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EMI : Der englische Patient

„Bei EMI ist das Geschäft immer kurzatmiger geworden, es ging nur noch um die nächsten Quartalszahlen“, sagt der ehemalige Mitarbeiter. „Künstler wurden bedrängt, Alben zu veröffentlichen, die eigentlich noch nicht fertig waren, um schneller Umsätze verbuchen zu können.“ Der Konzern versuchte seine Zahlen für eine Fusion mit dem Konkurrenten Warner Music herauszuputzen. Bis heute wird über den Zusammenschluss immer wieder spekuliert. EMI hat in den vergangenen acht Jahren in ihrer Tonträgersparte mehr als die Hälfte der Stellen abgebaut. Über 5500 Arbeitsplätze fielen weg. Zugleich verließen prominente Musiker das Unternehmen. Die „Rolling Stones“ wechselten zum Weltmarktführer Universal, auch „Radiohead“ und selbst der Ex-Beatle Paul McCartney veröffentlichen ihre Musik nicht mehr bei dem Traditionslabel (siehe auch Rolling Stones streiten mit EMI).

Der nächste Akt im Trauerspiel um EMI begann vor zwei Jahren: Auf dem Höhepunkt der Börsenhausse im Sommer 2007 wurde der Musikkonzern für 4 Milliarden Pfund vom britischen Finanzinvestor Terra Firma übernommen. EMI wurde damit indirekt Opfer der unmittelbar danach ausgebrochenen Finanzkrise. Denn den Großteil des Kaufpreises, rund 2,6 Milliarden Pfund, finanzierte Terra Firma durch einen Kredit der amerikanischen Großbank Citigroup – und bürdete die Schulden EMI auf. Die Citigroup hatte den Milliardenkredit eigentlich gar nicht auf den eigenen Büchern behalten, sondern wie bis dahin üblich in kleine Tranchen gestückelt weiterreichen wollen. Doch der Handel mit Krediten brach durch die Finanzkrise zusammen, und die Bank blieb auf dem Klumpenrisiko EMI sitzen. Die durch die Finanzmarktwirren selbst in Not geratene Citigroup wurde nervös.

„Gute Leute waren ganz schnell weg“

Um den aus heutiger Sicht hoffnungslos überhöhten Kaufpreis zu refinanzieren, setzte Terra Firma abermals den Rotstift an. Die Geschäftsentwicklung war desaströs: Im Geschäftsjahr 2007/2008 (31. März) wies EMI bei einem Umsatz von 1,458 Milliarden Pfund einen Nettoverlust von 757 Millionen Pfund aus. Guy Hands, der Vorstandschef von Terra Firma, übernahm vorübergehend selbst die Führung von EMI. Der Finanzmanager, der zuvor unter anderem in die deutsche Raststättenkette Tank & Rast investiert hatte, war Branchenneuling im Musikgeschäft. EMI-Mitarbeiter berichten, die neuen Eigentümer hätten wenig Interesse am Knowhow der vorhandenen Mannschaft gehabt. Frustration machte sich breit. „Gute Leute, die Angebote von der Konkurrenz hatten, waren ganz schnell weg“, erinnert sich einer.

Im vergangenen Herbst holte Terra Firma den Italiener Elio Leoni-Sceti an die Spitze von EMI. Der Marketingexperte ist ebenfalls neu im Musikgeschäft, er kam vom Haushaltsreiniger-Hersteller Reckitt Benckiser. Ist EMI in Gefahr, endgültig kaputtgespart zu werden? Das Management will sich dazu nicht äußern. Eine Sprecherin verweist lediglich auf den jüngsten Halbjahresbericht. Darin schreibt Leoni-Sceti, EMI setze auf eine „selektivere“ Auswahl neuer Künstler

Inzwischen hat Terra Firma EMI in seiner Bilanz weitgehend abgeschrieben. Die bislang letzte Sparrunde verschafft dem Musikkonzern vorerst etwas Luft: Im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr hat sich bei weiter schrumpfendem Umsatz der operative Gewinn (Ebitda) auf 163 Millionen Pfund mehr als verdreifacht. Auf Druck des Gläubigers Citigroup bekommt EMI von Terra Firma eine Kapitalspritze von 300 Millionen Pfund. Doch das Schuldenproblem ist damit nicht gelöst. Seit Monaten verhandelt die Bank mit Terra Firma über eine Restrukturierung. Ob der Finanzinvestor EMI auf Dauer halten kann, ist offen. Das Unternehmen hofft derweil auf den Erfolg wichtiger Neuveröffentlichungen. EMI hat immer noch ein paar Trümpfe im Ärmel: Im Herbst will der frühere Publikumsliebling Robbie Williams seine stockende Karriere wieder in Schwung bringen. Anfang November erscheint sein erstes Album seit drei Jahren. Er war einmal der wichtigste Umsatzbringer von EMI.

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