https://www.faz.net/-gqe-t0lw

Erklär mir die Welt (17) : Warum brauchen wir Banken?

  • -Aktualisiert am

Sparschweine der Nation: Die Banken Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Banken sammeln das Geld der Sparer. Und geben es den Unternehmen. Die einen bekommen sichere Zinsen, die anderen einen Kredit. Doch warum bringen nicht die Börsen das Geld von den Sparern zu den Investoren?

          Ein Gespenst geht um in der Bankenbranche, seit den achtziger Jahren taucht es immer wieder auf: das Gespenst vom Verschwinden der Banken. Letztlich gehe es doch nur darum, Geld von den Sparern zu den Investoren zu bringen, heißt es. Das könnten doch auch die Börsen erledigen. Deren Technik werde immer besser - wozu brauche es da noch Banken, zumal wenn auf den Kapitalmärkten immer mehr Geld gehandelt wird?

          Diese Frage mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Aber die tatsächliche Entwicklung hat die These vom Verschwinden der Banken widerlegt: Die Geldinstitute sind immer noch da, sie sind immer noch groß und wichtig, und sie verdienen immer noch gutes Geld. Offensichtlich gibt es also gewisse Leistungen, die der Kapitalmarkt nicht so gut erbringen kann wie die Banken.

          Banken verringern das Risiko ihrer Anleger

          Vor vier Wochen hat diese Reihe gezeigt, wieso Aktienbörsen einen wichtigen Beitrag zu Wachstum und Wohlstand einer Volkswirtschaft leisten - und kam zu folgendem Schluß: Die Kapitalmärkte lenken das Geld der Anleger zu den Unternehmen. Dabei ermitteln Anleger über die Aktienpreise einen fairen Wert des Unternehmens.

          Die Banken sammeln Geld von vielen Sparern ein und leiten es weiter - in dieser Hinsicht leisten Banken tatsächlich Vergleichbares. Sie erfüllen aber auch noch einige andere wichtige Funktionen. Sie verringern zum Beispiel das Risiko für den Anleger: Einerseits vergeben sie riskante Kredite, andererseits ermöglichen sie es den Anlegern, ihre Ersparnisse risikofrei anzulegen - das nennt man „Risikowandlung“. In ähnlicher Weise verändern Banken die Liquidität des angelegten Geldes: Sparer können ihre Einlagen jederzeit abheben, während die Banken ihren Kreditkunden das Geld langfristig zur Verfügung stellen - das ist die „Fristenwandlung“. Außerdem gehört die „Losgrößenwandlung“ zu ihren Leistungen: Banken bündeln viele kleine Einlagen zu wenigen großen Darlehen, zum Beispiel zu Unternehmenskrediten.

          Unternehmen sind auf Banken angewiesen

          Noch wichtiger ist für die Volkswirtschaft aber eine vierte Funktion: Banken beschaffen Informationen darüber, ob Unternehmen kreditwürdig sind. Diese Informationen gäbe es sonst nicht so umfangreich. Das läßt sich besonders deutlich an den kleinen Unternehmen erkennen, die Kredite brauchen. Auf einem anonymen Kapitalmarkt könnten sich diese Firmen kaum Fremdkapital besorgen. Es wäre für sie schlicht zu teuer, alle potentiellen Anleger zu informieren: Sie müßten einen hohen Aufwand treiben, um ihre Aussichten und Pläne einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen - und gäben nebenbei wertvolle Daten an die Konkurrenz. Statt dessen informieren die kleinen Firmen einfach ihren Bankberater und schließen einen Kreditvertrag mit ihm.

          Die Bank wiederum wird ihre Informationen nicht veröffentlichen, denn gerade in ihrem Informationsvorsprung vor anderen Anbietern liegt ja ihre besondere Wertschöpfung. Anders die Börse: Dort sind nicht nur die Pläne der Unternehmen öffentlich, die Börse verarbeitet sie auch noch zu einem Marktwert. Der steht jeden Tag in der Zeitung - als Börsenkurs.

          Die Hausbank als Retter

          Wenn Unternehmen über eine längere Zeit hinweg immer wieder mit der gleichen Bank Geschäfte machen, können sich engere Beziehungen bilden. Dann wird das Kreditinstitut zur Hausbank. Diese Hausbanken sind in vielen Ländern enorm wichtig, um Unternehmen mit Kapital zu versorgen. Ganz besonders gilt das, wenn Unternehmen in die Krise kommen. Dann, so sagt man, kommt die Stunde der Hausbank. Ohne sie gingen angeschlagene Unternehmen öfter bankrott. Nur die Hausbank ist bereit, noch mal einen Kredit auszuzahlen oder Geld für eine Sanierung zu geben.

          Kein Wunder also, daß Unternehmen die Hausbanken hüten wie einen Schatz. Wenn neue Anlageprodukte auf den Kapitalmarkt kommen, fragen die Firmen ängstlich danach, ob sich die Rolle der Hausbanken verändern wird - zum Beispiel, wenn die Banken faule Kredite an risikofreudige Investoren oder Hedge-Fonds verkaufen. Daran läßt sich erkennen, daß den Unternehmen eine dauerhafte und verläßliche Beziehung zu ihrer Bank wichtig ist. Sie wissen: Sie brauchen die Bank, eine Börse reicht ihnen nicht. Denn eine Börse geht kein Risiko ein. Sie ist nur ein Vermittler, üblicherweise bietet sie sogar nur eine Handelsplattform an. Anders die Bank: Für sie gehört es zum normalen Geschäft, daß manche Kredite nicht zurückgezahlt werden und sie Geld verliert.

          Spezialisten für das Risikomanagement

          Darum entwickeln sich die großen Banken auf der ganzen Welt zu Spezialisten für das Risikomanagement: Sie vergeben Kredite, aber sie behalten nicht mehr alle Risiken selbst. Statt dessen verkaufen sie diese Risiken weiter - ganz oder in Teilen. Dazu verbriefen sie die Kredite, das heißt sie machen aus den Darlehen ein Wertpapier. Den Weg zum Risikomanager und Risikoverteiler gehen die Banken heute in den meisten Ländern, allerdings mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. In Deutschland sind beispielsweise die großen Privatbanken schon wesentlich weiter als die Masse der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken. Dabei geben die Banken nicht alle übernommenen Risiken vollständig weiter, sondern übernehmen einen Eigenanteil.

          Die wachsende Bedeutung der Banken als Risikomanager hat dazu geführt, daß sich große Investmentbanken gebildet haben. Sie denken sich komplizierte Transaktionen am Kapitalmarkt aus und verwirklichen sie. Dabei werden sie zu Mittlern zwischen Unternehmen und Anlegern, insbesondere institutionellen Investoren. Mit dem schnellen Wachstum der Kapitalmärkte wächst auch das Geschäft der Investmentbanken. Auf diese Weise werden die Verflechtungen zwischen Banken und dem Kapitalmarkt immer enger. Das passiert nicht überall gleich schnell und gleich stark. In manchen Ländern ist dieser Prozeß weit fortgeschritten, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. In Deutschland hat er gerade erst begonnen. Er zeigt auf jeden Fall: Banken werden gebraucht, der Kapitalmarkt kann sie nicht ersetzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.