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Expansion in Fernost : Henkel eröffnet größtes Klebstoffwerk der Welt - in China

Henkel-Chef Kasper Rorsted (links) in China Bild: Bu yu/Imaginechina/laif

Die Expansion in Fernost läuft, Henkel startet den „Dragon Plant“. Konzernchef Rorsted wünscht sich für die Zukunft außerdem Chinesen im Vorstand des Markenartiklers.

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          Am kommenden Mittwoch hält der Henkel-Konzern seine bisher ungewöhnlichste Vorstandssitzung ab: in einem Bus in Schanghai. Die Unternehmensführung und der Gesellschafterausschuss kommen dann in Chinas wichtigster Wirtschaftsmetropole zusammen, um die Eröffnung des größten Klebstoffwerks der Welt zu feiern, der sogenannten „Dragon Plant“. Im örtlichen Chemiepark SCIP hat Henkel eine Anlage gebaut, die in der Endausbaustufe 2015 rund 430.000 Tonnen Industrieklebstoffe im Jahr produzieren kann. Das ist mehr als doppelt so viel wie die nächstgrößere Fabrik. „Vom Standort bis zur Innenstadt dauert es anderthalb Stunden, die Rückfahrt wollen wir sinnvoll nutzen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Henkel AG & Co. KGaA, Kasper Rorsted. „Deshalb schalten wir im Bus unsere iPads ein und halten die Vorstandssitzung dort.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Rorsted ist bekannt für seine China-Neigung und für seine unorthodoxen Sitzungsorte. Im Schnitt jede sechste Woche reist er in den Fernen Osten. Im Jahr 2010 war er der erste Chef eines Dax-Unternehmens, der den Konzern sechs Wochen lang aus China heraus leitete. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post AG, Frank Appel, tat es ihm 2012 nach. Der Grund dafür ist einfach: Für Rorsted steht außer Frage, dass China einer der wichtigsten Wachstumsmärkte ist, wenn nicht sogar der wichtigste überhaupt. Derzeit kommen fast 7 Prozent des Konzernumsatzes von 16,5 Milliarden Euro aus China, rund 1,1 Milliarden Euro.

          Damit ist die Volksrepublik das interessanteste Absatzterrain hinter Amerika und Deutschland. Noch ist der Heimatmarkt doppelt so groß, er wächst aber viel langsamer. Während der Umsatz in Europa stagniert und in Deutschland nur leicht zunimmt, legt er in China jedes Jahr um 10 bis 20 Prozent zu. „Wenn das Wachstum in der EU so schwach bleibt, was niemand hofft, dann läge China für uns in sechs bis acht Jahren auf Rang zwei hinter Deutschland“, sagt Rorsted im Gespräch mit dieser Zeitung auf dem Weltwirtschaftsforum in Dalian.

          „Immer mehr globale Champions aus China“

          Die zunehmende Bedeutung der Region könnte sich eines Tages auch in der Führungsetage niederschlagen. „Wenn ein Kandidat gut ist und wir einen Platz frei haben, dann stünde die Tür für ein chinesisches Vorstandsmitglied offen“, kündigt Rorsted an. Das Gremium ist schon jetzt international besetzt, mit einem Franzosen und einem Belgier, Rorsted selbst ist Däne, die Konferenzsprache ist Englisch. Die Leiterin des Kosmetikgeschäfts in Asien, die an den Vorstand berichtet, ist bereits eine Chinesin.

          Henkel ist der größte Klebstoffhersteller der Welt und auch in China Marktführer. Der nächstgrößere Konkurrent in Asien sei sechsmal kleiner, weiß Rorsted. Er hat die Strategie ausgegeben, den Umsatzanteil der Schwellenländer bis 2016 von 45 auf 50 Prozent zu steigern. Die Gesamterlöse des Konzerns sollen dann 20 Milliarden Euro betragen, etwa ein Fünftel mehr als heute. Was dem Vorstandsvorsitzenden an China besonders gefällt: „Wir verdienen hier mehr Geld als anderswo.“ Details zur Marge lässt er sich aber nicht entlocken. Rund 85 Prozent des Umsatzes erlösen die Düsseldorfer in der Volksrepublik mit Klebstoffen, fast alle für die Industrie. Hingegen spielen Klebemittel und Leime für Privatkunden, etwa Pattex, Pritt oder Ponal, kaum eine Rolle.

          Der Markt ist deshalb so interessant, weil so gut wie alle wichtigen Henkel-Kunden in China fertigen, für den dortigen Markt ebenso wie für den Export: Im Autobau wird geklebt, bei Flachbildschirmen und Smartphones, bei Turnschuhen oder auch bei Einmalwindeln, deren Absatz in China rasant steigt. Immer mehr Abnehmer sind rein chinesische Unternehmen. Vor acht Jahren waren noch 70 Prozent internationale Konzerne, jetzt sind es nur noch 50 Prozent. „Es gibt immer mehr globale Champions aus China“, sagt Rorsted und erwähnt die Netzwerkausrüster und Smartphone-Bauer Huawei und ZTE, den größten Hersteller von Personal-Computern, Lenovo, und den Mobilfunkanbieter mit den meisten Kunden, China Mobile.

          Henkel hat in China auch schon Lehrgeld bezahlt

          Henkel ist auch mit Kosmetikprodukten in China vertreten. Sie machen 15 Prozent vom Umsatz aus, also mehr als 150 Millionen Euro. Der Hersteller von Haarwaschmitteln wie Schwarzkopf und Schauma setzt hier auf seine Marke Syoss und auf speziell für Asiaten entwickelte Produkte. So kommen einige Haarfärbemittel aus einer Flasche wie für Rasierschaum. „Der Kosmetikmarkt ist hochattraktiv“, erläutert Rorsted, „die Chinesen sind im positiven Sinne sehr eitel.“ Sie gäben einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schönheitsprodukte aus als Europäer. „Das ist für sie erschwinglicher Luxus, den man vorzeigen kann.“

          Je städtischer China werde und je stärker die Mittelschicht wachse, umso interessanter sei der Markt - beide Entwicklungen treibt die neue Regierung voran. Auch das Ziel, umweltverträglicher und ressourcenschonender zu produzieren, kommt Henkel entgegen. „Mit unseren Produkten kann man leichtere Autos bauen oder Wasser sparen“, wirbt Rorsted.

          Allerdings hat das Unternehmen in China auch schon Lehrgeld bezahlt, und zwar mit seinem bekanntesten Geschäftszweig, der Waschmittelherstellung. Nach dem Aufkauf von Produktionsstätten war der Persil-Hersteller in den neunziger Jahren zunächst Marktführer in China. Doch eine falsche Markenpolitik, ein ausländisches Management ohne China-Verständnis und die winzigen Margen führten dazu, dass man scheiterte und das Land wieder verließ. Mit Geschirrspülmitteln bekam der Somat-Produzent ebenfalls kein Bein auf die Erde. Denn Geschirrspüler sind unpopulär in China. Rorsted: „Viele sagen: Wir essen hier so ölig, das schafft eine Maschine nicht. Da leisten wir uns lieber eine Haushaltshilfe, die abwäscht.“

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