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Unglück in Ludwigshafen : Mindestens zwei Tote nach Explosion bei BASF

  • -Aktualisiert am

Mindestens zwei Personen sind bei der Explosion bei BASF gestorben. Bild: AFP

Zwei Menschen werden in Ludwigshafen noch vermisst, viele sind verletzt. Welcher Stoff genau brennt, kann der Konzern BASF noch immer nicht sagen.

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          Als ob dieser Alptraum nie endet. Just als der Werksleiter der BASF zur Antwort ansetzen wollte, jaulten im Hintergrund Sirenen auf. Wieder war die Feuerwehr gefragt, die eilends anberaumte Pressekonferenz in der Hauptfeuerwache der Stadt Ludwigshafen am frühen Montagabend musste mehrere Minuten unterbrochen werden. Was auch immer der sichtlich konsternierte Werkleiter Uwe Liebelt zu sagen hatte, die Sirenen nahmen es vorweg: Das Feuer, das am Mittag in einem der Rheinhäfen ausgebrochen war, ist noch nicht gelöscht. Ohnehin konnte Liebelt auch fünf Stunden nach der Explosion die wesentlichen Fragen nicht beantworten: Nicht die nach der Ursache, und nicht die nach den Opfern.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Klar war am Montagabend nur eines: Mindestens zwei Menschen haben ihr Leben verloren, außerdem würden noch zwei Menschen vermisst, teilte BASF am Abend mit. Zunächst war von sechs Vermissten die Rede gewesen. Vor der Explosion war zunächst eine Versorgungsleitung in dem Hafengebiet in Brand geraten. Ausgerechnet als die Feuerwehr zum Löschen eingetroffen sei, „kam es dann zu einer Explosion“. Nicht nur die Werksfeuerwehr, auch die Wehren aus Ludwigshafen und Mannheim und das Technische Hilfswerk waren den ganzen Tag im Einsatz.

          Der Werksarzt des Konzerns bezifferte die Zahl der Schwerverletzten auf sechs. Wie viele Leichtverletzte es gebe, konnte er noch nicht sagen, immer wieder meldeten sich Menschen in den umliegenden Krankenhäusern.

          All die Warnroutine, die sich BASF über die Jahre angeeignet hat, funktionierte ausgerechnet an diesem Montag nicht so wie sie sollte. Trotz Sirenengeheul in der Stadt, Warnhinweisen über den digitalen Dienst Katwarn, trotz Bürgerhotline und Informationszelt vor dem Werkstor: Mit den wesentlichen Fragen zum Gefahrenpotenzial und dem verbrannten Stoff blieben die Anwohner bis zum Abend alleine.

          Twitter, bewährt in öffentlichen Krisen, wurde zur Kommunikation nur stiefmütterlich genutzt. Messungen des Konzerns und der Feuerwehren hätten keine Hinweise auf erhöhte Schadstoffwerte in der Umgebung gegeben, hieß es lediglich. Die mehrere hundert Meter hohe schwarze Rauchsäule, düster wabernd über dem Stadthimmel,  verbreitete trotzdem Angst. Eine Unfallmeldung aus dem hessischen Werk Lampertheim, bei dem am Morgen ebenfalls vier Mitarbeiter verletzt wurden, sorgte nicht nur in sozialen Medien stundenlang für Verwirrung. Auch die internationale Presse hatte Mühe, zwischen Ludwigshafen und Lampertheim zu unterschieden. Es wäre ein Einfaches gewesen, diesen Widerspruch aufzulösen und bald aufkeimende Verschwörungstheorien und Anschlagängste im Keim zu ersticken.

          Dabei gilt BASF mit ihrer Informationspolitik als Vorreiter. Anders als der alte Konkurrent Hoechst, der Störfälle erst meldete, nachdem die ersten Betroffenen sich in Krankenhäuser schleppten, wollte BASF einen Gegenpunkt setzen. Für einen Konzern, der unmittelbar an einer Stadtgrenze produziert, auf dem größten Chemieareal der Welt, mit fast 40.000 Menschen, ist Vertrauen und Sicherheit schließlich wesentlich. Bis heute meldet der Konzern selbst Fingerverletzungen und jede „ungewöhnliche Fackeltätigkeit“. Öffentlichkeitsarbeit für Nachbarn gehört seit langem genauso zum Standard wie Analysten-PR. Und bis gestern hat das auch funktioniert. Vermutlich die meisten Ludwigshafener, von denen viele selbst in der „Anilin“ arbeiten, identifizieren sich mit dem Konzern, andere haben sich zumindest mit ihm arrangiert. Fundamentale Kritik am größten privaten Arbeitgeber des Landes gibt es so gut wie keine. Das liegt am Geld: Ohne die Finanzspritzen der  BASF läuft wenig in der Stadt, selbst Kultur und Sport wären ohne das Sponsoring ärmer. Das liegt aber auch am gewachsenen Vertrauen.

          Ludwigshafen : Mehrere Vermisste nach Explosion auf BASF-Werksgelände

          Umso mehr muss der Konzern jetzt aufpassen. Die Meldungen über Störfälle häufen sich, schon jetzt sind es mehr als im gesamten Vorjahr. Sofort nach dem Knall, der in weiten Teilen der Stadt zu hören war, wurden denn auch Erinnerungen an die Gasexplosion von vor gerade mal zwei Jahren wach, als zwei Arbeiter ihr Leben lassen mussten. Wegen eines Zwischenfalls mit Phosgen hatte das rheinland-pfälzische Umweltministerium erst kürzlich das Werk inspiziert. In einer Sicherheitskammer entwich damals ein hochgiftiges Gasgemisch aus Stickstoff und Phosgen und verletzte zwei Arbeiter. Das alles ist erst ein paar Wochen her und im Bewusstsein der Ludwigshafener präsent. Heute wurden die Kindertagesstätten benachrichtigt, die Kinder sollen vorerst in den Einrichtungen bleiben. Solche Meldungen sind nicht angetan, Vertrauen zu stärken.

          Der Unglückshafen ist für die Versorgung des Konzerns von großer Bedeutung. Dort werden 2,6 Millionen Tonnen brennbare Flüssigkeiten im Jahr verfrachtet, darunter verflüssigten Gas. In den Rohrleitungs-Trassen werden Vorprodukte von Schiffen zu den Produktionsstätten transportiert. Aus welchem der fünf Rohre es am Ende brannte, könne man noch nicht sagen, erklärte ein Feuerwehrmann. Man habe sie vorsorglich alle abgeschaltet.

          Um weitere Gefahrenquellen zu stoppen, hat der Konzern mehrere Anlagen vorsorglich heruntergefahren, darunter auch seine beiden chemischen Großanlagen, die sogenannten Cracker, in denen Rohbenzin in seine Bestandteile zerlegt wird. Was das kostet? „Das“, sagte Liebel, „ist für uns heute irrelevant“.

          Es wurde ein Bürgertelefon eingerichtet unter der 0800/5050500. Fragen beantwortet auch die Umweltzentrale unter der 0621/60-4040. Die Feuerwehr Ludwigshafen hat ebenfalls ein Info-Telefon geschaltet: 0621 5708-6000.

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