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Echtzeitvideos : Facebook will zum Live-Erlebnis werden

Wagt mit Echtzeitvideos ein neues Projekt: Facebook-Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg Bild: AP

Facebook soll mit Inhalten gefüllt werden. Darum setzt das soziale Netzwerk nun auf Echtzeitvideos und greift Smartphone-Apps wie Periscope an.

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          Das soziale Netzwerk Facebook ist für viele seiner Nutzer dazu da, zu erzählen, was sie alles so erlebt haben, und dies mit Fotos und Videos zu dokumentieren. Wenn es nach dem Vorstandsvorsitzenden Mark Zuckerberg geht, sollen Mitglieder künftig schon mit dem Kommunizieren beginnen, während sie etwas erleben, indem sie es live auf Facebook ausstrahlen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Auf einer Konferenz für Softwareentwickler in San Francisco machte Zuckerberg einen kürzlich gestarteten Live-Videodienst von Facebook zu einem Schwerpunkt seines Auftritts. Er erzählte, wie eine Facebook-Nutzerin ihre Hochzeit für ihre erkrankte Mutter übertrug. Und wie er selbst fasziniert einer Frau und ihren Kindern in Echtzeit beim Skifahren zusah.

          Auch Google arbeitet an Live-Angebot

          Mit diesem Vorstoß wagt sich Facebook auf ein wachstumsstarkes, aber auch zunehmend umkämpftes Feld. Live-Videos wurden im vergangenen Jahr zu einem großen Thema, als Smartphone-Anwendungen („Apps“) wie Meerkat und Periscope sich verbreiteten. Nun steigen auch andere Unternehmen in das Geschäft ein. Neben Facebook arbeitet angeblich auch der Internetkonzern Google an einem Live-Angebot für seine Videoseite Youtube, das nach einem Bericht der Zeitschrift „Venturebeat“ den Namen „Youtube Connect“ bekommen soll.

          Facebook hat seinen Live-Videodienst im vergangenen Jahr zunächst für Prominente gestartet, mittlerweile ist er für alle Mitglieder offen. Zuckerberg sagte in San Francisco, dass Echtzeitvideos auf Facebook länger angesehen und zehnmal so häufig kommentiert werden wie gewöhnliche Videos. Live-Videos sind für das Unternehmen ein weiteres Vehikel, um seine 1,6 Milliarden Nutzer auf der ganzen Welt zu animieren, Facebook mit Inhalten zu füllen. Dies scheint umso dringlicher, nachdem die Online-Publikation „The Information“ kürzlich schrieb, dass Facebook-Mitglieder weniger Dinge aus ihrem persönlichen Leben auf der Seite veröffentlichen. Wie Zuckerberg jetzt ankündigte, soll die Live-Funktion künftig in verschiedene Geräte integriert werden. Facebook ließ zum Beispiel die Veranstaltung in San Francisco live von einer Drohne filmen und übertragen.

          Live-Videodienste wurden im vergangenen Jahr zunächst als eigenständige Apps populär, also nicht als eine Funktion unter vielen wie nun bei Facebook. Auf dem Digitalfestival South by Southwest in Austin sorgte zunächst Meerkat für Furore und wurde von etlichen Besuchern genutzt. Schon nach kurzer Zeit wurde Meerkat vom Konkurrenzdienst Periscope abgehängt, der vom Kurznachrichtendienst Twitter gekauft wurde. Meerkat hat sich mittlerweile dazu gezwungen gesehen, den Schwerpunkt seines Geschäftsmodells zu verlagern, weg von den Live-Videoübertragungen, mit denen das Unternehmen einst bekannt wurde.

          Auch Videos von Terrorschauplätzen ausgestrahlt

          Periscope hat sich indessen mit Twitter im Rücken behauptet. Kürzlich feierte der Dienst seinen ersten Geburtstag und teilte mit, dass seit dem Start mehr als 200 Millionen Videos über die Apps ausgestrahlt wurden. An jedem einzelnen Tag würden mittlerweile 110 Jahre Live-Videos auf Periscope angesehen, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 41 Jahren, von denen im vergangenen August die Rede war.

