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Energiekonzerne : Auf der Suche nach dem Schiefergas

Tiefenforscher: An das Schiefergas ist schwer heranzukommen Bild: AP

In Nordamerika ist es den Energiekonzernen schon gelungen, mit neuen Techniken einst unerreichbare Gasquellen zu erschließen. Jetzt wollen sie die Revolution in Europa wiederholen.

          Exxon-Mobil bohrt in Niedersachsen und Polen danach, Shell fahndet in Schweden, OMV ist in der Gegend um Wien auf der Suche. Quer durch Europa sind die Konzerne auf der Jagd nach einer Energiereserve, mit deren Namen bisher nur Fachleute etwas anfangen können: den sogenannten unkonventionellen Erdgasquellen. In den vergangenen Jahren haben diese neuen Vorkommen schon den Energiemarkt der Vereinigten Staaten durcheinandergewirbelt. Tony Hayward, der Vorstandschef von British Petroleum (BP), spricht von einer "stillen Revolution" im nordamerikanischen Gasgeschäft. Jetzt untersuchen die Energiekonzerne - von der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbemerkt -, ob sich die Revolution in Europa wiederholen lässt.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das Geschäft mit den unkonventionellen Gasquellen ist der Hightech-Sektor der Energiebranche. Erst seit wenigen Jahren ist es durch neuartige Fördertechniken möglich, zuvor unerreichbare Reserven zu heben. Anders als bei der traditionellen Förderung ist das Gas tief unter der Erdoberfläche eingeschlossen, zum Beispiel in massivem Schiefergestein. Um an das Schiefergas (shale gas) heranzukommen, sind oft flexible Bohrungen nötig. Sie führen zunächst senkrecht in den Boden. Wenn die gashaltigen Gesteinsschichten erreicht sind, knickt die Bohrung in mehreren tausend Metern Tiefe in die Horizontale ab. Dann wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck in das gebogene Bohrloch gepumpt, um das Gestein aufzusprengen und das Gas strömen zu lassen.

          Wegen des großen Wasserverbrauchs und der beigemischten Chemikalien ist diese neue Form der Gasförderung allerdings ökologisch umstritten. Gegner warnen vor einer Verseuchung des Grundwassers, wenn der Chemie-Mix in großen Mengen in die Erde gepumpt wird. Trotz dieser Umweltbedenken und des hohen technischen Aufwands sind die unkonventionellen Gasquellen in den Vereinigten Staaten binnen weniger Jahre zu einem gewaltigen Geschäft geworden. Exxon-Mobil bezahlte Ende vergangenen Jahres 31 Milliarden Dollar für das texanische Unternehmen XTO, das auf unkonventionelle Gasquellen spezialisiert ist (siehe Ölgigant Exxon übernimmt Gasproduzenten XTO). In den Vereinigten Staaten entfällt mittlerweile mehr als die Hälfte der Produktion auf die neuen Gasquellen, deren Fördermengen sich dort seit der Jahrtausendwende annähernd verdoppelt haben. Während neue Ölquellen immer seltener erschlossen werden, ist es im Gasgeschäft zu einer Angebotsschwemme gekommen.

          Die Hightech-Gasförderung öffnet neue Perspektiven für die Energieversorgung. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris, das zentrale Forschungsinstitut der Industrieländer im Energiesektor, schätzt die internationalen Vorkommen an unkonventionellem Gas auf 921 Billionen Kubikmeter. Das ist fünfmal so viel wie die nachgewiesenen Reserven in der traditionellen Erdgasförderung. Allerdings muss sich durch weitere Analysen erst noch erweisen, bis zu welchem Grad es technisch und wirtschaftlich möglich ist, diesen neuen Energieschatz auch zu heben.

          Nach dem Erdgasfieber in Nordamerika nehmen die Energieriesen inzwischen auch Europa ins Visier. "Die meisten großen Konzerne untersuchen zurzeit aktiv europäische Vorkommen, auch wenn sie darüber kaum reden", sagt der Energiefachmann Philip Lambert vom Londoner Beratungsunternehmen Lambert Energy. Vermutlich ist die Branche auch deshalb eher schweigsam, weil sie im umweltpolitisch sensibleren Europa keine Angriffsflächen bieten will.

          "Es ist eine Jagd nach den besten Quellen im Gang", sagt Lambert. Die größten Hoffnungen setzt die Branche zurzeit auf Polen, wo unter anderen die drei amerikanischen Unternehmen Exxon-Mobil, Chevron und Marathon aktiv sind. Aber auch in Skandinavien, Mitteleuropa und Großbritannien läuft die Exploration an. Ergiebige neue Gasquellen in Europa wären für die Branche hochattraktiv, weil hier der zweitgrößte Abnehmermarkt der Welt ist. Zugleich könnten Deutschland und andere europäische Länder ihre Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern.

          Wie stehen die Chancen, dass auch in Europa unkonventionelle Gasquellen in großem Stil erschlossen werden? Die Energieagentur schätzt die Vorkommen in der Region auf 35 Billionen Kubikmeter. Das wäre zwar nur ein kleiner Teil der weltweiten Vorkommen, aber dennoch ein Vielfaches der nachgewiesenen Reserven an konventionellem Erdgas in Europa. Experten warnen allerdings vor zu großen Hoffnungen. "In Europa steckt die Erforschung unkonventioneller Gasquellen noch in den Kinderschuhen", sagt Hans-Martin Schulz vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Das Institut koordiniert ein wissenschaftliches Projekt, das die gashaltigen Schiefergestein-Lagerstätten in Europa kartographieren soll. Finanziert wird die vor einem Jahr begonnene Grundlagenforschung von einer Gruppe von Energiekonzernen wie Exxon-Mobil, Total und Statoil. Mit von der Partie ist auch die BASF-Sparte Wintershall aus Kassel.

          "Es ist zu früh, um das Potential in Europa abschätzen zu können", sagt Geologe Schulz. Die Internationale Energieagentur glaubt, dass vor allem die potentiellen Umweltrisiken im Wege stehen könnten. Doch die Pariser Energieexperten weisen auch auf die Chancen hin: Die eigenen Reserven könnten groß genug sein, um Westeuropa 40 Jahre lang unabhängig von Gasimporten zu machen.

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