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Entsorgung : Die schmutzigen Seiten der Solarenergie

Nach 20 bis 30 Jahren müssen die Solarmodule erneuert werden Bild: dpa

Auf deutschen Dächern finden sich Millionen Solarmodule. Viele seien das reinste Gift, sagen Kritiker. Mancher hat dabei nicht nur die Umwelt im Blick, sondern auch das eigene Geschäft.

          Gibt es eine bessere Energieform als die Solarenergie? Für Larry Hagman ist die Sache klar. In den 80er Jahren berühmt geworden als fieser Ölbaron J.R. aus der Fernsehserie „Dallas“, macht der Texaner jetzt Werbung für den Hersteller Solarworld. „Solarenergie ist das Öl des 21. Jahrhunderts - nur sauber“, lässt sich der inzwischen 79 Jahre alte Schauspieler zitieren. Mit dieser Ansicht rennt Hagman gerade bei den Deutschen offene Türen ein. Kostenlos, klimafreundlich, unbegrenzt verfügbar: Das Solar-Image könnte besser nicht sein.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die vermeintlich supersaubere Energie hat ihre Schattenseiten. Um aus Sonnenlicht Strom zu produzieren, braucht es Solarmodule. Die finden sich inzwischen dank einer großzügigen Förderung millionenfach auf deutschen Dächern. Kein Problem, solange die Geräte arbeiten. Aber irgendwann - die Experten rechnen mit 20 bis 30 Jahren - ist selbst das beste Modul nur mehr Elektroschrott. Und dann?

          Solarmodul ist nicht gleich Solarmodul

          Dann sollte man wissen, was genau eigentlich auf dem Dach sitzt. Solarmodul ist nicht gleich Solarmodul. Fachleute unterscheiden zwei Technologien: Module auf Siliziumbasis und sogenannte Dünnschichtmodule. Zu den letzteren gehören Cadmium-Tellurid-Module, und genau um die ist auf europäischer Ebene ein erbitterter Streit zwischen Unternehmern, Wissenschaftlern, Politikern und Lobbyisten entbrannt.

          Wer beim Stichwort Cadmium aufschreckt, reagiert nach Ansicht des Stuttgarter Universitätsprofessors Jürgen Werner genau richtig. „Blei und Cadmium sowie ihre Verbindungen Cadmium-Sulfid und Cadmium-Tellurid sind nach der europäischen Direktive über gefährliche Substanzen als giftig oder gesundheitsschädlich klassifiziert“, warnt die „Non-Toxic Solar Alliance“ (NTSA), eine Initiative von Forschern und Branchenvertretern, in der sich auch Werner engagiert. Diese Interessengruppe verfolgt ein Ziel, das sich volkstümlich so zusammenfassen lässt: Schluss mit dem Gift auf deutschen Dächern. Reines Cadmium kann Nieren und Knochen schädigen und Krebs fördern. Cadmium-Tellurid gilt als weniger gefährlich; gleichwohl rät ein Hersteller wie Alfa Aesar, nach dem Verschlucken sofort ärztlichen Rat einzuholen.

          Kritik von verschiedenen Seiten

          Werner nennt vor allem Umweltschutzgründe, warum er von der Cadmium-Technologie wenig hält. Er unterstütze die Photovoltaik, aber „nicht um jeden Preis“. Im Fall von Cadmium-Tellurid sei ihm der Preis zu hoch: „Das ist eine großflächige Verbreitung von giftigen Stoffen.“ Auf der anderen Seite gehört Solarworld-Chef Frank Asbeck zu den größten Gegnern der Technologie. Ihm unterstellen Branchenbeobachter eher geschäftliche Gründe: Solarworld arbeitet nicht mit Cd-Te, sondern mit Silizium.

          Auf einer Jahresversammlung des Branchenverbandes Solarwirtschaft illustrierte Asbeck seine Aversion gegen Cadmium-Tellurid mit der Geschichte einer abgebrannten Hühnerfarm im münsterländischen Nottuln. Die soll mit einer entsprechenden Solaranlage von First Solar bestückt gewesen sein. Den Brandschutt habe man anschließend als Sondermüll entsorgen müssen, wird Asbeck zitiert. Dabei soll er suggeriert haben, das habe vor allem an dem giftigen Cadmium gelegen und weniger an den Hühnerkadavern. First Solar und auch Q-Cells sprachen von einer „ungerechtfertigten und inakzeptablen Hetzrede“.

          First Solar verteidigt umstrittene Technologie

          Die scharfe Reaktion ist nachvollziehbar. Für First Solar steht und fällt - zumindest gegenwärtig - das Geschäft mit der umstrittenen Technologie. Der amerikanische Weltmarktführer verdankt seine Position in erster Linie Cadmium-Tellurid: Cd-Te-Module sind billiger herzustellen als Module, die auf dem ungiftigen Silizium basieren. Auch in Deutschland ist First Solar aktiv. Eine Fabrik im brandenburgischen Frankfurt beschäftigt mehrere hundert Mitarbeiter, mit einem anstehenden Ausbau sollen es 1200 werden.

          Und so verteidigt First Solar die eigene Technologie mit Nachdruck. Die Amerikaner argumentieren mit der günstigen Kohlendioxid- und Energiebilanz ihrer Produktion. Und künftiger Solarmodulmüll? „First Solar hat sich schon lange mit den möglichen Problemen des Müllmanagements befasst, wenn die Module ihr Lebensende erreichen“, heißt es auf der Internet-Seite des Unternehmens. Das Ergebnis: Ein „umfassendes Sammel- und Recyclingprogramm für sämtliche auf den Markt gebrachten Module, unabhängig von lokaler Gesetzgebung“.

          Die Kritiker lassen sich davon nicht beruhigen, im Gegenteil. Ein privates Unternehmen könne doch nicht über Jahrzehnte das Recycling garantieren, heißt es. Und wenn Nachahmer die billige Technologie einsetzten, müssten sie noch längst nicht solche Versprechen abgeben.

          EU überprüft Vorschriften

          Jetzt geht der Streit in die nächste Runde. Auf europäischer Ebene steht eine Revision der EU-Richtlinie 2002/95/EG an, besser bekannt als RoHS-Richtlinie. Diese Vorschrift beschränkt die Verwendung von Stoffen wie Blei und Cadmium in Elektro- und Elektronikgeräten. Erneuerbare Energien, also auch Solarmodule, sind von der 2003 veröffentlichten Richtlinie ausgenommen. Noch. Derzeit verhandeln Arbeitsgruppen des Europäischen Parlaments, des EU-Rates und der -Kommission über eine Revision der Vorschrift.

          Das Ziel der Cadmium-Kritiker: die Richtlinie soll künftig auch die Photovoltaik beinhalten. Einen entsprechenden Aufruf veröffentlichten im September 14 Wissenschaftler aus sieben Ländern, darunter auch Jürgen Werner. First Solar reagierte prompt und wies den Aufruf zurück. In Brüssel bekommen nun Bürokraten und Politiker die Lobbyarbeit der widerstreitenden Photovoltaiker zu spüren. Umwelt contra Marktanteile contra Arbeitsplätze - so gehen die Frontlinien. Beim normalen Konsumenten bleibt dabei nur eine Erkenntnis hängen: Die Solarenergie hat mehr als eine schmutzige Seite.

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