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Erdgaskonzern Gasprom : Putins blaue Armee

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Dass Gasprom im Dezember den Erdgaspreis für Naftogas senkte, war eine Belohnung für den inzwischen abgesetzten ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch; er hatte ein Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU nicht unterzeichnet. Moskau gewährte sich gleichwohl das Recht, den Preisnachlass zu Beginn jedes Quartals aufzuheben. Und weil der Gasstreit nicht betriebswirtschaftlicher, sondern politischer Logik folgt, reagierte Gasprom nun zum ersten möglichen Kündigungstermin auf die inzwischen geänderten Machtverhältnisse in Kiew.

Die ukrainische und auch die russischstämmige Bevölkerung des Landes sind davon zunächst weniger betroffen als die bereits maroden Staatsfinanzen, weil Kiew den inländischen Erdgaspreis stark subventioniert (was dazu beitrug, die Finanzen so marode zu machen).

Anteil der Gasprom-Lieferungen am Gasverbrauch
Anteil der Gasprom-Lieferungen am Gasverbrauch : Bild: F.A.Z.

Die Ukraine bezieht mehr als die Hälfte ihres Erdgases aus Russland, Deutschland etwas weniger. Versorgungsengpässe muss Berlin in der aktuellen Krise allerdings kaum fürchten. Zum einen wäre es für die von der EU gestützte neue Regierung in Kiew wohl schwierig, ohne Zustimmung der westlichen Partner selbst mehr aus den Pipelines zu entnehmen oder den Transit anders zu gefährden. Außerdem hat Gasprom längst andere Möglichkeiten, das Gas zu liefern - und ist weniger auf die Ukraine angewiesen.

Eine wichtige Rolle spielt die Ostsee-Pipeline North Stream, deren Aktionärsausschuss vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder geleitet wird. Die Kapazität von North Stream beträgt derzeit 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Das ukrainische Netz kann bis zu 150 Milliarden Kubikmeter in den Westen transportieren, aber die Auslastung sinkt ständig.

Laut Branchenschätzungen werden nur noch rund die Hälfte der Europa-Exporte Gasproms durch die Ukraine geleitet. In wenigen Jahren soll auch die Pipeline South Stream durch das Schwarze Meer mit einer Kapazität von 63 Milliarden Kubikmetern einsatzbereit sein. Sie wird die Druckmittel ehemaliger Sowjetstaaten in Russlands Einflusssphäre weiter schwächen und die Länder angreifbarer machen – und genau das ist Putins Plan.

Der Erdgaskonflikt zwischen dem Kreml und der Ukraine hat traurige Tradition. Meistens geht es um russische Preisforderungen und die Begleichung ukrainischer Schulden, die sich wegen der hohen Preise angestaut haben. 2006, 2008 und 2009 kürzte Gasprom Lieferungen nach Kiew oder stellte sie ganz ein. Auch Weißrussland wurde 2007 mit einer Lieferreduktion gedroht. Würde Gasprom wie ein normales Unternehmen agieren, müsste es kooperativer und effektiver handeln: Das Geschäft mit der Ukraine war 2012 nach Zahlen der UBS für rund 15 Prozent des Betriebsergebnisses (Ebitda) verantwortlich; 2014 wird ein Beitrag von mindestens 11 Prozent erwartet. Hinter der Rentabilität von South Stream stehen wegen des langen Transport(um)wegs Fragezeichen. Wegen kapitalintensiver Expansionen hat der Konzern nur eingeschränkt freie Mittel zur Verfügung. Das ist der Preis der Machtpolitik.

Erdgas fördern und verkaufen war allerdings früher auch einfacher. Gasprom freute sich 2013 zwar über hohe Nachfrage aus Zentraleuropa, aber der Konzern rechnet selbst nicht damit, die Marke von 161 Milliarden Kubikmetern in diesem Jahr wieder zu erreichen. Die Produktion sinkt und selbst im Inland wächst der Konkurrenzdruck. Der Durchbruch auf dem wichtigen chinesischen Markt steht immer noch aus; Erdgasprojekte in der russischen Arktis bleiben ungewiss.

Wenn überhaupt, dann müsste der Kreml seinen Konzern dabei unterstützen, ein gesuchter Partner im Ausland zu sein. So bleibt er ein geduldeter Partner, zuweilen gar ein gefürchteter. Die Ukraine-Krise wird auch die zentraleuropäischen Abnehmer im Westen wieder einmal daran erinnern, dass es selten verkehrt ist, in Alternativen zu investieren.

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