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Erdgaskonzern Gasprom : Putins blaue Armee

  • -Aktualisiert am

Ein Denkmal des ukrainischen Dichters Taras Schewschenko vor einer Gasprom-Werbung in Moskau. Bild: AP

Der russische Gasprom-Konzern ist an erster Stelle ein Machtinstrument des Kreml - und erst an zweiter ein Unternehmen. Das bekommt gerade auch die Ukraine schmerzlich zu spüren.

          5 Min.

          Nicht nur der Rubel kann rollen, sondern auch der Ball. Mit dem russischen Erdgaskonzern Gasprom hat der Bundesligist FC Schalke 04 einen Sponsor gewonnen, dem so schnell nicht das Geld ausgehen wird. Wer allein in den ersten neun Monaten 2013 mit 81 Milliarden Euro Umsatz einen Reingewinn von 19 Milliarden Euro erwirtschaftet, der hat auch Mittel für Fußball übrig. Besonders wenn Gasprom damit im wichtigen Absatzmarkt Deutschland ein bisschen Werbung machen kann, während der Konzern sonst meist mit negativen Schlagzeilen in Erscheinung tritt.

          Zum Beispiel an diesem Dienstag, als das Unternehmen mitten hinein in die Ukraine-Krise ankündigte, dem „Bruderland“ den Gaspreis zu erhöhen - indem es einen erst im Dezember gewährten Liefer-Rabatt wieder streicht. Die Ukraine ist auf russisches Erdgas angewiesen. Statt 269 Dollar für 1000 Kubikmeter muss Kiew – beziehungsweise der staatliche Erdgaskonzern Naftogas – dafür von April an wieder 378 Dollar zahlen. Vielleicht ist diese Entscheidung das Einzige, was in diesem Konflikt (bisher) relativ sicher vorauszusagen war.

          Und sie ruft eines in Erinnerung: Gasprom ist an erster Stelle ein Machtinstrument des Kreml und erst an zweiter ein Unternehmen, sei es auch der größte Erdgaskonzern der Welt und neben dem Erdölkonzern Rosneft das größte Unternehmen Russlands. Unter dem blauen Gasflammen-Logo von Gasprom arbeiteten Ende 2012 rund 430.000 Menschen. Nur der Staat und die Streitkräfte (1,4 Millionen Angehörige) beschäftigen mehr Russen.

          Umfang und Wege der Gasprom-Exporte nach Europa
          Umfang und Wege der Gasprom-Exporte nach Europa : Bild: F.A.Z.

          Deutlich wurden Gasproms Prioritäten, als Direktor Alexei Miller gerade beim Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedjew vorsprach. Solche Treffen verlaufen in Russland immer gleich, genau wie jene von höherrangigen mit untergebenen Politikern, bis hin zum Rapport Medwedjews beim Staatspräsidenten Wladimir Putin. Beide Gesprächspartner sitzen sich frontal gegenüber, jeder Satz ist abgesprochen – keine Diskussion, sondern eine Inszenierung für die Fernsehkameras des Staatsfernsehens, die in den Nachrichten ausführliche Auszüge bringen werden. Miller weiß, wie das Spiel funktioniert; seit dem Jahr 2001 steht er an der Spitze von Gasprom.

          Der Gasprom-Chef begründete den Preiserhöhung für die Ukraine mit den Zahlungsrückständen von Naftogas, die seinen Angaben zufolge insgesamt 1,53 Milliarden Dollar betragen. Er schlug allerdings vor, Gasprom könne der Ukraine einen Kredit in Höhe von zwei bis drei Milliarden Dollar gewähren, damit das Land die Gaslieferungen weiter sicher bezahlen kann.

          Medwedjew stimmte ihm zu. Das war einer der bizarren Momente in dieser an bizarren Momenten nicht armen Krise: Gasprom ist sogar bereit, durch die Hintertür zu bezahlen, damit Naftogas nicht am Ende durch einen Finanzkollaps aus der gegenwärtigen Abhängigkeit entschwindet und die Machtverhältnisse neu geordnet werden müssen. Der alte Preis von fast 400 Dollar je 1000 Kubikmeter Erdgas, fixiert in einem bis zum Jahr 2019 laufenden Vertrag, ist im internationalen Vergleich hoch. Von seinen zentraleuropäischen Kunden verlangte Gasprom zuletzt durchschnittlich 383 Dollar, von den ehemaligen Sowjetrepubliken im Mittel nur 262 Dollar.

          Machtpolitisches Schach

          Gasprom spielt seine Rolle im machtpolitischen Schach des Kreml. Der Staat hält zwar „nur“ eine Mehrheitsbeteiligung von knapp über 50 Prozent, aber kein anderes Unternehmen des Landes besitzt eine vergleichbare geostrategische Bedeutung für Präsident Putin. Gasprom als eigenständig agierender Konzern ist deswegen undenkbar.

