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Energiesparlampen : Cannabiszüchter rücken Philips ins Zwielicht

Gut beleuchtet: Cannabispflanze in Amsterdam Bild: picture alliance / JOKER

Das Geschäft mit leistungsfähigen Led-Leuchten hat Philips viel Freude bereitet. Eine Fernsehreportage über dubiose Lampengeschäfte mit Cannabiszüchtern rückt den Konzern jetzt ins Zwielicht.

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          Frans van Houten war in seinem Element, als er vor Wochenfrist im Amsterdamer Philips- Hauptquartier die Geschäftzahlen des Elektronikkonzerns erläuterte. Gegen Ende der Präsentation in dem renovierten, mit Energiesparlampen der neuesten Generation aus eigener Produktion ausgeleuchteten Sitzungsraum kam der Vorstandsvorsitzende auf einen Hoffnungsträger des Konzerns zu sprechen. „City Farming“, übersetzt am besten mit „Pflanzenanbau in Ballungsgebieten“, lautet die Zauberformel für ein vielversprechendes Geschäftsfeld. Die auf Leuchtdioden (LED) beruhenden Lampen verhießen „eine höhere Produktion der Sorten“ und benötigten „weniger Wasser und Elektrizität“, schwärmte van Houten.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Darüber, dass sich Philips-Lampen nicht nur zum Züchten von Tomaten und Gurken, sondern ebenso für den in den Niederlanden mehr oder weniger tolerierten Anbau der dort als „Nederwiet“ bezeichneten Haschischpflanzen eignet, verlor van Houten kein Wort. Dabei dürfte das Geschäft mit den wachstumsstimulierenden Lampen, wie eine Reportage in der Fernsehsendung „Brandpunt“ (Brennpunkt) unter dem Titel „Düsteres Licht“ aufdeckte, jahrelang durchaus lukrativ gewesen sein. In der Sendung wurde gezeigt, wie die Pflanzen mit Hilfe von Philips-Lampen und sonstigen Zubehör des Konzerns offenbar prächtig gedeihen - und anschließend zum Beispiel in den legendären „Coffeehops“ landen, in denen Interessenten kleinere Mengen weicher Drogen legal erwerben können.

          Für manchen Manager des Konzerns, der dafür wirbt, „ein verantwortlicher Partner in der Gesellschaft, der unbescholten handelt“, zu sein, dürfte das Leuchtengeschäft mit der Pflanze „Cannabis sativa“ durchaus mit Gewissenbissen verbunden gewesen sein. So trat Philips noch am Tag der Ausstrahlung der Sendung mit einem Kommuniqué die Flucht nach vorne an. Darin hieß es, Philips sei als Produzent und Lieferant von Lampen und Komponenten für den Gartenbau in Treibhäusern die Tatsache bekannt gewesen sei, dass die Produkte auch für den Anbau von Cannabis benutzt würden.

          Heute stelle sich die Situation indes so da: „Philips hat vor zwei Jahren bewusst beschlossen, nicht mehr Betriebe zu beliefern, die unsere Lampen an die Cannabisbranche weiterliefern“, erklärte Philips-Sprecher Eric Drent.

          Einschüchterungsversuche eines Abnehmers

          Das war jedoch nur ein Teil der Geschichte. So räumte der niederländische Konzern jetzt auch ein, dass der Konzern mit einem sogenannten Abnehmer noch eine Vereinbarung zur Lieferung einer zusätzlichen Ladung Lampen geschlossen hatte. Dabei habe es sich um eine Person gehandelt, der Philips-Mitarbeiter belästigt, bedroht und eingeschüchtert habe. Im Gegenzug zu der Vereinbarung habe der Lieferant sich verpflichtet, „an Philips und Philips-Mitarbeiter in keiner Weise mehr heranzutreten“.

          Tatsächlich habe er in dem Bestreben, eine weitere Lieferung Philips-Lampen zu erhalten, seit Monaten, zum Teil auch täglich durch Mails, aber auch durch persönliches Erscheinen seine Einschüchterungsversuche fortgesetzt. So war in der Fernsehreportage eine Szene nachgestellt worden. Sie zeigt, wie der Unternehmer in der Dunkelheit vor der Privatwohnung des Philips-Vorstandsvorsitzenden vorfährt und den Konzern auf der Straße der Beteiligung an der Cannabiszucht bezichtigt. Van Houten ruft die Polizei um Hilfe. Noch am selben Abend gelangt der Mann wieder auf freien Fuß.

          Nach Erkenntnissen der Autoren der Reportage soll der Kontakt zwischen Philips und dem Lieferanten, der in den Genuss von Vorzugspreisen gelangt sein soll, seit 2002 bestanden haben. Für den Konzern habe dies den Vorteil gehabt, keinen direkten Kontakt mit den Endkunden in der Cannabiszucht, aber wohl Einblick in den sogenannten alternativen Gartenbau gehabt zu haben.

          Belieferung von Cannabisproduzenten mit Lampen soll unter Strafe gestellt werden

          Philips stellte jetzt klar, dass es „niemals“ weitere Lieferungen an den Unternehmer geben werde, der in der Reportage als Mittelsmann zwischen Philips und den professionellen „Nederwiet“-Züchtern erscheint. Der Konzern verwies in seiner Erklärung auch auf die in den Niederlanden geplante gesetzliche Neuregelung. Demnach soll die Belieferung der Cannabisproduzenten mit Lampen und anderen Geräten unter Strafe gestellt werden.

          Glaubt man der „Brandpunt“-Sendung, dann dürften sich Cannabiszucht und -handel zu einem äußerst lukrativen Geschäft entwickelt haben. Nach einem Bericht der Zeitung „NRC Handelsblad“ soll die Branche allein im südniederländischen Tilburg ein Volumen von 800 Millionen Euro aufweisen - mehr als der städtische Haushalt. Wer der ominöse Philips-„Geschäftspartner“ ist, darüber ging auch am Montag das Rätselraten weiter. Der Anwalt Marc Fruytier sagte, sein Mandant müsse in der Öffentlichkeit schweigen, da ihm Philips Schweigen auferlegt habe. Bei einem Verstoß gegen die Auflage drohe ihm jedes Mal eine Strafe von 100.000 Euro.

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