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Erst Nokia, nun Mercedes : Alle zieht es nach Rumänien

  • -Aktualisiert am

Hier geht's zu Nokia: Das Tetarom-Gelände bei Cluj in Rumänien Bild: F.A.Z. / Henning Bode

Am Montag beginnt die Handy-Produktion in Cluj. Wir haben die Gummistiefel angezogen und uns dort umgesehen. Und dabei ein Land gefunden, das als Lohn- und Steuerparadies immer mehr westliche Investoren anlockt - neuerdings hat auch Mercedes Interesse.

          Eigentlich hätte Daniel Don gut lachen. Doch nicht einmal aus Versehen huscht in diesen Tagen ein Lächeln über sein Gesicht, wenn der Leiter des Arbeitsamtes in Cluj-Napoca, Rumäniens zweitgrößter Stadt, über seinen Job spricht. Dabei hat Don gerade 500 Stellen bei Nokia zu vergeben. Und das in einer Region, in der es wirklich nicht vor Industrie wimmelt, sondern wo Bauern noch mit Pferdegespannen über die schlaglochgesprenkelten Straßen rumpeln. Bisher. „Nokia war der Wendepunkt für uns“, sagt Don. Genau das macht ihm Sorgen.

          Neuerdings ist Hochbetrieb auf den Äckern von Jucu, dem 4100-Seelen-Dorf bei Cluj (Klausenburg). An den Bauern mit Pelzmützen brausen immer mehr bullige Geländewagen deutscher Bauart vorbei, und auf den Straßen wimmelt es von Bauarbeitern in Signalwesten. Jetzt kommen alle. Nachdem der finnische Handyhersteller Nokia auf dem Auberginenacker am Rande der Stadt seine Produktionshalle errichtet hat, kündigten auch der Logistikkonzern UPS und der amerikanische Automobilbauer General Motors Interesse am Standort an. Selbst Mercedes kann sich vorstellen, im neuen Industriepark „Tetarom III“ ein Werk zu bauen. „Die Verhandlungen laufen“, sagt Stadtmanager Sorin Apostu nur. Mehr sagt er nicht, außer Dingen, die Politiker eben so sagen. Er verschanzt sich hinter einem wissenden Grinsen. Doch wenn man dem Raunen im Rathaus glauben darf, sind die Verträge schon fast unterschriftsreif.

          „Wir suchen derzeit 5000 Leute“

          Seitdem die Verhandlungen mit den Deutschen laufen, sind die leitenden Manager, Landrat Marius Nicoara und Tetarom-Chef Viorel Gavrea, pausenlos unterwegs. Ein Investor nach dem anderen bittet im sonnengelben Büro des akkuraten Arbeitsamtsdirektors Daniel Don um einen Termin. Das Telefon steht nicht mehr still. „Es ist Bukarest“, unterbricht er, „der Arbeitsminister. Wir suchen derzeit 5000 Leute. Könnte sein, dass es in fünf Jahren 12.000 werden.“ Das ist ein Problem für Daniel Don. Denn er hat schon jetzt keine Bewerber mehr für die neuen Stellen.

          Sozialistische Betonbauten kurz vor der alten Innenstadt von Cluj

          Der Arbeitsmarkt in Rumänien ist so gut wie leergefegt, vor allem in der Region Cluj. Hier liegt die Arbeitslosenqote bei rund drei Prozent. Unter Diktator Ceausescu blühte wenigstens noch die Landwirtschaft. Aber seit dem Ende der Diktatur tut sie sich schwer, und funktionierende Industrie gibt es erst recht nicht. Die wenigen Firmen hier jagen sich die Angestellten schon jetzt gegenseitig ab. „Je mehr Firmen kommen“, fürchtet Günther Wotsch, Vorsitzender des deutschsprachigen Wirtschaftsclubs, „desto härter wird der Wettbewerb.“ Deshalb streitet der Club heftig, ob er die Ansiedlung weiterer Investoren unterstützen soll.

          Jeder Fünfte wandert aus

          Zwar spülen die großen Universitäten der Stadt jährlich Zehntausende Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Aber es sind ausgebildete Techniker und Computerfachleute, für die es hier keine passenden Jobs gibt. Selbst wer eine Anstellung findet, kann von den Löhnen kaum leben. Nicht einmal hier. Im Schnitt bringt ein Angestellter 300 Euro im Monat heim. Allein eine Wohnung kostet 200 Euro. Die Löhne werden steigen, wenn mehr Firmen kommen, aber auch die übrigen Preise. Und irgendwann wird dann auch die Firmenkarawane wieder weiterziehen.

          Deshalb haben die meisten Qualifizierten schon längst die Stadt verlassen. Oder gleich das Land. Gut vier Millionen Menschen, schätzen Studien, sind aus Rumänien nach Spanien und Italien ausgewandert. Jeder Fünfte. Ein paar davon will Direktor Don nun zurückholen, das ist die Mission des Mannes mit Kojak-Gesicht und Armani-Anzug. „Wir veranstalten dafür eine Jobmesse in Italien.“

          Die Qualifizierteren wird er kaum zurücklocken. Bisher suchen die neuen Firmen Bauarbeiter, die Fabrikhallen hochziehen, und ungelernte Arbeiter. Um Handys aus Einzelteilen an der Montagelinie zusammenzuschrauben, die am Montag die Produktion aufnimmt, braucht keiner ein Hochschuldiplom. Zudem ist die Bezahlung der Finnen nicht gerade üppig. Sie liegt mit etwa 200 Euro noch unterhalb des rumänischen Durchschnittseinkommens.

