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EMI : Der englische Patient

Machte die Londoner EMI-Studios weltberühmt: das „Abbey Road”-Cover von den Beatles aus dem Jahr 1969 Bild: Archiv

Die Plattenfirma EMI ist eine Legende: In ihren Studios entstanden Alben der Beatles und Pink Floyd. Doch nach jahrelangen Sparrunden ist die Firma nur noch ein Schatten ihrer selbst. Eine Leidensgeschichte.

          Es sieht nur so aus, als verkaufe die Electric and Musical Industries (EMI) Tonträger. Das britische Unternehmen ist eine Legende, die mit Abstand älteste und traditionsreichste unter den vier großen Plattenfirmen, die den Weltmarkt beherrschen. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, worum es in ihrem Geschäft geht, muss sich auf den Weg machen in den gemächlich-gediegenen Londoner Stadtteil St. John’s Wood. Seit fast 80 Jahren unterhält der Musikkonzern in St. John’s Wood die berühmtesten Tonstudios der Welt: Abbey Road. Generationen von Musikstars haben hier gearbeitet. In den Studios entstanden fast alle Alben der Beatles und „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd. Abbey Road ist eine Pilgerstätte für Fans aus der ganzen Welt. Das Gartenmäuerchen vorne an der Straße, auf dem die Besucher mit dem Filzstift in der Hand ihren Idolen huldigen, ist übersät mit Hunderten von Inschriften. Die EMI lässt es sechsmal im Jahr neu streichen. Der Musikkonzern verkauft keine Tonträger, sondern Mythen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesem Mittwoch zapft EMI wieder einmal ihren wertvollsten Mythos an: Die Beatles-Alben kommen in klanglich aufpolierter Version neu auf den Markt. Jahrelang hat sich ein Team von Toningenieuren in der Abbey Road mit den betagten Aufnahmen abgemüht. Für EMI sind die Beatles dieses Jahr eine ihrer kommerziell wichtigsten Veröffentlichungen, und genau das ist das Problem: Der Musikriese lebt von der Vergangenheit. Noch immer hat EMI Stars wie Coldplay, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer unter Vertrag. Und doch ist das Unternehmen nur noch ein Schatten seiner selbst. Alle großen Musikkonzerne leiden unter dem schmerzhaften Strukturwandel durch das Internet und die Digitalisierung.

          Aber nirgendwo ist der Absatz in den vergangenen vier Jahren stärker gebröckelt als bei EMI. Das aktuelle Coldplay-Album „Viva la Vida“ war 2008 zwar das weltweit meistverkaufte, doch ansonsten kam von EMI fast nichts. Nur noch die Neuentdeckung Katy Perry („I kissed a girl“) schaffte es unter die Top-50 der globalen Verkaufscharts. Nach immer neuen Sparrunden, erfolglosen Fusionsversuchen und einer atemberaubenden Fluktuation im Management ist die Hitmaschine EMI bedenklich ins Stocken geraten.

          Heute ist die Straße eine Pilgerstätte für Fans

          „Zu wenig in neue Musik investiert“

          „Das ist ein Teufelskreis“, sagt ein Musikmanager von der Konkurrenz. „Wenn eine Plattenfirma zu wenig in neue Musik investiert, sehen ihre Zahlen im ersten Jahr super aus, aber danach brechen die Umsätze weg.“ Mangels aufregender neuer Musik, die der Treibstoff der Musikindustrie ist, muss die EMI das Geschäft mit Zweitverwertungen über Wasser halten: Unter den zehn meistverkauften EMI-Alben waren im Jahr 2008 sechs „Compilations“ mit Zusammenstellungen älterer Erfolgstitel. Das gibt es bei keinem der Konkurrenten.

          Der frühere EMI-Manager, der sich telefonisch meldet, will nicht, dass seine Name in der Zeitung steht. Aber er hat viel zu erzählen. „Bis vor fünf Jahren galt EMI als die Plattenfirma, die am meisten Wert auf A&R legt“, erinnert er sich. A&R steht für Artists & Repertoire, das sind die Mitarbeiter eines Musiklabels, die nach neuen Trends im Popgeschäft suchen und talentierte Nachwuchsmusikern aufbauen. Dafür braucht es Geduld. Herbert Grönemeyer ist der erfolgreichste deutsche Musiker, aber den Durchbruch hat er nur geschafft, weil EMI ihm im Jahr 1984 auch nach vier erfolglosen Alben noch die Produktion von „Bochum“ ermöglichte.

