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Kommentar : Verkorkste Fluggastrechte

  • -Aktualisiert am

München: Passagiere warten am Flughafen mit ihrem Gepäck (Archivbild). Bild: dpa

Ausfälle, Verspätungen, entnervte Kunden: Eine Reform des Schutzes für Flugreisende ist überfällig. Dabei kann die Branche sogar von der Bahn lernen.

          3 Min.

          Die Luftfahrt hat 2018 gepatzt – zum Leid der Passagiere, die Ausfälle und Verspätungen ertragen mussten. Und es steht zu befürchten, dass es auch 2019 holpert. Flugrouten sind voll, Lotsen knapp, die Neuorganisation der Sicherheitskontrollen steht ganz am Anfang. Nicht jede Fluggesellschaft wird es sich leisten, mit größeren Reserven zu planen. Trübe Aussichten für Passagiere. Und die werden noch trüber, weil es keinen gut funktionierenden Verbraucherschutz in der Luftfahrt gibt.

          Fliegen wird spätestens dann zur Tortur, wenn es nach Verzögerungen um Entschädigungen geht. Dann bekommen es Passagiere mit tricksenden Gesellschaften zu tun und mit professionellen Fluggastentschädigern, die für die Linderung des Leids der Reisenden das Blaue vom Himmel versprechen und gleichzeitig davon leben, dass viele Flieger zu spät sind. Luftfahrt in Europa ist ein Wachstumsmarkt. Doch wenn es um Kundenrechte geht, leistet man sich ein verkorkstes System. Das schadet Fluggesellschaften, ohne vielen Passagieren zu helfen. Wie sonst ist zu erklären, dass 2018 Gesellschaften unter der Last der Kundenforderungen einknickten und den Betrieb einstellten, während gleichzeitig Reisende Scharen von Anwälten engagieren mussten, um die Aussicht auf einen gesetzlichen Ausgleich zu bekommen?

          Es wird zum Geschäftsmodell, auf Verspätungen zu warten

          Das Ziel war einst löblich: Fluggesellschaften sollten nicht ungeschoren davon kommen, wenn sie mal wieder schlechte oder gar keine Dienste erbrachten. Entstanden ist aber ein System mit kolossalem Konstruktionsfehler: Ein Reisender kann mehr Geld fordern, als er bezahlt hat. Aus einem 19-Euro-Billigticket kann ein Entschädigungsanspruch von 250 Euro entstehen. Dadurch wird es zum Geschäftsmodell, auf Verspätungen zu warten.

          Für den einfachen Endkunden bleibt der Haken, dass die Rechtslage keineswegs so eindeutig ist, wie es ihm suggeriert wird. Für Verspätungen im eigenen Verantwortungsbereich muss eine Fluggesellschaft zahlen, bei außergewöhnlichen Umständen nicht. Wenig überraschend, dass Unternehmen Einflüsse höherer Gewalt diagnostizieren, sooft es ihnen passend erscheint. Wann ein Passagier Geld fordern darf und wann nicht, beschäftigt und belastet Gerichte. Die länger werdende Reihe der Urteile bis hin zum Europäischen Gerichtshof spricht Bände.

          Hohe europäische Entschädigungssätze sollten eine Drohkulisse für Fluggesellschaften schaffen und sie disziplinieren, pünktlicher und zuverlässiger zu fliegen. Das ist gehörig schiefgegangen. Tatsächlich wurden Abwehrreflexe geweckt. Beförderer tricksen, lavieren und vertrösten, um bloß nicht zahlen zu müssen. Wer allein ohne Rechtsbeistand in diesen Kleinkrieg zieht, hat wenig Erfolgschancen. So sieht europäischer Verbraucherschutz heute aus.

          Profitiert hat der neue Berufsstand der Fluggastentschädiger, die gegen Provisionen Zahlungen für Reisende eintreiben. Wären die Entschädigungssätze nicht so hoch, würde sich deren Geschäft weniger lohnen. Hätten Gesellschaften ihre Kunden besser behandelt, wären die Dienstleister sogar überflüssig. Doch stattdessen tobt ein Wettbewerb der Geldeintreiber. Sie geben so viel für Werbung zur Kundenakquise aus, dass in Einzelfällen das Geld knapp wird, um überhaupt Prozesse zu führen. Das wiederum reizt Fluggesellschaften, es auf ein Verfahren ankommen zu lassen. Nicht ausgeschlossen, dass bald dem ersten Entschädiger die Puste ausgeht. Leidtragende wären wieder Passagiere.

          Eine Reform der Schutzmechanismen für Flugreisende ist überfällig. Doch viele Vorschläge sind unausgegoren. So klingt es aus Kundensicht verlockend, nach den Niedergängen von Air Berlin und weiteren Gesellschaften in Deutschland einen gesetzlichen Insolvenzschutz für Tickets zu fordern. Doch was käme danach? Die Insolvenzabsicherung für Hotelbuchungen, für Anzahlungen auf Handwerkerleistungen, für Vorkasse bei Online-Bestellungen aller Art? Statt an mündige Kunden zu glauben, würde der Weg in eine Vollkaskoschutzwirtschaft geebnet. Ebenso kurzsichtig ist eine Forderung des Bundesrats nach automatisierten Entschädigungsverfahren: Da Flüge per App gebucht werden können, müsste Geld ebenso unbürokratisch zurückgezahlt werden. Technisch möglich ist das ohne Zweifel. Wenn aber Fluggesellschaften bestreiten, dass Ansprüche entstanden sind, ist für den Reisenden nichts gewonnen.

          Die Fluglobby hat auch eine Idee: Statt nach drei Stunden Verspätung sollen Ansprüche erst nach fünf Stunden entstehen. Dass Gesellschaften künftig in der Zwischenzeit Ersatzjets schicken, erscheint wenig glaubwürdig. 2018 hatten sie mit zu wenigen Reserven geplant. Ihnen eine längere Gnadenfrist für Verspätungen zu spendieren wäre daher das falsche Signal. Viele unzufriedene Kunden gingen dann leer aus. Niedrigere oder zeitlich gestaffelte Entschädigungssätze sind eher im Verbraucherinteresse, auch wenn der einzelne Passagier weniger Geld bekäme. Doch heute spürt eine Fluglinie, die wegen einer Verspätung schon zu einer hohen Strafpauschale verdammt ist, keinen Anreiz mehr, die Verspätung nicht noch weiter ausufern zu lassen. Übrigens: Für Zugfahrten orientieren sich Entschädigungen längst prozentual am Ticketpreis.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

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