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Existenzängste wegen Corona : Die Musikbranche ruft um Hilfe

Die Hamburger Indie Rock-Band Kettcar bei einem Auftritt in Karlsruhe im Juli 2019 Bild: dpa

Statt von Konzert zu Konzert zu reisen, sitzen Künstler auf hohen Kosten. Und keiner weiß, ob die Sommer-Touren stattfinden. Ein Branchenverband fordert nun einen milliardenschweren Hilfsfonds.

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          Das Konzertleben steht wegen der Maßnahmen gegen das Coronavirus nahezu still. Mit Blick auf den Schutz der Gesundheit werden die Einschränkungen kaum kritisiert. Doch viele in der Musikbranche geraten durch abgesagte oder verschobene Auftritte in schwere finanzielle Nöte.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Fokus stehen meist die Künstler auf der Bühne, aber in misslicher Lage sind auch viele Veranstalter, Konzerthäuser und Booking-Agenturen. Schlecht geht es auch all jenen, die vor und hinter der Bühne für einen reibungslosen Ablauf sorgen: Aufbauhelfer, Licht- und Tontechniker oder eben Tour-Manager.

          Einer, der zwei eher kleine Touren mit pro Abend 500 bis 1000 Menschen betreuen sollte, berichtet gegenüber der F.A.Z. von Kosten im mittleren fünfstelligen Bereich, die zu begleichen seien. Der Tross sollte jeweils aus 37 Personen bestehen, geplant waren 21 beziehungsweise 15 Konzerte. Während die Gagen und Gelder etwa aus Fanartikelverkäufen vorerst ausblieben, müssten die Rechnungen für die angefertigten T-Shirts oder die Miete für Fahrzeuge und Bühnentechnik bezahlt werden. Wenn Tickets im Falle einer Verschiebung nicht zurückgegeben würden, helfe das lediglich dem ebenfalls gebeutelten Veranstalter und dessen Cashflow. Abgerechnet mit den Künstlern wird erst, nachdem ein Konzert stattgefunden hat.

          3,9 Milliarden „für alle Gewerke der Musikwirtschaft“

          Der Verband unabhängiger Musikunternehmer (VUT), in dem die kleineren Plattenfirmen sowie Vertriebe und Verlage organisiert sind, fordert daher ein „Auffangprogramm für die gesamte Musikwirtschaft“. Da viele in der Branche über keine nennenswerten Rücklagen verfügten, könnten die entstehenden Einbußen und Auftragsverluste schnell existenzgefährdend werden, was „auf lange Sicht“ die kulturelle Vielfalt in Deutschland bedrohe, sagt VUT-Geschäftsführer Jörg Heidemann. Viele in der Branche, unter anderem auch der Chef des Veranstaltungs- und Ticketriesen CTS Eventim, fürchten, dass kleinere Veranstalter und Clubs die Flaute nicht überstehen werden.

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          Neben Auffangplänen etwa durch gering verzinste Überbrückungskredite für Selbständige, plädiert der VUT auch für einen Hilfsfonds in Höhe von 3,9 Milliarden Euro „für alle Gewerke der Musikwirtschaft“. Dabei bezieht sich der Verband auf eine 2015 unter Beteiligung des Bundeswirtschaftsministeriums erstellte Studie, der zufolge 127.000 Selbständige und Arbeitnehmer in der deutschen Musikwirtschaft tätig sind. Um die Veranstalter zu unterstützen hatte der geschäftsführende Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Jens Michow, gegenüber der F.A.Z. jüngst zudem eine Regelung gefordert, der zufolge Karten nicht erstattet werden müssen, sofern ein Nachholtermin innerhalb von einem Jahr gewährleistet wird. Es sei zumutbar „auch den Verbraucher in einem gewissen Umfang an den Lasten der aktuellen Krise zu beteiligen“, so Michow. Schließlich habe die Lage niemand vorhersehen können und die Veranstalter müssten trotz Absage erhebliche Vorlaufkosten tragen.

          Musik kaufen statt streamen?

          Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatten am Freitag unlimitierte, staatliche Finanzhilfen für die Wirtschaft angekündigt, etwa über Steuerstundungen, Kredite oder neue Regelungen für das Kurzarbeitergeld. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte schon Mitte vergangener Woche Kultureinrichtungen und Künstlern Unterstützung versprochen. Der VUT fordert derweil auch eine Vorauszahlung der Verwaltungsgesellschaften Gema und GVL an die jeweiligen Künstler. Von einer „Soforthilfe in Höhe der letztjährigen Abrechnungen“ ist die Rede.

          Unterdessen versuchen Künstler über verschiedene Wege ihre Situation zumindest ein wenig zu verbessern. Das ist bitter nötig, sind Touren schließlich auch für bekanntere Musiker eine der wichtigsten Einnahmequellen. Einige Bands bieten nun etwa für die Tour bestellte Fan-Artikel oder besondere Pressungen ihrer Werke an, oft flankiert mit der Bitte, neben dem Kauf auch noch etwas zu spenden. Es gibt auch Aufrufe, Musik – ob als Download oder auf einem physischen Tonträger – zu kaufen und Künstler so direkt zu unterstützen, anstatt lediglich über Dienste wie Spotify zu streamen. Diverse Musiker kündigten zudem Live-Streams von Auftritten zuhause oder im Proberaum an, wie sie etwa der Pianist Igor Levit täglich via Twitter überträgt – möglicherweise für manche ein weiterer Weg, um durch Spenden zumindest ein wenig Geld einzunehmen.

          Veranstalter und Booking-Agenturen arbeiten derweil mit allen weiteren Beteiligten an Nachholterminen für die unzähligen abgesagten Auftritte. Die Hoffnung ruht auf dem Sommer, in dem auch die vielen großen Open-Air-Festivals wie beispielsweise die Doppel-Veranstaltungen Rock am Ring/Rock im Park und Southside/Hurricane anstehen. Ob sie stattfinden werden, hängt aber natürlich vom weiteren Verlauf der Corona-Pandemie ab.

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