https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/energiepreise-arcelor-mittal-faehrt-ersten-hochofen-runter-18288315.html

Folge der Energiekrise : Größter Stahlproduzent fährt ersten Hochofen runter

Einer von zwei Öfen bald aus: Noch wird im Bremer Stahlwerk von Arcelor Mittal gearbeitet. Bild: dpa

Arcelor-Mittal legt einen Hochofen „bis auf weiteres“ still. Wegen hoher Energiekosten sind auch andere Metallunternehmen wachsam. Sie fordern einen Tarif für Industriestrom.

          3 Min.

          Arcelor-Mittal, der größte Stahlproduzent der Welt, fährt wegen der hohen Energiepreise in Deutschland Ende September zwei Produktionsanlagen herunter. „Bis auf weiteres“ werde einer der beiden Hochöfen am Flachstahl-Standort Bremen stillgelegt. Und auch die Direktreduktionsanlage im Hamburger Langstahlwerk soll außer Betrieb genommen werden. Zu den ohnehin schon hohen Kosten für Gas und Strom werde die ab Oktober geplante Gasumlage die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Betriebe weiter belasten, heißt es zur Begründung. „Mit einer Verzehnfachung der Gas- und Strompreise, die wir innerhalb weniger Monate hinzunehmen hatten, sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig in einem Markt, der zu 25 Prozent aus Importen versorgt wird“, wird Deutschland-Chef Reiner Blaschek in einer Mitteilung von Arcelor-Mittal zitiert.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Um den Gasverbrauch in Hamburg zu vermeiden, werde das Vorprodukt Eisenschwamm nun aus Amerika zugekauft, um weiter produzieren zu können – preisgünstiger, aber mit höherem CO2-Fußabdruck. Auch an den Produktionsstandorten Duisburg und Eisenhüttenstadt gebe es aufgrund der angespannten Lage Kurzarbeit.

          Anpassung an hohe Energiepreise

          Arcelor-Mittal ist offenbar der erste größere Fall einer drastischen Produktionskürzung wegen hoher Energiepreise. In den insgesamt wenigen Fällen, wo Kurzarbeitergeld beantragt werde, sei es nur im Einzelfall auf die Energiekrise zurückzuführen und teilweise auf die unterbrochenen Lieferketten, hat etwa die Hamburger Arbeitsagentur beobachtet.

          Einen Teil der Kostensteigerungen versucht Arcelor-Mittal auf die Kunden zu überwälzen. Ab November verlange der Stahlkonzern mit Sitz in Luxemburg 850 Euro je Tonne warmgewalzten Coil-Stahl, 13 Prozent mehr als bisher, berichtete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg diese Woche unter Berufung auf informierte Kreise, die den Zusammenhang mit den hohen Energiekosten herstellten.

          Die deutschen Stahlkonzerne zeigen sich vergleichsweise zurückhaltend. Weder Thyssenkrupp noch Salzgitter und auch nicht Saarstahl oder Dillinger Hütte haben aktuell Pläne, die Produktion einzuschränken. „Wir schreiben schwarze Zahlen trotz der hohen Energiepreise“, sagte ein Sprecher von Salzgitter. Er verwies darauf, dass man mit einem eigenen Kraftwerk Selbstversorger sei. Zudem habe man wegen der Gaskrise das Walzverfahren etwas verändert. Der Prozess sei verlangsamt worden, was niedrigere Temperaturen und einen entsprechend geringeren Energieeinsatz ermögliche, aber einen höheren Personaleinsatz nötig mache. Gleichwohl wird die Lage intensiv beobachtet, ein Krisenstab rund um die Geschäftsführung befasst sich mehrfach wöchentlich damit.

