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Energieversorger : ENBW avanciert zur Nummer drei

Ein jahrelanger Streit geht zu Ende: ENBW, VNG und EWE haben einen Knoten zerschlagen. Bild: dpa

ENBW wird zum drittgrößten deutschen Gasversorger hinter Eon und Wintershall: Das Unternehmen übernimmt den ostdeutschen Gaslieferanten VNG mit einem Beteiligungstausch - und beendet ein jahrelanges Machtspiel.

          Für den baden-württembergischen Energiekonzern ENBW wird Gas künftig eines der größten Geschäftsfelder sein. Nach jahrelangem Ringen ist es dem bisher stark von Atomkraft abhängigen Versorger gelungen, die Mehrheit an der Leipziger VNG Verbundnetz Gas zu übernehmen und so den Umsatz um gut 10 Milliarden auf 30 Milliarden Euro zu steigern. Die ENBW AG wird dadurch zum drittgrößten Gasversorger Deutschlands nach Eon und Wintershall. „Für die ENBW ist der Erwerb der VNG ein bedeutender Schritt zum Umbau und in der Neuausrichtung des Unternehmens, sowohl strategisch als auch wirtschaftlich“, kommentierte der ENBW-Vorstandsvorsitzende Frank Mastiaux: „Mit der VNG werden wir unser Gasgeschäft, das wir zuletzt konsequent ausgebaut haben, mehr als verdoppeln.“ VNG und ENBW ergänzten sich „in fast idealer Weise“.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Möglich wird das Geschäft durch einen Beteiligungstausch. Ein Anteil von 74,2 Prozent der VNG gehört bisher dem in Oldenburg ansässigen Energiekonzern EWE. An diesem wiederum ist die Karlsruher ENBW mit 26 Prozent beteiligt. Nun wurde vereinbart, dass EWE AG selbst ein 10-Prozent-Paket zurücknimmt und der EWE-Verband 16 Prozent übernimmt, während im Gegenzug das VNG-Paket an ENBW geht. Der Wert des bisher von ENBW gehaltenen EWE-Pakets wurde auf rund 1,3 Milliarden Euro taxiert. ENBW zahlt zusätzlich noch 125 Millionen Euro Barausgleich an EWE und den EWE-Verband, weil der VNG-Anteil entsprechend höher bewertet wird. Vollzogen wird das Geschäft in drei Schritten bis 2019.

          Vorarbeit von der EWE

          Das Tauschgeschäft beendet eine Reihe von vergeblichen Versuchen verschiedener Energieunternehmen in wechselnden Konstellationen, einen großen Gasversorger aufzubauen. Selbst die Gerichte wurden bemüht, weil der Wert der Beteiligungen sank und damit frühere Planungen uninteressant wurden. So hatte EWE eigentlich deutlich mehr für den eigenen VNG-Anteil erzielen wollen. ENBW wiederum hat im Jahr 2009 noch 2 Milliarden Euro für den EWE-Anteil bezahlt, einen Betrag also, der um eine halbe Milliarde Euro über der jetzigen Bewertung liegt.

          Die Vorarbeit für die Mehrheitsübernahme an der VNG leistete in den letzten Jahren die EWE, indem sie sukzessive Anteile zugekauft hat. Zuletzt hatten Wintershall und Gasprom im vergangenen Jahr ihre VNG-Anteile an EWE abgegeben. Der Verkauf der VNG-Anteile werde nun mit einem Buchgewinn abgeschlossen, bemerkt Matthias Brückmann, der Vorstandsvorsitzende der EWE AG. Für den bisher bei der ENBW liegenden 26-Prozent-Anteil werde man in den nächsten Jahren gemeinsam mit den kommunalen Anteilseignern einen neuen strategischen Partner suchen, so Brückmann.

          Das Oldenburger Unternehmen hatte auch andere Interessenten für das Gasgeschäft: Ein Gebot über 1,1 Milliarden Euro hatte der australischen Finanzinvestor Macquarie abgegeben, der schon mehrmals im deutschen Energiesektor aktiv wurde. Macquarie hatte sich mit dem Leipziger Regionalversorger LVV verbündet, der selbst einen kleinen Anteil an der VNG hält. Insgesamt liegen 25,8 Prozent der VNG-Anteile noch bei mehreren ostdeutschen Kommunen. Als Risiko betrachtet man das in der Karlsruher ENBW-Zentrale aber nicht. Die kleineren Gesellschafter seien vielmehr froh, dass man in ENBW einen strategischen Investor gefunden habe, der eine langfristige Perspektive eröffne, lautet die Aussage. ENBW-Chef Mastiaux positionierte sich nach Unterzeichnung der Vereinbarung demonstrativ als verlässlicher Partner: „VNG gehört zu Leipzig wie das Gewandhaus.“

          ENBW hat in den vergangenen Jahren das Gasgeschäft sukzessive ausgebaut, unter anderem durch einen langfristigen, umfangreichen Liefervertrag mit der russischen Novatek aus dem Jahr 2012. Im vergangenen Jahr hat ENBW zudem die Position im Gastransport verbessert, indem vom früheren italienischen Partner ENI sämtliche Anteile an den Gesellschaften GVS und Terranets BW übernommen wurden. Das Gasnetz der ENBW hat bisher 1900 Kilometer, durch VNG kommen 7200 Kilometer hinzu. Der Absatz der ENBW wird mit 70 Terawattstunden angegeben, VNG hat einen Absatz von 130 Terawattstunden im Inland sowie 36 Terawattstunden im Ausland. Das operative Ergebnis der Sparte wird sich deutlich mehr als verdoppeln. Während ENBW bisher 190 Millionen Euro mit dem Gasgeschäft verdient hat, erwartet Mastiaux nun 350 bis 400 Millionen Euro. Das wären rund 15 bis 20 Prozent des ENBW-Konzernergebnisses.

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