          Über 5500 Stellen sind bereits gestrichen

          „Bei EMI ist das Geschäft immer kurzatmiger geworden, es ging nur noch um die nächsten Quartalszahlen“, sagt der ehemalige Mitarbeiter. „Künstler wurden bedrängt, Alben zu veröffentlichen, die eigentlich noch nicht fertig waren, um schneller Umsätze verbuchen zu können.“ Der Konzern versuchte seine Zahlen für eine Fusion mit dem Konkurrenten Warner Music herauszuputzen. Bis heute wird über den Zusammenschluss immer wieder spekuliert. EMI hat in den vergangenen acht Jahren in ihrer Tonträgersparte mehr als die Hälfte der Stellen abgebaut. Über 5500 Arbeitsplätze fielen weg. Zugleich verließen prominente Musiker das Unternehmen. Die „Rolling Stones“ wechselten zum Weltmarktführer Universal, auch „Radiohead“ und selbst der Ex-Beatle Paul McCartney veröffentlichen ihre Musik nicht mehr bei dem Traditionslabel (siehe auch Rolling Stones streiten mit EMI).

          Der nächste Akt im Trauerspiel um EMI begann vor zwei Jahren: Auf dem Höhepunkt der Börsenhausse im Sommer 2007 wurde der Musikkonzern für 4 Milliarden Pfund vom britischen Finanzinvestor Terra Firma übernommen. EMI wurde damit indirekt Opfer der unmittelbar danach ausgebrochenen Finanzkrise. Denn den Großteil des Kaufpreises, rund 2,6 Milliarden Pfund, finanzierte Terra Firma durch einen Kredit der amerikanischen Großbank Citigroup – und bürdete die Schulden EMI auf. Die Citigroup hatte den Milliardenkredit eigentlich gar nicht auf den eigenen Büchern behalten, sondern wie bis dahin üblich in kleine Tranchen gestückelt weiterreichen wollen. Doch der Handel mit Krediten brach durch die Finanzkrise zusammen, und die Bank blieb auf dem Klumpenrisiko EMI sitzen. Die durch die Finanzmarktwirren selbst in Not geratene Citigroup wurde nervös.

          „Gute Leute waren ganz schnell weg“

          Um den aus heutiger Sicht hoffnungslos überhöhten Kaufpreis zu refinanzieren, setzte Terra Firma abermals den Rotstift an. Die Geschäftsentwicklung war desaströs: Im Geschäftsjahr 2007/2008 (31. März) wies EMI bei einem Umsatz von 1,458 Milliarden Pfund einen Nettoverlust von 757 Millionen Pfund aus. Guy Hands, der Vorstandschef von Terra Firma, übernahm vorübergehend selbst die Führung von EMI. Der Finanzmanager, der zuvor unter anderem in die deutsche Raststättenkette Tank & Rast investiert hatte, war Branchenneuling im Musikgeschäft. EMI-Mitarbeiter berichten, die neuen Eigentümer hätten wenig Interesse am Knowhow der vorhandenen Mannschaft gehabt. Frustration machte sich breit. „Gute Leute, die Angebote von der Konkurrenz hatten, waren ganz schnell weg“, erinnert sich einer.

          Im vergangenen Herbst holte Terra Firma den Italiener Elio Leoni-Sceti an die Spitze von EMI. Der Marketingexperte ist ebenfalls neu im Musikgeschäft, er kam vom Haushaltsreiniger-Hersteller Reckitt Benckiser. Ist EMI in Gefahr, endgültig kaputtgespart zu werden? Das Management will sich dazu nicht äußern. Eine Sprecherin verweist lediglich auf den jüngsten Halbjahresbericht. Darin schreibt Leoni-Sceti, EMI setze auf eine „selektivere“ Auswahl neuer Künstler

          Inzwischen hat Terra Firma EMI in seiner Bilanz weitgehend abgeschrieben. Die bislang letzte Sparrunde verschafft dem Musikkonzern vorerst etwas Luft: Im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr hat sich bei weiter schrumpfendem Umsatz der operative Gewinn (Ebitda) auf 163 Millionen Pfund mehr als verdreifacht. Auf Druck des Gläubigers Citigroup bekommt EMI von Terra Firma eine Kapitalspritze von 300 Millionen Pfund. Doch das Schuldenproblem ist damit nicht gelöst. Seit Monaten verhandelt die Bank mit Terra Firma über eine Restrukturierung. Ob der Finanzinvestor EMI auf Dauer halten kann, ist offen. Das Unternehmen hofft derweil auf den Erfolg wichtiger Neuveröffentlichungen. EMI hat immer noch ein paar Trümpfe im Ärmel: Im Herbst will der frühere Publikumsliebling Robbie Williams seine stockende Karriere wieder in Schwung bringen. Anfang November erscheint sein erstes Album seit drei Jahren. Er war einmal der wichtigste Umsatzbringer von EMI.

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