          Der Name „Nokia“ zieht

          Warum sollte der Handyriese auch mehr zahlen? Das niedrige Lohnniveau trieb ihn ja gerade hierher. Es ist auch nicht so, als hätte eine Weltfirma wie Nokia Probleme, die Stellen hier zu besetzen. Der Name zog: Auf die Ausschreibung für die ersten 500 Posten im Werk gingen 8500 Bewerbungen auf Daniel Dons Schreibtisch ein - nicht nur von Rumänen. Die ersten Nokianer sind eine reichlich bunte Truppe: Vor dem Werkstor parkt eine Kolonne von Kleinbussen mit ungarischen, polnischen und slowakischen Nummernschildern, und in fast allen kleben Zettel mit der Aufschrift „Personaltransport Nokia“. Wenn sich die Mitarbeiter mittags zur Bohnensuppe mit Würstchen in der Kantine treffen, sprechen sie in fast allen osteuropäischen Dialekten durcheinander.

          „Am Anfang haben die Verantwortlichen versucht, die Stellen mit Rumänen zu besetzen“, sagt Unternehmensberater Vlad Goga, „aber die waren nicht zuverlässig genug.“ Der Bautrupp des Nokiawerkes war mehrere Wochen im Verzug. Deshalb habe die Baufirma die Polen und Ungarn geholt. Vielleicht nicht ganz legal, jedenfalls waren sie nicht korrekt beim rumänischen Arbeitsamt gemeldet, ergab eine Überprüfung der Behörden. Die beteiligten Firmen schweigen. Überhaupt wollen derzeit weder Nokia noch Tetarom über das neue Industriegebiet reden. Denn die ausländischen Arbeiter sind nicht das einzige Problem von Stadtvätern und Investoren.

          Rumänien ist für deutsche Firmen ein Steuerparadies

          Dass Nokia so wenig über Cluj sprechen mag, leuchtet ein. „Nokia hat ein großes Imageproblem, seit es die Schließung des Werkes in Bochum und die Neueröffnung hier angekündigt hat“, sagt Vlad Goga. Damit stoßen die Finnen zwar in den aufstrebenden osteuropäischen Markt, der laut nach Handys ruft. Künftig würden 20 Millionen Kunden allein in Rumänien regelmäßig danach verlangen, sagen Studien von Unternehmensberatungen. Schon jetzt haben die jungen Leute in der Stadt öfter ein Handy am Ohr als irgendetwas anderes in der Hand. Vor allem Nokia-Handys. „Aber dafür“, sagt Goga, „verliert Nokia gerade 80 Millionen Kunden - in Deutschland.“

          Wieso also kamen die Finnen hierher? Zum einen weil die Lohnkosten nur ein Zehntel des europäischen Durchschnitts betragen. Und weil die Stadtväter Millioneninvestitionen in die Infrastruktur versprachen. Sie wollen für 33 Millionen Euro Gas-, Strom- und Wasserleitungen verlegen, für 90 Millionen den Provinzflughafen ausbauen und planen eine Autobahn. All das bieten zwar andere Standorte längst, aber Cluj versprach noch mehr: Rumänien ist für deutsche Firmen ein Steuerparadies.

          Zudem locken die Stadtväter von Cluj mit weiteren Steuererleichterungen: Auf 30 Jahre wollen sie Nokia die Immobilien- und Grundstücksabgaben erlassen, macht 18 Millionen Euro. Zusätzlich bekamen sie das Tetarom-Grundstück zum Sonderpreis. Wie hoch er war, sagt keiner, aber eines wissen hier alle: 90 Prozent der verfügbaren Grundstücke gehören dem Staat und den Kommunen. Deshalb konnten die Stadtväter 160 Hektar zum Spottpreis abgeben. Und es sollen noch einmal 170 Hektar sein, vielleicht für Mercedes.

          Rumänische Träume vom großen Geschäft

          Der kommunale Landbesitz ist auch der Grund, warum die Politiker zu Tetarom schweigen: Es gibt Gerüchte, dass etliche von ihnen selber Grundstücke kauften, als sich der Vertrag mit Nokia abzeichnete. Damals kostete der Quadratmeter einen Euro. Heute sind es 40 Euro. Es geht um Bodenspekulationen in großem Stil und nicht um irgendwelche Provinzfürsten: Landrat Nicoara von der nationalliberalen Partei ist der erste Mann unter dem Premier, und er hätte gern mehr Einfluss in Cluj. In der Stadt aber ist Bürgermeister Emil Boc an der Macht, Anführer der Demokraten und rechte Hand des rumänischen Präsidenten.

          Bald sind Wahlen, und beide Männer träumen davon, eine Stufe weiter aufzurücken. „Wir haben eine Vision, wir machen aus Cluj ein europäisches Wirtschaftszentrum. Für unser Volk“, sagen sie. So seien die Rumänen, erklärt Wirtschaftsberater Goga: „Alles, wovon wir träumen, ist: einmal das ganz große Geschäft zu machen.“ Einige haben es wohl schon geschafft. Und vielleicht gelingt es Arbeitsamtsdirektor Don ja auch, und er kann bald wieder lachen.

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