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Erlebnisse von Bahnfahrern : Nach 20 Uhr endet in Mainz die Reisefreiheit

  • -Aktualisiert am

(Fast) nichts geht mehr am Mainzer Hauptbahnhof Bild: dpa

Wie muss man sich den Hauptbahnhof einer zentral gelegenen Landeshauptstadt vorstellen, an dem keine Züge mehr halten? In Mainz kann man das gerade herausfinden.

          Mainz liegt etwa 40 Kilometer südwestlich von Frankfurt und ist unter normalen Umständen in einer Dreiviertelstunde mit der S-Bahn zu erreichen. Doch in den Köpfen der Redaktion hat sich die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt am Freitagmorgen schon zu einer Art unerreichbarem weißen Fleck auf der Landkarte gewandelt. „Fahr lieber schnell los“, rät ein Kollege, „wer weiß, ob du überhaupt ankommst.“ „Und nimm den Laptop mit“, ergänzt ein anderer, „sonst sitzt du am Ende fest, und wir kriegen keinen Text.“

          Ganz unbegründet ist die Sorge nicht. Schließlich halten am Mainzer Hauptbahnhof seit Tagen abends, nachts und frühmorgens kaum noch Fernzüge, S-Bahnen werden umgeleitet, Regionalbahnen fallen aus. In den kommenden Tagen soll es noch schlimmer werden. Wann das Chaos endet, ist nicht abzusehen. Und alles, weil im Mainzer Stellwerk zu viele Fahrdienstleiter krank oder im Urlaub sind und es kein ausreichend geschultes Ersatzpersonal gibt. Eine Landeshauptstadt, in der nach acht Uhr abends kein Zug mehr hält? Auch dem Vorstandschef der DB-Netz AG fiel keine Entschuldigung mehr ein: „Ja, das ist mir peinlich“, sagte Frank Sennhenn, als er am Donnerstagnachmittag den Notfahrplan vorstellte.

          Insofern liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass sich die Fahrt zur Erkundung des Geisterbahnhofs zunächst fast wegen Überpünktlichkeit verzögert: die S-Bahn nach Mainz verlässt den Frankfurter Hauptbahnhof derartig auf die Minute genau, dass sie nur noch rennend zu erreichen ist. Und bis zum Frankfurter Flughafen geht auch alles gut. Menschen in Sandalen tragen große Koffer aus dem Zug, andere Menschen in Sandalen bringen große Koffer herein und sehen dabei sehr entspannt aus. Als der letzte Koffer verstaut ist, knackst es im Lautsprecher.

          Kein Lebenszeichen: So könnte der Mainzer Hauptbahnhof in den kommenden Tagen noch öfter aussehen.

          Wird der Zug nun umgeleitet? Oder durch einen Bus ersetzt? Endet die Fahrt gar hier? Aber nein, es befinden sich nur „Sicherheitskräfte“ in der Bahn, nach fünf Minuten geht es weiter. Und auch als der Zug wenig später irgendwo im Niemandsland stehenbleibt, ist der Grund nur „hohe Streckenauslastung“. Der weiße Fleck auf der Landkarte ist nach wie vor problemlos zu erreichen.

          Auch bei der Ankunft zunächst keine Spur von Geisterlandschaft. Die große Anzeigetafel mit den Abfahrten lässt keine außergewöhnlich chaotischen Zustände erkennen. Dem ICE nach Dresden fehlt ein Zugteil, der Regionalbahn nach Aschaffenburg der Fahrradwagen, und eine Mutter erregt sich über den leicht verspäteten Zug nach Hannover, in den sie ihren Sohn setzen will. „Na ja, nützt nichts. Ruf ich halt den Chef an, dass ich später komme“, sagt sie.

          Bis auf einen einzigen IC halten nach acht Uhr abends keine Fernzüge in Mainz

          Auch sonst normaler Freitagvormittagbetrieb am Mainzer Hauptbahnhof: Zwei Jugendliche sprinten die Rolltreppe hinunter, um ihren Bus zu erreichen, eine japanische Reisegruppe folgt dem bunt gemusterten Regenschirm ihres Reiseleiters in die Regionalbahn nach Wiesbaden. Und die Dame aus Heidesheim, die in denselben Zug steigt wie die Japaner, erzählt, sie habe von den Schwierigkeiten im Mainzer Stellwerk erst am Morgen aus dem Fernsehen erfahren. Betroffen sei sie bisher nicht, überhaupt fahre sie eigentlich nur selten mit dem Zug. Auch jetzt hat die Glück: Die Wiesbadener Bahn setzt sich pünktlich in Bewegung.

          Im Stellwerk

          Doch die Anzeichen, dass dieser ruhige Vormittag im Moment eher eine Ausnahme ist, sind unübersehbar. In allen Informationskästen hängen Zettel, auf denen die Fahrplanänderungen erläutert werden. Bis auf einen einzigen IC halten nach acht Uhr abends keine Fernzüge in Mainz, Fahrgästen wird nahegelegt, mit der S-Bahn zum Frankfurter Flughafen oder nach Bischofsheim zu fahren und dort umzusteigen. Was aber auch nur mit viel Glück gelingen dürfte, denn einige dieser S-Bahnen fahren inzwischen auf der anderen Rheinseite und machen dabei einen großen Bogen um den Hauptbahnhof. Dafür gibt sich auch die große Anzeigetafel hilfreich und informiert nicht nur über die Abfahrtszeiten der Züge, die den Bahnhof planmäßig ansteuern, sondern in großen Lettern auch über den „eingeschränkten Zugverkehr“ zwischen abends um acht und morgens um sechs. Man möge die Ansagen beachten oder sich an den Informationsschalter wenden.

