäftigung bringen. Indes ist es grundfalsch, die (Lebens)Arbeitszeit zu verringern oder die Anreize zur Aufnahme einer Tätigkeit zu senken, etwa durch Abschaffung von „Hartz IV“. Der Wettbewerb um die besten Köpfe hat gerade erst begonnen, Deutschland muss aufpassen, nicht unter die Räder zu geraten.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

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