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Zugunsten der Nachhaltigkeit : Evonik verbannt das Öl aus Spülmittel

  • -Aktualisiert am

Fermenterhalle am Evonik-Standort in der Slowakei Bild: Evonik

Der Spezialchemiekonzern investiert einen dreistelligen Millionenbetrag in eine neue Produktionsanlage. Der Partner Unilever hat die neuen Reinigungsmittel schon getestet. Denn der Markt für umweltfreundliche Tenside wächst rasant.

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          Spülmittel soll schäumen, aber nicht zu viel, sich an den Händen gut anfühlen und am allerwichtigsten: den Schmutz vom Geschirr vernünftig abwaschen. Das funktioniert mit ganz unterschiedlichen Inhaltsstoffen, doch wird den Konsumenten zunehmend wichtiger, dass das Produkt komplett biologisch abbaubar ist. Konsumgüterhersteller wie Unilever suchen daher vermehrt nach nachhaltigen Inhaltsstoffen, wobei wiederum Zulieferer helfen können.

          So investiert der Essener Spezialchemiekonzern Evonik einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag, um in der Slowakei eine neue Produktionsanlage für sogenannte Rhamnolipide aufzubauen, die vollständig biologisch abbaubar sind. Das teilte das Unternehmen am Freitag mit. Diese Rhamnolipide werden durch die Fermentation von Zucker hergestellt, Öle sind dafür nicht mehr nötig.

          Damit geht Evonik einen Schritt weiter in der Herstellung sogenannter Biotenside. Die ersten Tenside waren ganz praktische Seifen, schon vor mehreren tausend Jahren wurden sie hergestellt, damals meist mit Ölen aus Pflanzen oder Tierfetten. Später wurden sie auch mit Hilfe von fossilen Stoffen hergestellt. Sie kommen vor allem in Wasch- und Reinigungsmitteln vor, mehr als die Hälfte der jährlich produzierten rund 20 Millionen Tonnen Tenside entfallen darauf.

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          Um ihre Ökobilanzen zu verbessern, wollen aber viele Hersteller zunehmend sogenannte Biotenside verwenden, die dann auf Basis von Ölpflanzen wie Raps, Oliven oder Flachs entstehen. Die sind dann zwar ebenfalls biologisch – allerdings wird über den Einsatz von Ölen auch heftig debattiert. Dieser Markt für Biotenside ist noch klein, aber er wächst stark. Für dieses Jahr wird ihm ein Umsatz von 5,52 Milliarden Dollar prognostiziert, bei einem Marktvolumen von Tensiden von mehr als 34 Milliarden Dollar.

          Viel Forschung, wenige Produkte

          Das Potential von Biotensiden für Reinigungsmittel haben Forscher schon in den 1980er-Jahren erkannt, doch fehlte es für die Produktion an zwei Seiten: Einmal wurden nur kleine Mengen hergestellt – und die Nachfrage war schlicht nicht da. Inzwischen gibt es einige Industrieprojekte, in Deutschland etwa in Zusammenarbeit von Unternehmen wie dem Reinigungshersteller Dalli-Werke, dem Konsumgüterkonzern Henkel und dem Chemieriesen BASF gemeinsam mit Forschungseinrichtungen wie dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB).

          Evonik forscht seit mehr als zehn Jahren daran. Vor fünf Jahren war der Spezialchemiekonzern der erste Zulieferer für ein Reinigungsmittel auf Biobasis mithilfe sogenannter Sophorolipide. Der belgische Hersteller Ecover hat sich vom Evonik-Standort Slovenská Ľupča diese Zusätze liefern lassen. Andere Unternehmen stellen daraus etwa Hautcremes her. Sophorolipide werden auch aus Zucker gewonnen und mittels Hefe umgewandelt, allerdings wird dabei eben auch noch Rapsöl verwendet. Gemeinsam mit Unilever hat der Essener M-Dax-Konzern daher 2019 angefangen, die komplett ölfreie Technik zu testen.

          Eine Herausforderung ist dabei, dass sich in großen Produktionsmengen nicht zu viel Schaum bildet. In den Testmärkten Chile und Vietnam kamen die Produkte gut an, weshalb Unilever das künftig ausbauen will. Aktuell arbeiten rund 200 Mitarbeiter an der Anlage in der Slowakei, weitere 20 sollen hinzukommen. „Der Weg der Rhamnolipide von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt war lang – und er hat sich gelohnt“, sagt Harald Schwager, Innovationsvorstand von Evonik.

          Ausstieg aus fossilen Inhaltsstoffen

          Für Unilever ist die Zusammenarbeit mit Evonik deshalb wichtig, weil der Konsumgüterkonzern bis 2030 fossilen Kohlenstoff in seinen Reinigungsmitteln komplett ersetzen will. „Die Partnerschaft mit Evonik hilft uns, unsere Marken von fossilem Kohlenstoff unabhängig zu machen, ohne dabei Kompromisse bei Leistung oder Preis machen zu müssen“, sagt Peter Dekkers, der für das Mitteleuropageschäft von Unilever zuständig ist. Perspektivisch können solche Rhamnolipide auch in anderen Produkten verwendet werden, etwa in Shampoos, der Zahnpflege oder in der Kosmetik. Vorerst dürfte die Produktion, wenn sie 2024 voll anläuft, aber mit der Partnerschaft mit Unilever gut ausgelastet sein.

          Evonik stößt mit der Investition in einen für sie neuen Bereich vor, der stark wachsen könnte. Gleichzeitig ist es ein Forschungsbereich, in dem über Jahre unklar war, ob sich die Innovation überhaupt irgendwann in ein Produkt umwandeln lässt. Gerade der Verzicht auf das Öl könnte dabei den Unterschied machen im Vergleich zu anderen Biotensiden, also Reinigungsmitteln.

          Denn die Wirkung ist überall gleich: Die Reinigungsmittel brauchen Partikel, die sowohl wasserliebend sind als auch hydrophob, damit sich der Schmutz löst und auch rasch abfließen kann. Der hy­drophobe Teil des Lipids umschließt das Schmutzpartikel und schwämmt es von der Oberfläche weg. So ähnlich funktionieren übrigens die Lipide, die Evonik für den Impfstoffhersteller Biontech produziert – dabei werden mithilfe der Fette allerdings die mRNA-Wirkstoffe im Körper an die Stelle transportiert, wo sie hingehören.

          Der Drang zu mehr Nachhaltigkeit, der sowohl von den Konsumenten als auch von Unternehmen mit Blick auf eigene Klimaziele vorherrscht, bringt dabei freilich neue Herausforderungen mit sich – auch wenn man sich von ölbasierten Pflanzen verabschiedet. Im Fall der Rhamnolipide ist es die Verfügbarkeit von Zucker. Der kommt aus in Europa angebautem Mais. Doch Evonik will in Zukunft nicht im Flächenwettbewerb zur Nahrungsmittelproduktion stehen.

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