          Dort ist die Mitarbeiterin ausnehmend höflich, will aber zu ihrer eigenen Arbeitsbelastung durch die Umleitungen nichts sagen. „Ich darf Ihnen keine Informationen geben.“ Gerd Krenzer ist da auskunftsfreudiger. Der Mainzer im leuchtend grünen Polohemd hat sich eben versichern lassen, dass er und seine Frau am Montag in aller Herrgottsfrühe an die Ostsee fahren können. An diesem Morgen sei der Zug Richtung Norden nämlich ausgefallen, sagt er: „Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob das was wird. Schließlich wollen wir eine Kreuzfahrt machen, und das Schiff wartet nicht.“ Doch am Montag soll alles klappen, und Krenzer ist vorsichtig optimistisch: „Notfalls schaffen wir es auch noch mit dem danach. Aber ich hoffe mal, dass wir es darauf nicht ankommen lassen müssen“, sagt er. Die Gelegenheit, Danzig, St. Petersburg und Helsinki zu sehen, will er sich schließlich nicht von der Bahn verderben lassen.

          Auch Alaa Shabo steht dem Chaos gelassen gegenüber: „Wir haben davon in den letzten Tagen sogar profitiert“, sagt der Mann, der in der Heberer-Filiale am Haupteingang des Bahnhofs hinter der Kuchentheke steht. „Ist ja auch ganz normal. Die Leute stehen rum, warten auf Züge, die nicht kommen, und kriegen Hunger und Durst.“ Allerdings seien die vielen Kunden merkbar schlechter gelaunt gewesen als sonst. In der nächsten Woche könnte sich Shabos Umsatz noch einmal verbessern und die Laune der reisenden Kunden noch einmal verschlechtern: dann sollen auch tagsüber viele Züge in Mainz gestrichen werden.

          12.000 Stellwerker regeln den Bahnverkehr

          Die Deutsche Bahn beschäftigt nach eigenen Angaben etwa 12.000 Stellwerker in Deutschland. Sie heißen offiziell Fahrdienstleiter und müssen im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr dafür sorgen, dass sämtliche Weichen und Signale zur rechten Zeit richtig gestellt sind. Denn nicht der Zugführer bestimme, welcher Zug wohin fahre, sondern der Fahrdienstleiter, sagte ein Sprecher der Bahn. Der Wechsel eines Fahrdienstleiters von einem Stellwerk in ein anderes bei akuter Personalnot wie jetzt am Hauptbahnhof Mainz, sei jedoch nicht ohne weiteres möglich.

          Im großen Netz der Bahn gebe es nämlich noch Stellwerke, die rein mechanisch funktionierten, wo also Weichen und Signale noch mit Hilfe von Stahlzügen gestellt werden müssten und die deshalb nur einen kleinen überschaubaren Stellbezirk kontrollieren könnten. Daneben sei im Laufe der Zeit eine Reihe von sogenannten elektromechanischen Werken entstanden, wo die Elektronik bereits Teile der Arbeit übernimmt, andere Arbeiten aber noch per Hand ausgeführt werden müssten. Schließlich gebe es vollelektronische Werke mit Computerarbeitsplätzen, deren Stellbezirke sich auf mehr als 100 Kilometer erstreckten. Um die Sicherheit zu gewährleisten, müssten Fahrdienstleiter mit den jeweiligen Stellwerken und dem Stellwerksbezirk vertraut sein, ein kurzfristiger Wechsel sei deshalb nicht möglich.

          Um die technischen und örtlichen Gegebenheiten so kennenzulernen, dass anschließend ein reibungsloser Betrieb möglich sei, brauche man in der Regel Monate. Kein Stellwerk sei eben identisch mit einem anderen. Deshalb auch sei es im Moment nicht möglich, das Personal im Mainzer Stellwerk kurzfristig aufzustocken. Im Hauptbahnhof der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt sind nach Bahn-Angaben fünfzehn Fahrdienstleiter und drei Helfer beschäftigt, um die etwa 50 Schichten je Woche auch bei Krankheit und Urlaub sicherzustellen. Wegen eines unerwartet hohen Krankenstandes stünden aber just in der Urlaubszeit acht dieser Mitarbeiter nicht zur Verfügung, dieser Engpass sei kurzfristig nicht auszugleichen.

          Langfristig arbeite die Bahn nach Angaben des Sprechers an anderen Lösungen. So sollen Fahrdienstleiter in benachbarten Stellwerken künftig vorsorglich geschult werden, damit sie bei Bedarf wechseln könnten. Solche Schulungen gebe es auch aktuell rund um den Stellbezirk Mainz, um den aktuellen Engpass zu überwinden, komme diese Maßnahme aber zu spät. (tag.)

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