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Software-Start-up : Ein schwäbisches Einhorn strebt an die Börse

Software für die Massen: Teamviewer aus Göppingen liefert eine viel genutzte Software zur Lösung von Computerproblemen aus der Ferne. Bild: dpa

Wenn der Computer Schwierigkeiten macht, kommt oft Software von Teamviewer zum Einsatz. Auf zwei Milliarden Geräten wurde sie installiert, nun nimmt das Unternehmen Kurs auf Anleger.

          Manchmal setzt sich eine gute Idee einfach durch. Wie das aussieht, kann man zurzeit im schwäbischen Göppingen besichtigen. Von dort, gut vierzig Kilometer von Stuttgart entfernt, könnte der nächste deutsche Börsengang kommen, und zwar der eines Digitalunternehmens. Das Unternehmen heißt Teamviewer. Beobachter rechnen mit einer Bewertung zwischen 4 und 5 Milliarden Euro, was das Unternehmen zu einem sogenannten Einhorn macht. „Wir als Management-Team sind der Ansicht, dass ein Börsengang für Teamviewer eine attraktive Option wäre, auch um das Unternehmen weiterzuentwickeln“, sagt der Vorstandsvorsitzende Oliver Steil gegenüber FAZ.NET. Doch ein Finanzinvestor hat mitzureden. „Wann und wie muss man aber Permira überlassen, die diese Entscheidung letztendlich treffen.“

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Permira ist ein internationaler Investor aus Großbritannien, der fast 100 Prozent der Anteile an Teamviewer hält. Seit einiger Zeit machen Gerüchte die Runde, dass Permira sich von dieser Beteiligung trennen könnte. Vor fünf Jahren war der Investor für 870 Millionen Euro eingestiegen. Die offenbar signifikante Wertsteigerung erklärt sich dadurch, dass Teamviewer hochprofitabel ist. Finanzchef Stefan Gaiser sagte, im ersten Halbjahr habe das Unternehmen rund 140 Millionen Euro eingenommen (Billings), das sind 37 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die operative Marge betrage mehr als 50 Prozent. Die Billings betrugen zuletzt im Gesamtjahr rund 230 Millionen Euro.

          Aus der Ferne Probleme lösen

          Um die Software zu verstehen, die Teamviewer erfolgreich macht, denken Beschäftigte am besten an den Moment, in dem sie zuletzt die IT-Abteilung ihres Unternehmens am Telefon hatten und die Fachleute aus der Ferne etwas an ihrem Computer repariert haben. Die Software, die die IT-Kräfte verwendet haben, um aus der Distanz auf einen Computer zuzugreifen, war wahrscheinlich Teamviewer. Mehr als die Hälfte aller Unternehmen, die das Magazin „Fortune“ in seiner „Fortune 500“-Liste der umsatzstärksten amerikanischen Konzerne aufführt, verwendet nach Angaben von Teamviewer die Software aus Göppingen, um ihre Systeme aus der Ferne zu steuern, oder hat sie in der Vergangenheit genutzt.

          Mit Teamviewer können IT-Fachleute sich auf ein Gerät aufschalten und es bedienen, als säßen sie davor – und zwar egal, ob es sich dabei um einen normalen Computer oder etwa eine vernetzte Fertigungsmaschine handelt. Für diesen Anwendungsfall, der auf der Welt täglich tausendfach vorkommt, hat das Unternehmen eine Software entwickelt, die als sehr stabil gilt und die mit fast allen Verbindungsgeschwindigkeiten und Betriebssystemen zurechtkommt. „Die Idee ist, eine Lösung zu haben, die einfach zu bedienen ist und immer funktioniert“, sagt Steil. „Und das ist, trotz der Einfachheit der Idee, nicht so leicht nachzumachen.“

          Dabei war die Software am Anfang gar nicht zum Verkauf gedacht. Sie wurde als interne Lösung für den Vertrieb anderer Programme entwickelt, erzählt Steil. Teamviewer sei ursprünglich dafür gedacht gewesen, andere Softwareprodukte beim Kunden vorzustellen. „Dann stellte sich aber heraus, dass die Funktionalität, dass mir jemand auf meinem Rechner live so gut ein Produkt vorführen kann, die Nachfrage der Kunden wesentlich stärker geweckt hat.“

          Vom Start-up zur Marktmacht

          Inzwischen ist Teamviewer in rund 180 Ländern aktiv und wurde seit der Gründung 2005 auf zwei Milliarden Geräten installiert. Die Zahl der aktiven Geräte, auf denen Teamviewer mindestens einmal im Jahr genutzt wird, liegt bei 340 Millionen. Der Hauptgrund, warum die Software eine so große Verbreitung gefunden hat, dürfte sein, dass sie für Privatnutzer kostenlos ist. Daran soll sich nichts ändern, sagt Steil. Die Erfahrungen, die Privatnutzer machten, seien die beste Werbung für seine Anwendung. Unternehmenskunden müssen dann bezahlen, für ein kleines Team geht es mit einem Jahrespreis von knapp 350 Euro los. Großkonzernen stellt das Unternehmen nach eigenen Angaben deutlich sechsstellige Beträge in Rechnung.

          Lag zu Beginn der Hauptnutzen der Software darin, Technikerbesuche überflüssig zu machen, nutzt Teamviewer inzwischen die Möglichkeiten der Vernetzung aller möglichen Geräte – in Fachkreisen als „Internet of Things“ bezeichnet. Da von der Registrierkasse bis zur Laserschneidemaschine inzwischen alle Geräte vernetzt werden können, können – mit der entsprechenden Freigabe und über eine gesicherte Verbindung – alle Geräte ferngesteuert werden. Das spart Personal und Kosten.

          Teamviewer stellt sich inzwischen auf größere Kunden ein und bietet für sie ein eigenes Softwareprodukt an. Zudem hat man in den vergangenen Jahren eine Reihe von Büros im Ausland gegründet, um im Vertrieb näher an internationalen Kunden zu sein, etwa in Indien, China, Japan und Singapur. Größter Markt von Teamviewer sind die Vereinigten Staaten, danach folgen Deutschland und andere mitteleuropäische Länder. Beobachter rechnen eher nicht mehr mit einem Börsengang in diesem Jahr. Stattdessen sei eher das kommende Frühjahr wahrscheinlich, hieß es. Das Unternehmen und der Investor Permira wollten sich zu einem Termin nicht weiter äußern.

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