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Energiekrise : Energiekonzern ENBW hält Gewinnabschöpfung für richtig

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim von ENBW in der Nähe von Heilbronn Bild: SVEN SIMON

RWE ist dagegen, ENBW dafür: Die Pläne zu einer Gewinnabschöpfung spalten die Energiebranche. Der ENBW-Finanzvorstand mahnt aber: Es kommt auf die Ausgestaltung an.

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          Der Energiekonzern ENBW zeigt sich überraschend offen für eine Gewinnabschöpfung. Die derzeitigen Überlegungen der Bundesregierung sind laut Finanzvorstand Thomas Kusterer „grundsätzlich nachvollziehbar“, sofern nur die Erträge abgeschöpft würden, die sich aus den ungewöhnlich hohen Strompreisen ergäben. Es handle sich um eine „Frage der gesellschaftlichen Solidarität“, sagte Kusterer in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

          Gustav Theile
          Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.

          Damit geht der börsennotierte Konzern, der fast vollständig in öffentlicher Hand ist, auf Distanz zu anderen Unternehmen aus der Branche und ändert dabei auch die Tonlage seiner bisheriger Position. „Eingriffe in bewährte marktbasierte Systeme sollten vermieden werden“, hatte RWE-Finanzvorstand Michael Müller noch am Donnerstag gesagt. Auch ENBW-Vorstand Georg Stamatelopoulos hatte sich im Oktober im Gespräch mit der F.A.Z. noch ausschließlich kritisch über eine mögliche Gewinnabschöpfung geäußert.

          Kusterer sagte, es sei wichtig, eine Lösung zu finden, die private Haushalte und die Industrie bei den Energiepreisen spürbar entlaste. Dass für die Finanzierung die Gewinne abgeschöpft werden sollten, die durch die hohen Strompreise entstünden, sei nachvollziehbar. „Das Vertrauen der Bürger in die Gerechtigkeit und Handlungsfähigkeit der Politik“ dürfe nicht erschüttert werden.

          Es kommt auf die Ausgestaltung an

          Der Manager warnte jedoch auch, es komme auf die Ausgestaltung an. Was abgeschöpft werde, stehe nicht für Investitionen zur Verfügung. Das könne negative Folgen für Wind- und Solarparks, den Fortschritt der Energiewende und das Vertrauen von Investoren in den Wirtschaftsstandort Deutschland haben. Die Pläne für die Ausgestaltung hätten sich aber in den vergangenen Wochen in die richtige Richtung bewegt, sagte Kusterer in der Telefonkonferenz.

          ENBW ist an vielen Punkten von der derzeitigen Energiekrise betroffen. Der Leipziger Gasimporteur VNG ist nach Uniper einer der größten in Deutschland und ein Tochterunternehmen von ENBW. VNG war zwischenzeitlich in Schieflage geraten, wurde nun aber mit staatlicher Hilfe weitgehend stabilisiert, auch wenn es weiterhin offene Punkte gibt.

          ENBW betreibt zudem eines der verbliebenen drei Atomkraftwerke und muss wegen des Streckbetriebs nun den Rückbau verschieben. Gleichzeitig profitiert der Konzern, der jeweils zu knapp der Hälfte dem Land Baden-Württemberg und Kommunen aus dem Bundesland gehört, als Energieerzeuger mit Windparks und Solarenergie von den hohen Strompreisen.

          Erneuerbare Energien helfen ENBW

          Für das Gesamtjahr hat der Konzern nun jedoch seine Prognose gesenkt, wie ENBW am Freitag mitteilte. Der Versorger rechnet noch mit einem operativen Ergebnis von 2,7 bis 2,9 Milliarden Euro statt bislang mehr als 3 Milliarden. Die Kosten, um die Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten, würden im vierten Quartal voraussichtlich zunehmen, teilte der Konzern mit. Zudem sei immer noch nicht vollständig geklärt, wie die Verluste von VNG ausgeglichen würde und wie die Gewinnabschöpfung aussehe.

          Bisher gleichen sich die Effekte in den verschiedenen Geschäftsfeldern aus. Das bereinigte Ergebnis blieb in den ersten neun Monaten des Jahres mit knapp 2 Milliarden Euro nur minimal hinter dem Vorjahreswert zurück. Der bereinigte Konzernüberschuss halbierte sich gegenüber dem Vorjahr jedoch fast auf nur noch knapp 400 Millionen Euro.

          Aufgrund der Turbulenzen am Energiemarkt und der hohen Preise stieg der Umsatz des Konzerns rasant an und legte von Januar bis September auf knapp 40 Milliarden zu. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als eine Verdopplung, als der Konzern einen Umsatz von knapp 19 Milliarden verzeichnet hatte.

          Positiv fiel vor allem das Geschäft mit erneuerbaren Energien zu Buche. Dort legte das bereinigte Ergebnis um gut die Hälfte auf 840 Millionen Euro zu. Das lag laut ENBW vor allem an neuen Solarparks, höheren Preisen und besseren Windverhältnissen.

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