          Auch Kupfer wird teurer

          Auch in der Kupferindustrie könnte es wegen der hohen Gaspreise zu Produktionseinschränkungen kommen. So produziert beispielsweise die Hamburger Aurubis AG Kupferprodukte, die an der Börse gehandelt werden, wie etwa Kathoden mit einem Kupferanteil von mindestens 99,9 Prozent. Mit solchen Produkten steht Aurubis unmittelbar im internationalen Wettbewerb. Die hohen Metallpreise in Verbindung mit einer hohen Nachfrage nach Kupferprodukten (unter anderem auch für Windräder, Solarpanele und Elektroautos) bescheren dem Unternehmen gleichzeitig hohe Gewinne. „Wir sind finanziell stark und haben einen langen Atem“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber der F.A.Z. Zudem profitiere Aurubis davon, dass nur zwei von sechs Werken in Deutschland seien und die Energiepreise in anderen Ländern nicht so stark gestiegen seien.

          Längerfristig, so warnt auch die Aurubis-Sprecherin, dürfte es sehr schwierig sein, mit so hohen Energiepreisen das Kupfer in Europa zu produzieren, das man hierzulande gerade für die Energiewende brauche. „Sollte die Kupferproduktion aufgrund der aktuellen Belastungen zurückgeschraubt werden müssen, wird auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien ausgebremst“, warnt auch das Deutsche Kupferinstitut. „Die deutsche Kupferhalbzeugindustrie hat im zweiten Quartal ein Produktionsminus von 6 Prozent erzielt. Und das obwohl für den Ausbau der erneuerbaren Energien eigentlich mehr Kupfer benötigt würde – ein Trend, der sich in den nächsten Monaten fortzusetzen droht“, lautet die Einschätzung von Michael Sander, dem Geschäftsführer des Kupferverbands.

          Gleichwohl ist das kein rein deutsches Problem. Der europäische Metallverband Eurometaux beklagt in einer neuen Auswertung, dass die EU seit Oktober 2021 etwa die Hälfte der Aluminium-Kapazität verloren habe, was rund 1 Million Tonnen entspreche. „Der jüngste Anstieg der Strompreise hat alle Zinkhütten in der EU sowie mehr als die Hälfte der Aluminiumhütten gezwungen, ihre Produktion zu drosseln oder sogar ganz einzustellen“, heißt es von dem Verband. Von der Energiekrise seien alle neun Zinkhütten betroffen, in Deutschland betreibt der große Rohstoffkonzern Glencore in Nordenham in Niedersachsen ein Werk. Gleichzeitig würde außerhalb der EU die Metallproduktion aufgebaut, die einen höheren CO2-Ausstoß habe, beklagt der europäische Lobbyverband.

          Mit einem europäischen Industriestrompreis könnte die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden, erwartet man bei Aurubis, und stimmt damit ein in eine Forderung von Arcelor-Mittal Deutschland. „Wir sehen dringenden politischen Handlungsbedarf, um die Energiepreise umgehend in den Griff zu bekommen“, fordert Blaschek. Ein erster Schritt müsse sein, das Strommarktdesign anzupassen, damit nicht der Erdgaspreis allein ausschlaggebend für die Strompreisbildung sei.

          Weitere Themen

          Angebotsorientierte Finanzpolitik heißt das Gebot der Stunde

          Wirtschaftskrise : Angebotsorientierte Finanzpolitik heißt das Gebot der Stunde

          Die deutsche Wirtschaft muss unter erschwerten Umständen digital und klimafreundlich werden. Da helfen manche Vorschläge des Sachverständigenrats nicht. Ein Gastbeitrag von drei ehemaligen Mitgliedern der „Wirtschaftsweisen“.

          Topmeldungen

          Sieg im Elfmeterschießen : Messis Traum vom WM-Titel lebt

          Superstar Lionel Messi hofft bei seiner fünften WM weiter auf den ersten Titel. Gegen Oranje verspielt Argentinien zunächst einen Zwei-Tore-Vorsprung, hat im Elfmeterschießen aber das bessere Ende für sich.
          Außenministerin Annalena Baerbock steigt am 9. Dezember 2022 am Flughafen von Dublin in den Airbus der Flugbereitschaft der Bundeswehr.

          Baerbocks Besuch in London : Die Schadensbegrenzung muss warten

          Eigentlich wollten sich die deutsche Außenministerin und ihr britischer Kollege viel Zeit für ihre Gespräche nehmen. Doch ein Wintereinbruch in Dublin bringt ihre Pläne durcheinander – statt nach London fliegt Baerbock zurück nach Berlin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.