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F.A.Z. exklusiv : Daimler will es ohne Abfindungen schaffen

Daimler-Mitarbeiter montieren im Werk in Untertürkheim einen Motor. Bild: dpa

Der Umstieg aufs Elektroauto kostet Stellen. Doch der Daimler-Betriebsrat geht davon aus, dass das ohne aktiven Personalabbau gelingt. Die Zulieferer müssen sich aber in Acht nehmen.

          Der Umstieg aufs Elektroauto wird Stellen kosten, das ist längst allen in der Autoindustrie bekannt. Die Mitarbeiter von Mercedes können jetzt aber Hoffnung schöpfen: Viel spricht dafür, dass der Stuttgarter Autokonzern das „Move“ genannte Effizienzprogramm ohne aktiven Personalabbau umsetzt. „Wir sind in Verhandlungen über eine Betriebsvereinbarung, und ich hoffe, dass wir damit sehr kurzfristig zum Abschluss kommen können“, sagte Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender des Mercedes-Werks Sindelfingen, der F.A.Z. Ein Daimler-Sprecher wollte zu dem Zeitplan nichts sagen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Was in der Vereinbarung voraussichtlich stehen wird, fasst Lümali in einem Satz zusammen: „Wir wollen ohne ein aktives Personalabbauprogramm durchkommen, das heißt, es sollen keine Abfindungen angeboten werden.“ Personalabbau in Form von Entlassungen, also über sogenannte betriebsbedingte Kündigungen, sind für Daimler in Deutschland ohnehin tabu. Seit vielen Jahren werden entsprechende Vereinbarungen mit der Belegschaft geschlossen; sofern irgendwo Stellenstreichungen nötig waren, wurde in den betroffenen Bereichen ein Abfindungsprogramm gestartet. Auch solche Programme sorgen aber immer wieder für Unruhe, obwohl sie auf der Freiwilligkeit der Mitarbeiter beruhen.

          Durch den Umbruch in der Autoindustrie rechnet man bei Daimler durchaus mit Überkapazitäten, sowohl aufgrund von Effizienzmaßnahmen als auch wegen der Transformation der Autoindustrie. Die jetzt geplante Betriebsvereinbarung sieht vor: Sofern Tätigkeiten und Arbeitsplätze als überflüssig identifiziert würden, sollen diese Stellen aber nicht abgebaut werden, sondern durch Insourcing neue Arbeit ins Werk geholt werden. Statt bestimmte Aufträge an Zulieferer zu vergeben, würde die Arbeit bei Daimler direkt erledigt.

          „Projekt Zukunft“

          Die Botschaft vernahmen als Erstes rund 15.000 Beschäftigte, die am Montagvormittag zur regulären Betriebsversammlung in Sindelfingen, dem größten Mercedes-Standort in Deutschland, zusammengekommen waren. An anderen Standorten könnten die Mitarbeiter dann eventuell schon über eine fertig ausverhandelte Gesamtbetriebsvereinbarung informiert werden, bestätigte Lümali.

          So ist erst Anfang Juli die Betriebsversammlung in Untertürkheim geplant, wo der Umbau erheblich sein wird. Dort liegt der Schwerpunkt der Aktivitäten heute noch auf dem Bau von Aggregaten für Verbrennerautos, langfristige Vereinbarungen über den elektrischen Antriebsstrang sind noch nicht getroffen und erfordern tendenziell weniger Mitarbeiter.

          Mit der geplanten Vereinbarung wolle man sicherstellen, dass man „vorausschauend und frühzeitig notwendige Maßnahmen ergreifen“ könne, um an den Standorten ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten sicherzustellen. Die Vereinbarung soll für Daimler und die künftigen Sparten-Gesellschaften gelten, die im Zuge der „Projekt Zukunft“ genannten Umstrukturierung dieses Jahr entstehen werden.

          Verunsicherte Mitarbeiter

          Ganz ohne Einschnitte werden die Daimler-Beschäftigten allerdings nicht davonkommen. Den Sparzwang bekommen seit einiger Zeit vermehrt Mitarbeiter zu spüren, die nicht 35, sondern 40 Stunden arbeiten, eine Regelung, die in indirekten Bereichen wie Forschung und Entwicklung oder Personalverwaltung häufig genutzt wird. Solche grundsätzlich nur befristet geregelten 40-Stunden-Verträge sind in den vergangenen Monaten vermehrt geändert worden.

          Sorgen um die Zukunft machen sich Daimler-Mitarbeiter schon, seit vor einigen Monaten immer mehr Details über ein bevorstehendes Sparprogramm durchsickerten. Wegen der erodierenden Gewinne sei ein deutliches „Gegensteuern“ nötig, hatte schon im Februar Dieter Zetsche in seiner letzten Jahres-Pressekonferenz als Daimler-Vorstandschef erklärt – und die Umsetzung an das neue Führungsteam unter dem nun seit wenigen Tagen amtierenden Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius verwiesen.

          Wenig später kursierten Gerüchte, dass Daimler mittelfristig 10.000 Stellen streichen müsse. Das verunsicherte Mitarbeiter zusehends, obwohl im Zuge der Neustrukturierung betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2029 ausgeschlossen werden.

          Die jetzt verhandelte Betriebsvereinbarung zum Effizienzprogramm „Move“ solle noch weiter gehen, erklärte Werks-Betriebsratschef Lümali: Bis Ende 2021 sollen auch Änderungskündigungen ausgeschlossen werden.

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