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Ende einer Fluglinie : Air Berlin sagt Tschüs

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Für den früheren Berliner Flughafenchef und heutigen Luftfahrtberater Hans-Henning Romberg, der ebenfalls mitfliegt, ist die Sache klar: „Das Management hat versagt, es ist traurig.“ Er ist zu gleichen Teilen Lufthansa und Air Berlin geflogen, war bei beiden Fluglinien Statuskunde. „Ich habe immer hinten gesessen, weil es da zuerst den Kaffee gab.“ Der Luftverkehr breche jetzt zwar nicht zusammen, sagt er. „Es ist aber doch schade, dass ein wesentlicher Teil der deutschen Luftfahrt zu Ende geht – und auch die Konkurrenz zur Lufthansa wegfällt.“ Zu schnelle Expansion und fehlerhafte strategische Entscheidungen haben letztlich das Aus für Air Berlin bedeutet, ihr Größenwahn wurde ihr zum Verhängnis.

Tod mit Ansage

So war es ein Tod mit Ansage. Als die Passagiere das Flugzeug betreten, darf jeder auf der Tür unterschreiben. David McCaleb, unter Air-Berlinern als „Captain Dave“ bekannt, ist der Pilot an diesem Freitagabend. Von seinen 61 Jahren ist der Amerikaner 27 bei der Air Berlin geflogen. Mit ihm ist die Airline groß geworden, und mit ihm geht sie auch unter. Für die Führungsetage schien mit diesem letzten Flug ein leidiges Kapitel zu enden. Anders ist es kaum zu erklären, dass Sprecher Ralf Kunkel auf Anfrage des Tagesspiegels erklärte, man habe für AB6210 nichts weiter geplant, es sei ja „auch nicht wirklich ein Grund zum Feiern“. Das Statement schien zu zeigen, wie wenig die Airline selbst der Führungsetage noch wert war.

Umso überraschender war dann, wie der Flug, für den das Callsign der Fluglinie auf „BER4EVR“ geändert worden war, ablief. Hunderte Mitarbeiter des Münchner Flughafens standen zum Abschied Spalier. Als er auf die Massen blickt, ist selbst der beinharte Hunold den Tränen nahe. Die Crew bestand zum Großteil aus den Dienstältesten von Air Berlin, zusammen kamen sie auf eine Betriebszugehörigkeit von 195 Jahren. „Unsere geplante Flugzeit liegt bei 55 Minuten“, sagte der verantwortliche Flugbegleiter ins Mikrofon. „Könne heute etwas länger dauern. Es ist so schön, dass Sie da sind.“ „Ja“, unterbrach ihn Kapitän McCaleb, „wir sind alle sehr glücklich, aber jetzt bitte: Arm doors and cross check.“ Die Flughafenfeuerwehr salutierte mit einer Fontäne, und in 30 Sekunden schoss der Jet auf der Startbahn von 0 auf 300.

Ein Caterer spendierte Canapés und Sekt, die in der Kabine verteilt werden. „Essen, Sekt und ein Rundflug für knapp 70 Euro – das nenne ich ein gutes Preis-Leistungsverhältnis“, sagt ein Passagier, der beruflich zwischen München und Berlin pendelt und den Flug gebucht hatte, bevor ihm das Ende der Airline gewiss wurde. „Seit ich erfahren habe, dass es der letzte ist, habe ich darauf hingefiebert.“

„So viel Emotionalität“

Als die Air-Berlin-Hymne angestimmt wird, singt auch Hunold mit: „Flugzeuge im Bauch / Im Blut Kerosin / Kein Sturm hält sie auf / Unsre Air Berlin“. Wie erlebt er diesen Flug? „Ich bin traurig“, sagt er. „Aber diese Traurigkeit ist auch mit tiefer Dankbarkeit für die Mitarbeiter verbunden, die es ermöglicht haben, über lange Jahre mit so viel Emotionalität, Loyalität und Liebe so ein Unternehmen groß zu machen.“ Warum hat er sich in den letzten Wochen so zurückgehalten? „Wenn das alles vorbei ist, werde ich mit Sicherheit auch meine Gedanken zum Unternehmen vorbringen.“ Die „Bild am Sonntag“ hatte unlängst berichtet, dass Hunold Privatreisen über die Airline abgerechnet habe. „Ich bin in meinem Leben ein korrekter Mensch gewesen“, rechtfertigt sich Hunold. „Wenn jetzt Leute meinen, sie müssten in der zehn Jahre zurückliegenden Vergangenheit wühlen, sollen sie das machen. Ich bin ein ehrlicher Mensch und werde das auch bleiben. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht.“

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