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Innovation bei Essenslieferant : Deliveroo mit neuem Konzept

  • -Aktualisiert am

Die Fahrer des Lieferdienstes Deliveroo sind an ihren türkisfarbenen Outfits zu erkennen. Bild: AFP

Wer hungrig ist, bestellt die Pizza oder die gebratene Ente immer häufiger mit einer App statt am Telefon. Doch der Kampf um die Aufmerksamkeit ist hart. Das britische Start-up Deliveroo baut deshalb sogar eigene Küchen – und bietet sie Restaurants an.

          Wenn jemand heutzutage Essen bestellt, kommt es immer häufiger vor, dass diese Bestellung über eine App abgewickelt wird. So eine Bestellung hängt dann von vielen Faktoren ab: Nach welcher Küche steht einem der Sinn, wie sind die Bewertungen des Restaurants, was kostet das Essen – und nicht zuletzt: Wie lange dauert die Lieferung?

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Dieser letzte Punkt ist für die Anbieter von solchen Lieferplattformen ein ganz entscheidender: Denn es gibt nicht nur unter den Restaurants, sondern auch unter den Plattformen einen harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Kunden. Wer dort heraussticht, etwa durch besonders schnelle Lieferungen, hat einen Vorteil.

          Das ist vor allem für die Plattformen relevant, die nicht nur Bestellungen an Restaurants mit eigenen Fahrern vermitteln, sondern die Lieferungen selbst organisieren. In Deutschland kennt man vor allem Foodora, das zu der Berliner Online-Plattform Delivery Hero gehört und sein Essen in pinkfarbenen Boxen verschickt, und Deliveroo, ein britisches Start-up, dessen Fahrer in türkisfarbenen Boxen mit Kängurus durch die Städte radeln.

          Der Algorithmus wird ständig umgebaut

          Wer also etwas bestellen möchte, sieht in der Ecke die Information: Lieferzeit 20 bis 25 Minuten. Weil jede Bestellung anders ist, wird schon diese simple Anzeige aus vielen Faktoren berechnet. Deliveroo hat seinen Algorithmus, der die gesamte Bestellung organisiert, Frank genannt. Eigentlich hieß der früher Louie, benannt nach einem Charakter von Danny de Vito, der in einer Comedy-Serie die Fahrten von Taxis koordiniert hat.

          Nach einem Update heißt Louie nun Frank, wie De Vitos Charakter aus der Serie „It’s Always Sunny in Philadelphia“. Was Frank berechnet, hängt davon ab, welches Gericht zubereitet wird, wo das Restaurant steht, welche Tageszeit an welchem Wochentag ist, wie viele Fahrer unterwegs sind, wie viele Kunden gleichzeitig Essen bestellen und natürlich wie weit das Restaurant vom Besteller entfernt ist. Und das alles für jeden Kunden in jeder App unterschiedlich, denn die sitzen schließlich an unterschiedlichen Orten.

          Frank lernt von Akshay Navle. Der ist verantwortlich für alles rund ums „Produkt“, „Vice President“ lautet sein Titel. „Unser Marktplatz hat drei Seiten: Restaurants, Fahrer und Kunden“, sagt Navle. „Das gibt es sonst nicht so häufig und macht die Koordination anspruchsvoller als etwa auf normalen Verkaufsplattformen.“

          Navle ist im Juni letzten Jahres zu Deliveroo gekommen, als das Start-up sein Unternehmen Maple gekauft hat. Maple hat auch Essen geliefert, allerdings nur in New York und in etwas kleinerem Rahmen – aber die Technik, die nun auch in den Algorithmus geflossen ist, war für die Briten interessant. Seit dem Kauf arbeitet Navle in einem schicken Bürokomplex direkt an der Themse mit Blick auf die London Bridge. 600 Mitarbeiter arbeiten in dem Büro, in dessen Mitte ein Basketballplatz steht. Er hat keine Körbe, aber dafür eine digitale Leinwand, auf der Instagram-Posts einlaufen, Fotos von Bestellungen.

          Rückzug aus zehn Städten

          Auf einer Treppe stehen türkisfarbene Boxen, denn alle Mitarbeiter, die sich hier wie Navle um die Tech-Plattform oder um das Marketing kümmern, sind dazu angehalten, auch immer wieder Essen auszufahren oder in den Restaurants mitzuarbeiten. So haben die Designer von den Fahrern erfahren, dass die großen rechteckigen Boxen (deren Form an der Größe eines Pizzakartons gemessen wird) oft unbequem sind. Nun sollen sie besser faltbar sein.

          So wie der Algorithmus Frank ständig neue Entscheidungen durch neue Informationen trifft, bauen auch die menschlichen Mitarbeiter ständig um. Dazu gehören auch manchmal Rückzüge, zumindest vermeintliche. So war Deliveroo in Deutschland bis vor kurzem in 15 Städten aktiv, inzwischen sind es nur noch fünf. Für ein junges Unternehmen, dessen Hauptziel gerade ist, möglichst schnell zu wachsen, sind diese Städte mit vielen potentiellen Kunden besonders interessant. Für den Wettbewerber Foodora ist das freilich ein Zeichen dafür, wer vorne liegt. Für die Briten nur ein kurzer Neufokus: „Wir wollen am liebsten überall in Deutschland sein, aber in den fünf Städten gibt es derzeit die besten Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Caleb Merkl.

          Deutschland ist ein wichtiger Markt, aber von den rund 50.000 Fahrern rund um den Globus gibt es hierzulande nur 1100. Allein in Großbritannien, dem Heimatmarkt, sind es 15.000. Da ist noch viel Luft nach oben. „Viele Leute denken, dass das Geschäft mit Essenslieferungen schon recht weit ist, dabei ist es online noch total unterrepräsentiert. Das ist unglaublich“, sagt Merkl. Er vergleicht die Zurückhaltung gerne mit dem Online-Handel zur Jahrtausendwende. Genauso wie Navle ist Merkl einer der Gründer von Maple, er kümmert sich nun um „Special Products“, also besondere Ideen. Das hat auch mit seiner früheren Arbeit zu tun, denn das New Yorker Start-up hatte sich darauf fokussiert, Restaurants weitere Küchen anzubieten.

          Neue Geschäftsidee bald auch in Deutschland?

          Damit experimentiert nun auch Deliveroo. Die Idee hinter dem „Editions“ genannten Programm: Restaurants, die eigentlich ausgelastet sind, aber bei Kunden beliebt sind, können somit ihren Umsatz steigern. „Die größte Hürde für ein kleines Restaurant ist das Kapital, um sich zu vergrößern“, sagt Merkl. Frank erkennt etwa, dass in einem Stadtteil die Nachfrage nach chinesischem Essen besonders hoch ist. Dann bietet Deliveroo einem Restaurant an, dort eine Küche aufzubauen, die nur dafür benutzt wird, Essen zu kochen, das geliefert wird.

          Das Restaurant stellt Köche, Lebensmittel und die Rezepte – den Rest wie die Suche nach Immobilien und die Organisation übernimmt das Start-up. Dafür zwackt es sich freilich eine etwas höhere Provision bei jeder Bestellung ab. Zwischen drei und zwölf Küchen baut Deliveroo in jeder „Edition“ auf. Bis zum Ende des Jahres soll die Nummer 250 gebaut sein. In Deutschland gibt es das noch nicht. Das könnte sich aber bald ändern.

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