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Exportrückgang : Chinas Angst vor der Krise

In Wenzhou südlich von Schanghai ballt sich der chinesische Mittelstand: Die Hafenstadt trägt etwa ein Prozent zu Chinas Wirtschaftskraft bei Bild: REUTERS

Die Exporteure leiden unter dem Rückgang der Bestellungen aus der EU und aus Amerika. Auf ein Konjunkturpaket können die Hersteller nicht bauen - dafür ist die Inflation zu hoch.

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          Statt zur Fräse greifen die Metallarbeiter zum Pinsel. Mit gelber Farbe ziehen sie die Markierungen auf dem Hallenboden nach. Hinter den Linien sitzen ihre Kollegen an den Werkbänken und polieren Halterungen für Navigationsgeräte. Jeder zweite Arbeitsplatz ist unbesetzt. „Wir versuchen, unsere Leute so gut es geht zu beschäftigen“, sagt Ling Bin, Verwaltungsdirektor und Miteigentümer des Zulieferbetriebs Asic im südchinesischen Shenzhen. „Das wird immer schwieriger.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          150 seiner 400 Mitarbeiter hat der Mittelständler schon entlassen, der Bau einer zweiten Fabrik wurde auf Eis gelegt. Niemand weiß, ob das neue Werk, das 200 Millionen Yuan (23 Millionen Euro) kostet, je benötigt wird. „Die Unsicherheit in Europa und Amerika hat uns voll erwischt“, klagt Ling. „Die Eigentümerfamilie ist sehr besorgt, es gibt fast kein anderes Gesprächsthema.“ Der Betrieb, der mehrheitlich zur taiwanischen Liye-Gruppe gehört, liefert zur Hälfte an europäische Kunden, in Deutschland an Bosch, Rexroth, ZF oder Behr.

          „Hoffentlich nicht so schlimm wie damals“

          Seit dem Spätsommer hätten die Bestellungen aus der EU und den Vereinigten Staaten um ein Drittel abgenommen, sagt Ling. Statt 90 Prozent wie früher exportiert Asic in diese Märkte nur noch 60 Prozent seiner Produkte. Für das Gesamtjahr erwartet die Gesellschaft einen Umsatzrückgang um mehr als 30 Prozent. „Als wir uns von der ersten Krise gerade erholt hatten, schlug die Schuldenkrise zu“, sagt Ling. „Hoffentlich wird es diesmal nicht so schlimm wie damals.“

          Nach den Verwerfungen 2008 stand das Unternehmen in der Südprovinz Guangdong schon einmal vor dem Aus. Dann jedoch machte die Zentralregierung mit Steuerabschlägen und Kaufanreizen die Märkte für Autos, Maschinen und Konsumgüter wieder flott. Der Kraftfahrzeugverkauf stieg 2009 um 45 und 2010 um 32 Prozent. China wurde zum größten Neuwagenmarkt der Welt, alle wichtigen Hersteller mussten Sonderschichten fahren.

          Das Bruttoinlandsprodukt der Provinz Zhejiang, in der Wenzhou liegt, ist so groß wie das Österreichs
          Das Bruttoinlandsprodukt der Provinz Zhejiang, in der Wenzhou liegt, ist so groß wie das Österreichs : Bild: AFP

          Um mitzuhalten, plante Asic das zweite Werk. Es sollte viel größer als der Hauptstandort werden und profitabler. Denn in Shenzhen wurden im Aufschwung die Arbeitskräfte knapp und teuer. Liye wählte deshalb die Nachbarprovinz Jiangxi, die Heimat vieler Wanderarbeiter. Dort kostet ein Asic-Mitarbeiter nur 2500 Yuan im Monat (290 Euro), fast ein Fünftel weniger als in Shenzhen. Um unabhängiger von internationalen Aufträgen zu werden, unterschrieb der Zulieferer zudem Verträge mit einheimischen Autobauern. Etwa mit dem Daimler-Partner BYD, der ebenfalls in Shenzhen ansässig ist, sowie mit Huatai aus Peking, das zwischenzeitlich Saab übernehmen wollte.

          Heute geht es diesen Hoffnungsträgern schlecht. BYD hat sich vom am schnellsten wachsenden Pkw-Hersteller Chinas zu einem Sorgenkind entwickelt. In den ersten neun Monaten ging der Absatz um fast 16 Prozent zurück, der Gewinn schmolz um 86 Prozent. Der Konzern muss Betriebsteile stilllegen und Personal abbauen, der Aktienkurs ist seit Jahresanfang um 58 Prozent gefallen. Bei Huatai stürzte der Absatz in den ersten zehn Monaten dieses Jahres sogar um fast drei Viertel. „Im Ausland kriselt es, der Inlandsmarkt kühlt sich ab, es sieht nicht gut aus“, fasst es Ling zusammen.

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