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Energie : Industrie hält die Strombörse für einen manipulierten Markt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Strom in Deutschland ist teuer. Eine Folge der Energiepolitik und der Marktkontrolle eines Oligopols von wenigen Energiekonzernen, meint der Chef der Norddeutschen Affinerie, Europas größter Kupferhütte.

          Werner Marnette ist zornig. Auf die Energiepolitik, die den Strom mit Ökosteuer und Erneuerbare-Energien-Gesetz verteuert, vor allem aber auf die vier großen Energiekonzerne Eon, RWE, ENBW und Vattenfall. "Unter Duldung des Staates hat sich ein enges Oligopol auf dem Strommarkt gebildet. Die vier Unternehmen haben den Markt völlig unter Kontrolle, treiben den Preis hoch und haben Deutschland vom europäischen Wettbewerb abgeschottet", sagte Marnette, Vorstandsvorsitzender von Europas größter Kupferhütte, der Norddeutschen Affinerie, und oberster Energie-Lobbyist im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Der teure Strom, der zweitteuerste in Europa, sei inzwischen zu einer Gefahr für energieintensive Betriebe am Standort Deutschland geworden.

          In einem offenen Brief hat sich der Industrieverband Hamburg nun an den Vorstandsvorsitzenden des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, Lars Josefsson, gewandt. Darin wird Josefsson gebeten, seine Preispolitik zu überdenken, um die 1000 Arbeitsplätze in den Hamburger Aluminiumwerken zu retten. Die beiden Werke sollen geschlossen werden, da der Anstieg des Strompreises eine wirtschaftliche Produktion nicht mehr ermögliche.

          Hitzewelle als Preistreiber

          Marnette ist vor allem die Preisbildung an der Strombörse Leipzig (EEX) ein Dorn im Auge. "Die deutsche Strombörse ist ein manipulierter Markt. Die vier großen Energieversorger steuern den Handel, um den Preis nach oben zu treiben", klagt Marnette. In den vergangenen sechs Monaten ist der Strompreis an der Börse in Leipzig um 30 Prozent gestiegen. Seit Anfang 2003 hat sich dieser Preis um 80 Prozent erhöht.

          Die Energiewirtschaft weist die Kritik zurück. Die Strombörsen in Frankreich und den Niederlanden verzeichneten einen wesentlich stärkeren Preisanstieg als die deutsche Strombörse. "Ein entscheidender Preistreiber an den deutschen Strombörsen war die Hitzewelle in Südeuropa", sagt Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Zudem wirke sich der starke Preisauftrieb an den internationalen Energie- und Rohstoffmärkten hierzulande aus.

          Argumentation der Stromversorger läßt sich widerlegen

          Doch genau dieses Argument läßt Marnette nicht gelten. "Von Januar 2002 bis heute sind die durchschnittlichen Erzeugungskosten der Energieversorger von 22 nur auf rund 24 Euro je Megawattstunde Strom gestiegen. Das Argument der großen Stromversorger, das teure Öl und Gas auf den Weltmärkten treibe den Strompreis in Deutschland, läßt sich damit eindeutig widerlegen", sagt Marnette und erhält Unterstützung von Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK).

          "Rund 80 Prozent des Stromes in Deutschland wird mit Atomkraft, Braunkohle und Steinkohle produziert. Die Atomenergie ist absolut unabhängig vom Weltmarkt und müßte die Preise eigentlich stabilisieren. Auch die Braunkohle wird nicht importiert, sondern überwiegend zu weitgehend konstanten Kosten in Deutschland abgebaut. Und die Steinkohle wird immer noch stark subventioniert. Selbst wenn sich die Preise für importiertes Erdgas oder Öl auf dem Weltmarkt verdoppeln, kann dies nicht für 80 Prozent Preissteigerung beim Strom verantwortlich gemacht werden.

          Zweifel an der Effizienz der Strombörse „Merkwürdiger Markt“

          Mit dem Primär-Energieeinsatz ist die Preissteigerung an der Strombörse jedenfalls nicht zu begründen", faßt Richmann zusammen, dessen Verband die industriellen Energieverbraucher vertritt. Auch Richmann zweifelt an der Effizienz der Strombörse: "Jede Woche Hitze in Spanien erhöht sofort die Terminpreise an der EEX. Aber wichtige Ankündigungen wie die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke senken die Preise nicht. Das ist schon ein merkwürdiger Markt", sagt er.

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