          Periscope-Mitgründer Kayvon Beykpour beschrieb seinen Dienst im vergangenen Jahr im Gespräch mit der F.A.Z. als „Teleportation“, die Zuschauer daran teilhaben lässt, was in der Welt passiert. Die Idee für Periscope kam ihm nach eigenen Angaben vor einer Reise in die Türkei. Dort gab es damals Proteste, und Beykpour fand, dass ihm weder Twitter noch Fernsehnachrichten ein Gefühl dafür geben konnten, wie sicher das Land für ihn wäre. Er dachte, dass sich dafür Live-Aufnahmen, die jemand vor Ort mit einem Smartphone macht, besser eigneten.

          Auf Periscope findet sich heute eine breite Palette von Inhalten. Es ist viel Banales und Alltägliches darunter, aber über die App wurden etwa auch Videos von Schauplätzen der Terroranschläge in Paris im November ausgestrahlt. Politiker wie Hillary Clinton und Donald Trump haben Periscope im Präsidentschaftswahlkampf genutzt, und auch Prominente wie die Sängerin Katy Perry oder die Talkshow-Moderatorin Ellen DeGeneres haben Videos auf der App übertragen. Unternehmen setzen den Dienst mittlerweile zu Marketingzwecken ein. Der Autohersteller BMW übertrug vor einigen Monaten die Enthüllung seines Modells M2 auf Periscope. Der Mischkonzern General Electric gab im vergangenen Jahr über die App Einblicke in mehrere seiner Fertigungsstätten. Er ließ mit Kameras ausgestattete Drohnen in den Werken fliegen und übertrug die Bilder auf Periscope.

          Kommunikationskanäle für Unternehmen

          Auch Manager haben Periscope entdeckt, meist als zusätzliches Kommunikationsmittel neben Twitter. John Legere, der Vorstandsvorsitzende des mehrheitlich zur Deutschen Telekom gehörenden amerikanischen Mobilfunkanbieters T-Mobile US, ist ein eifriger Twitter- und Periscope-Nutzer. T-Mobile riet seinen Investoren sogar, die Twitter- und Periscope-Konten von Legere als offizielle Kommunikationskanäle des Unternehmens zu betrachten.

          Twitter hat Periscope mittlerweile stärker in seinen eigenen Dienst integriert und erklärte es zu einer seiner wichtigsten Prioritäten in diesem Jahr, in diese App zu investieren. Wie wichtig das Geschäft für Twitter ist, zeigt sich auch daran, dass Beykpour kürzlich in das „Executive Team“ berufen wurde, den Führungszirkel um den Vorstandschef Jack Dorsey.

          Ebenso wie der Mutterkonzern Twitter, der mit stagnierenden Nutzerzahlen kämpft, steht auch Periscope vor einer großen Herausforderung: Im zweiten Jahr ihres Bestehens geht es für die App darum, ihren Vorsprung zu verteidigen – und sich neben mächtigen neuen Konkurrenten wie Facebook und Google zu behaupten.

          Zuckerberg gegen Trump

          Live-Videos, „Bots“ für den Kurznachrichtendienst Messenger und virtuelle Realität: Das waren die großen Produktthemen von Mark Zuckerberg auf der Entwicklerkonferenz von Facebook. Aber bevor er über die Neuheiten seines Unternehmens sprach, wurde Zuckerberg bemerkenswert politisch. „Wir stehen dafür, jede einzelne Person zu verbinden“, sagte Zuckerberg und knöpfte sich den amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump vor, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen. „Ich höre ängstliche Stimmen, die dazu aufrufen, Mauern zu bauen“, sagte Zuckerberg, was man als Seitenhieb auf Trump verstehen konnte, der im Wahlkampf verspricht, eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko errichten zu lassen.

          Weiter beklagte der Facebook-Chef Bestrebungen, Einwanderung einzudämmen und den Freihandel zu reduzieren. Auch damit geht Trump auf Wählerfang. Zuckerberg schrieb hinterher auf seinem Facebook-Profil, diese Rede sei ihm persönlich sehr wichtig gewesen, und er habe viel Zeit aufgewendet, um sie zu schreiben. Es ist dem Facebook-Chef indes nicht völlig fremd, sich in politische Diskussionen einzumischen. So hat er vor einigen Jahren eine Organisation mitgegründet, die für eine Einwanderungsreform und eine Aufstockung von Visumkontingenten kämpft. Zuckerberg hat auch in der Affäre um Spionageprogramme des amerikanischen Geheimdienstes NSA lautstark die Regierung kritisiert. lid.

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