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Energiepreise : Verbio profitiert von hohem Gaspreis

  • -Aktualisiert am

Rechnet im nächsten Jahr mit sinkenden Preisen: Verbio profitierte von hohen Gaskosten Bild: ZB

Das Leipziger Unternehmen will mit Biomethan russisches Gas ersetzen. Für die Zukunft setzt ihr Geschäftsführer auf fortschrittliche Biokraftstoffe aus Restprodukten der Landwirtschaft.

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          Gewinne in Verbindung mit dem Krieg in der Ukraine sind eine heikle Angelegenheit. Niemand gibt gern zu, Nutzen aus dem russischen Angriff auf sein Nachbarland zu ziehen. Der Blick auf die Geschäftszahlen der Leipziger Verbio AG legt die Interpretation jedoch nahe. „Wir profitieren natürlich von den gestiegenen Gaspreisen“, gestand ihr Vorstandsvorsitzender Claus Sauter am Dienstag während der jährlichen Bilanzpressekonferenz.

          Seine fast 1000 Mitarbeiter und er legten reihenweise Rekordwerte vor. Der Jahresumsatz stieg um 77 Prozent auf mehr als 1,8 Milliarden Euro. Etwas mehr als 500 Millionen Euro bleiben als operatives Ergebnis. Das ist dreimal so viel wie im Vorjahr. Die Ebitda-Marge erreicht einen Wert von 28 Prozent, ein Plus von 12 Prozentpunkten im Vorjahresvergleich.

          Der Erfolg liegt unter anderem daran, dass Verbio Deutschlands größter Hersteller von Biomethan ist. Im vergangenen Geschäftsjahr waren es knapp 885.000 Megawattstunden. Sauter sieht darin einen wichtigen Baustein, um Erdgas aus Russland zu ersetzen. Es könne im Verkehr, für industrielle Anwendungen und in der Strom- und Wärmeerzeugung verwendet werden. „Perspektivisch können bis zu 50 Prozent des russischen Erdgases durch Biomethan aus lokaler Produktion ersetzt werden.“

          Wie grün sind Biokraftstoffe?

          Das Hauptgeschäftsfeld von Verbio ist jedoch die Produktion von Biodiesel und Bioethanol. Auch hier kam es in den vergangenen Monaten zu Preisanstiegen, die sich positiv auf das Geschäft auswirkten. Obwohl Verbio weniger Biodiesel als im Vorjahr herstellte, verdoppelte sich der Umsatz in diesem Segment fast. An der Börse legte die Aktie am Dienstag in der Spitze um 13 Prozent zu. Anteilseigner müssen sich im Februar trotzdem mit einer Dividende von 20 Cent pro Aktie begnügen. Die Ausschüttung ist damit seit 2018 unverändert.

          Sauter begründete die Zurückhaltung mit geplanten Investitionen in moderne Biokraftstoffe und die Globalisierung des Geschäfts. Das wird auch nötig sein. Unter den aktuellen Produktionsbedingungen ist die Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen umstritten. Die Umweltministerin Steffi Lemke und der Agrarminister Cem Özdemir (beide Grüne) wollen bis 2030 die Beimischung von Biodiesel und Bioethanol der ersten Generation, für dessen Produktion Nahrungs- und Futtermittelpflanzen verwendet werden, schrittweise auf null reduzieren.

          Insbesondere vor diesem Hintergrund der Nahrungsmittelengpässe wegen des Ukrainekrieges würden Lebensmittel auf den Teller und nicht in den Tank gehören. SPD und FDP setzen weiterhin auf Biokraftstoffe. Tragen die Zukunftspläne Verbios Früchte, muss sich das Unternehmen vor dem Verbot der grünen Minister gar nicht fürchten. In den USA und Indien investiert das Unternehmen in Produktionsanlagen für Biokraftstoffe der zweiten Generation.

          Diese fortschrittlichen Biokraftstoffe werden aus Ernteabfällen oder Resten der Nahrungsmittelproduktion hergestellt. In den USA und Indien sind es Mais- und Reisstroh, die bisher nach der Ernte keinen Verwendungszweck haben und verbrannt werden. Pläne, wie der Konkurrent Crop-Energies die Produktion wegen billigerer Importe aus den USA zu reduzieren, verfolgt Verbio deshalb nicht. „Wir haben früh diversifiziert und produzieren nicht nur in Europa. Wir sind Teil der günstigen Exporte aus den USA“, erklärte Sauter.

          50 Millionen Euro für PCK-Raffinerie

          Im nächsten Geschäftsjahr strebt Sauter an, 30 Prozent der gesamten Produktion auf fortschrittliche Biokraftstoffe umzustellen. Dazu müssen auch die drei deutschen Standorte in Bitterfeld, Zörbig und Schwedt beitragen. An letzterem ist Verbio seit 2005 auf dem Gelände der PCK tätig. Die Raffinerie steht seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine im Fokus der deutschen Energiepolitik. Sie ist im Besitz von Rosneft Deutschland. Das Tochterunternehmen des russischen Mineralölkonzernes wurde Mitte September unter die Treuhänderschaft der Bundesnetzagentur gestellt. Die Zukunft der Raffinerie ist noch ungewiss. Verbio hat klare Vorstellungen für die PCK. In der Raffinerie sollen erneuerbare und synthetische Kraftstoffe hergestellt werden. Genügend Landwirte, die nach Abnehmern ihrer Restprodukte suchen, gäbe es in der Region.

          Sauter blickt deshalb zuversichtlich auf die Zukunft des Standortes. Seine Firma hat sich mit rund 50 Millionen Euro an der PCK beteiligt. Die Landesregierung in Potsdam und die Bürgermeisterin in Schwedt würden mit Hochdruck an unbürokratischen Lösungen arbeiten. Diesen Pragmatismus vermisst Sauter bei der Herstellung von Bio-LNG. So wie der Bioethanol-Hersteller während der Corona-Pandemie seine Produktion schnell auf Desinfektionsmittel umstellen konnte, würde er auch jetzt gern die Versorgung mit LNG unterstützen. Dem stünden jedoch regulatorische Hürden im Weg. Welche genau? „Das sind Kleinigkeiten. Die versteht kein Mensch“, sagte Sauter auf Nachfrage der F.A.Z.

          Eine Verflüssigungsanlage für Bio-LNG baut Verbio schon am Standort in Zörbig. So soll die Versorgung auf dem deutschen Gasmarkt stabilisiert werden. Für den zeigt sich Sauter im Blick auf die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr optimistisch. „Wir werden wieder billiges Gas sehen“, prognostiziert er uneigennützig.

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