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Europas Autoindustrie : Die Massenhersteller geraten in Not

  • -Aktualisiert am

Ford schließt sein Werk im belgischen Genk Bild: dpa

Die Krise der Autoindustrie verschärft sich weiter, vor allem die Massenhersteller sind betroffen. Ford schließt ein Werk in Belgien, PSA bekommt Staatshilfen und rückt noch enger mit Opel zusammen.

          Die Absatzkrise der Autoindustrie in Europa hat sich abermals verschärft, und der staatliche Einfluss auf die Branche nimmt zu. Während der amerikanische Ford-Konzern sein Werk im belgischen Genk schließt, legt der Konkurrent General Motors die Modellentwicklung seiner deutschen Tochtergesellschaft Opel mit der des angeschlagenen französischen Konkurrenten PSA Peugeot Citroën zusammen, um die Kosten zu senken. Der PSA-Konzern nimmt zugleich staatliche Kreditgarantien in Anspruch und muss im Gegenzug künftig einen Vertreter der Pariser Regierung in seinem Verwaltungsrat akzeptieren. Sogar bei dem im Vergleich zur Konkurrenz sehr erfolgreich agierenden deutschen Volkswagen-Konzern zeigen sich erste Spuren der Krise. Das Wolfsburger Unternehmen verzeichnete im dritten Quartal den größten Gewinnrückgang seit dem Krisenjahr 2009.

          Auch für die deutschen Hersteller von Qualitätsautos verschlechtert sich ihre noch immer gute Lage. Bisher konnten BMW, Audi oder Mercedes die seit fünf Jahren andauernde Schwäche des europäischen Marktes durch Exporte nach Übersee mehr als kompensieren. Doch inzwischen haben viele Schwellenländer so hohe Einfuhrhürden in Form von Zöllen errichtet, dass die Hersteller ihre Autos für Märkte wie Brasilien oder China, aber auch Nordamerika immer stärker in eigens errichteten Fabriken vor Ort produzieren. Als Folge stehen in der erfolgverwöhnten deutschen Autoindustrie zumindest viele Arbeitsplätze für Leiharbeiter auf der Kippe. Die Branche beschäftigt inklusive der Zulieferer Zehntausende Zeitarbeiter, deren Stellen gefährdet sind.

          Aktienkurs von PSA auf tiefstem Stand seit über 25 Jahren

          Die Massenhersteller trifft es schon jetzt. Ford will sein Europa-Geschäft, das in diesem Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Verlust verursacht, wieder in die Spur bringen, indem das Werk im belgischen Genk mit 4300 Beschäftigten Ende 2014 geschlossen wird. Die drei dort gebauten Fahrzeugmodelle verlagert Ford nach Spanien. Der Konzern bereitet sich damit darauf vor, dass in Europa im kommenden Jahr voraussichtlich so wenige Autos verkauft werden wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

          Die französische Regierung reagiert mit Hilfen für PSA Peugeot-Citroën. Sie will die Bank des Autoherstellers künftig mit Staatsgarantien von bis zu sieben Milliarden Euro ausstatten, damit sie sich am Markt günstiger finanzieren kann. Ein entsprechender Vorschlag soll in den französischen Haushaltsplan eingebracht werden, zudem will Paris die EU-Kommission darüber informieren.

          Im Gegenzug verlangt der französische Staat umfassende Mitspracherechte bei PSA. Das seit seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts unabhängige Unternehmen muss künftig einen staatlichen Vertreter sowie einen Entsandten der Belegschaft im Aufsichtsrat akzeptieren. Zudem wird ein Komitee aus je einem Vertreter der Regierung, des Konzerns und einem unabhängigen Mitglieds künftig mit einer Art Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen ausgestattet. Der Aktienkurs von PSA stürzte in Paris in der Spitze um 8 Prozent auf 5,35 Euro - den tiefsten Stand seit über 25 Jahren.

          Preiskampf hinterlässt auch bei Volkswagen erste Spuren

          Gleichzeitig vertiefen Opel und Peugeot ihre Zusammenarbeit. Die beiden Unternehmen, denen sogar Pläne für eine Fusion in einem Gemeinschaftsunternehmen nachgesagt werden, wollen künftig vier Grundgerüste für kleine und mittelgroße Autos gemeinsam entwickeln.

          Eng zusammengerückt: Steht dieser Peugeot vor dem Opel-Werk in Bochum für die Zukunft? Bilderstrecke

          Die Opel-Betriebsräte befürchten vor diesem Hintergrund negative Folgen für die Arbeitsplätze im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum, wo 5000 Ingenieure neue Modelle konstruieren. Sie reagierten entsprechend alarmiert und mahnten „ein Kräftegleichgewicht“ an. Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug sagte, er werde nicht akzeptieren, dass Beschäftigte gegeneinander ausgespielt würden - „weder innerhalb noch zwischen den Unternehmen“. Eine „Abwärtsspirale“ bei den Einkommen helfe keiner Seite.

          Der Preiskampf auf dem Automarkt hinterlässt selbst bei Europas Nummer eins, dem als besonders stark geltenden Volkswagen-Konzern, erste Spuren. Bei VW sank der operative Gewinn im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Fünftel auf 2,3 Milliarden Euro. Auch der Start des neuen Golf 7 und einer neuen Art der Produktion mit verstärktem Einsatz gleicher Teile (modularer Querbaukasten) drückten den Gewinn.

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