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Licht- und Gebäudetechnik : „Es gibt einen enormen Aufholbedarf“

Volle Kontrolle: Das Smart Home setzt sich auch in der Küche durch, was Energie sparen soll. Bild: EPA

Mit Elektrifizierung und Digitalisierung soll Energie in Gebäuden eingespart werden. Auf der Messe Light + Building wollen Unternehmen Lösungen präsentieren. Doch es fehlen Fachkräfte.

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          Etwas mehr als ein Drittel des Endenergieverbrauchs und etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland sind auf Gebäude zurückzuführen. Genauer gesagt: auf Raumwärme, Warmwasser, Beleuchtung und Kühlung. Laut Umweltbundesamt ist der gebäuderelevante Endenergieverbrauch zwischen 2008 und 2018 zwar um 17 Prozent gesunken. Dennoch bietet dieses Feld weiterhin hohe Einsparpotentiale. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Gebäude gebaut wurden, bevor 1977 die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft getreten ist. Doch es sind nicht nur bauliche Mängel. Durch die derzeitige Energiekrise rücken nochmals vermehrt Digitalisierung, Automation und Vernetzung in den Fokus.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Die Abkopplung Deutschlands vom russischen Gasmarkt und die gestiegenen Preise für Energie haben das Interesse an Produkten aus diesen Segmenten befeuert. Das spüren auch die Aussteller der Light + Building. Die Weltleitmesse für Licht und Gebäudetechnik findet von Sonntag bis Donnerstag in Frankfurt statt. Und auch wenn die Aussteller aus China wegen der Pandemie fehlen werden und der Termin nicht wie sonst im Frühjahr liegt, was wegen des Innovationszyklus der Branche eigentlich besser wäre, ist die Vorfreude auf das Wiedersehen so groß, dass der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe Frankfurt von einem „Festtag“ spricht: „Die letzte Light + Building hat 2018 stattgefunden. In den Bereichen Klimatechnik, Sicherheitsbedürfnis, Gebäudeautomation und Smart-Systeme hat sich seitdem viel getan“, sagt Wolfgang Marzin und schlägt eine Brücke zur Gegenwart: „40 Prozent der Energie in Europa wird in Gebäuden verbraucht. Da sieht man, welchen Beitrag diese Branche leisten kann, um die Klimaziele zu erreichen.“

          Wolfgang Weber, Chef des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI), spricht von „dramatischen Reduzierungsmöglichkeiten“. Die Gebäude würden künftig immer stärker zum Zentrum der Energiewende. „Sie werden zunehmend zum Energieproduzenten mit eigenen Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Hinzu kommt, dass man ein intelligentes Energiemanagementsystem aufbauen kann, in dem Ladesäulen, Wärmepumpen und das intelligente Heizen integriert sind.“ Wichtig sei es, betonen Verbände, die einzelnen Sektoren miteinander zu verknüpfen – und für die nötige (Cyber-)Sicherheit zu sorgen: sowohl rund um das Haus als Angebot für den Besitzer als auch für größere Einheiten, wenn Gebäude als Energieerzeuger miteinander vernetzt werden sollen.

          81.000 Fachkräfte fehlen

          Der ZVEI rechnet damit, dass sich mit der Elektrifizierung 50 Prozent der Primärenergie einsparen ließen, weil kein Erdgas mehr verbrannt werden muss. Ein weiteres Drittel ließe sich durch Digitalisierung und smarte Steuerung einsparen – zum Beispiel der Heizung per Smartphone. „So kommen wir auf 65 Prozent Primärenergieeinsparung, wenn wir die Gebäude elektrisch und digital aufrüsten“, sagt Weber.

          Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt es aber nicht nur einen günstigen Strompreis, sondern auch eine große Sanierungswelle. Dass die Elektrifizierung weiter voranschreiten muss, um dem Klimawandel entgegenzutreten, ist für den Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) unabdingbar: „Das sind die Wege, die wir gehen müssen“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Alexander Neuhäuser. „Leider ist da politisch in den vergangenen Jahren einiges verschlafen worden. Wir sind jetzt in einer Situation, in der wir enormen Aufholbedarf haben.“

          2011 seien Photovoltaikanlagen mit einer Leistungsfähigkeit von sieben bis acht Gigawatt gebaut worden, derzeit liege man bei vier Gigawatt in diesem Jahr. „Und wir sollen 2024/25 22 Gigawatt bauen. Das macht Druck, es soll noch schneller gehen“, sagt Neuhäuser. Die Bereitschaft in der Bevölkerung für Investitionen ist da, die Auftragsbücher sind voll. Die Nachfrage kann aber nicht überall kurzfristig bedient werden. Zwei bis drei Monate müssen Kunden im Schnitt warten. Für bestimmte Geräte, die wie Wärmepumpen von Lieferschwierigkeiten betroffen sind, könne es auch schon mal ein Jahr dauern. „Das Wachstum ist da im Elektrohandwerk“, sagt Neuhäuser. 2010 seien noch 416.000 Beschäftigte in der Branche tätig gewesen, derzeit 520.000: „Aber wir haben heute schon eine Fachkräftelücke von circa 81.000 Arbeitern. Das sind in der Regel technisch hoch qualifizierte Elektrofachkräfte, aber auch im kaufmännischen Bereich fehlen die Mitarbeiter.“

          In puncto Lieferschwierigkeiten sind dem Verband die Hände gebunden. Was den Fachkräftemangel betrifft, sei der ZVEH bemüht darum, die Lücke zu schließen, indem zum Beispiel qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden. „Aber egal, was wir tun: Es wird im Bereich der Fachkräfte durch den demographischen Wandel einen Mangel geben“, sagt Neuhäuser: „Wir werden den Bedarf nicht decken, deshalb müssen wir effizienter werden.“ Das gelinge durch Industrieinnovationen, aber auch durch einen verbesserten Austausch mit der Industrie auf offenen Plattformen, um Planungszeiten und Bürokratieaufwände zu reduzieren und eine höhere Produktivität zu erreichen.

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