          Und der Konzern ist nicht nur eine nach außen wirksame Waffen, sondern auch für die Innenpolitik des Präsidenten: Er schafft mit zweifelhaften Projekten Arbeitsplätze. Und sponsert quer durchs Land Vereine und Veranstaltungen. Die wirtschaftliche Ineffizienz ist groß, doch die politische Effizienz für den Kreml enorm. Putin stattete den Konzern 2006 mit dem Exportmonopol für Erdgas aus, Russlands bedeutendsten Rohstoff neben Erdöl. Gasprom ist ein wichtiger Versorger Zentraleuropas und für einige Länder Osteuropas – besonders die ehemaligen Sowjetrepubliken – gar die dominierende Erdgasquelle. Diese Macht baut auf dem noch aus Sowjetzeiten stammenden Pipeline-Netz auf.

          Dass Gasprom im Dezember den Erdgaspreis für Naftogas senkte, war eine Belohnung für den inzwischen abgesetzten ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch; er hatte ein Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU nicht unterzeichnet. Moskau gewährte sich gleichwohl das Recht, den Preisnachlass zu Beginn jedes Quartals aufzuheben. Und weil der Gasstreit nicht betriebswirtschaftlicher, sondern politischer Logik folgt, reagierte Gasprom nun zum ersten möglichen Kündigungstermin auf die inzwischen geänderten Machtverhältnisse in Kiew.

          Die ukrainische und auch die russischstämmige Bevölkerung des Landes sind davon zunächst weniger betroffen als die bereits maroden Staatsfinanzen, weil Kiew den inländischen Erdgaspreis stark subventioniert (was dazu beitrug, die Finanzen so marode zu machen).

          Anteil der Gasprom-Lieferungen am Gasverbrauch
          Anteil der Gasprom-Lieferungen am Gasverbrauch : Bild: F.A.Z.

          Die Ukraine bezieht mehr als die Hälfte ihres Erdgases aus Russland, Deutschland etwas weniger. Versorgungsengpässe muss Berlin in der aktuellen Krise allerdings kaum fürchten. Zum einen wäre es für die von der EU gestützte neue Regierung in Kiew wohl schwierig, ohne Zustimmung der westlichen Partner selbst mehr aus den Pipelines zu entnehmen oder den Transit anders zu gefährden. Außerdem hat Gasprom längst andere Möglichkeiten, das Gas zu liefern - und ist weniger auf die Ukraine angewiesen.

          Eine wichtige Rolle spielt die Ostsee-Pipeline North Stream, deren Aktionärsausschuss vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder geleitet wird. Die Kapazität von North Stream beträgt derzeit 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Das ukrainische Netz kann bis zu 150 Milliarden Kubikmeter in den Westen transportieren, aber die Auslastung sinkt ständig.

          Laut Branchenschätzungen werden nur noch rund die Hälfte der Europa-Exporte Gasproms durch die Ukraine geleitet. In wenigen Jahren soll auch die Pipeline South Stream durch das Schwarze Meer mit einer Kapazität von 63 Milliarden Kubikmetern einsatzbereit sein. Sie wird die Druckmittel ehemaliger Sowjetstaaten in Russlands Einflusssphäre weiter schwächen und die Länder angreifbarer machen – und genau das ist Putins Plan.

          Der Erdgaskonflikt zwischen dem Kreml und der Ukraine hat traurige Tradition. Meistens geht es um russische Preisforderungen und die Begleichung ukrainischer Schulden, die sich wegen der hohen Preise angestaut haben. 2006, 2008 und 2009 kürzte Gasprom Lieferungen nach Kiew oder stellte sie ganz ein. Auch Weißrussland wurde 2007 mit einer Lieferreduktion gedroht. Würde Gasprom wie ein normales Unternehmen agieren, müsste es kooperativer und effektiver handeln: Das Geschäft mit der Ukraine war 2012 nach Zahlen der UBS für rund 15 Prozent des Betriebsergebnisses (Ebitda) verantwortlich; 2014 wird ein Beitrag von mindestens 11 Prozent erwartet. Hinter der Rentabilität von South Stream stehen wegen des langen Transport(um)wegs Fragezeichen. Wegen kapitalintensiver Expansionen hat der Konzern nur eingeschränkt freie Mittel zur Verfügung. Das ist der Preis der Machtpolitik.

          Erdgas fördern und verkaufen war allerdings früher auch einfacher. Gasprom freute sich 2013 zwar über hohe Nachfrage aus Zentraleuropa, aber der Konzern rechnet selbst nicht damit, die Marke von 161 Milliarden Kubikmetern in diesem Jahr wieder zu erreichen. Die Produktion sinkt und selbst im Inland wächst der Konkurrenzdruck. Der Durchbruch auf dem wichtigen chinesischen Markt steht immer noch aus; Erdgasprojekte in der russischen Arktis bleiben ungewiss.

          Wenn überhaupt, dann müsste der Kreml seinen Konzern dabei unterstützen, ein gesuchter Partner im Ausland zu sein. So bleibt er ein geduldeter Partner, zuweilen gar ein gefürchteter. Die Ukraine-Krise wird auch die zentraleuropäischen Abnehmer im Westen wieder einmal daran erinnern, dass es selten verkehrt ist, in Alternativen zu investieren.

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