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Elektronikbranche : Tragbare Computer einer neuen Generation

Eine völlig neue Version des Computers: Die Googlebrille Bild: AP

Obwohl Technik und Programme so leistungsfähig wie nie zuvor sind, sinkt die Nachfrage nach Personalcomputern und Tabletrechnern. Computerbrillen und Computeruhren könnten die gesamte Branche wandeln.

          Die angespannte Lage auf den Märkten für Personalcomputer (PC) dürfte in den kommenden Monaten noch ein wenig dramatischer werden als sie ohnehin schon ist. Denn neben Personalcomputern (PC) scheint nun auch die Nachfrage nach Tabletrechnern ihren ersten großen Höhepunkt überschritten zu haben. Währen der Verkauf von PCs sinkt, wird der Absatz der flunderflachen Tabletrechner in diesem Jahr wohl langsamer zulegen als bislang erwartet.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Verbraucherverhalten werde sich in den kommenden Monaten schneller wandeln als viele Anbieter von Rechnern der eher klassischen Machart reagieren könnten, sagte Jay Chou, Analyst von IDC. Das werde vor allem Hersteller wie HP, Dell, Asus und Acer weiter deutlich unter Druck halten. Zwar seien Prozessorentechnik und Computerprogramme so gut und leistungsfähig wie nie zuvor. Doch die gesamte Branche stehe angesichts immer neuer Gerätemodelle wie die Computerbrille von Google oder computerähnliche Uhren wie die von Sony vor einer völlig neuen Generation von Rechnern, heißt es auch seitens des Analystenhauses Gartner. Tragbare Computer sind heute mehr als nur Laptop- oder auch Tabletcomputer.

          Bisher gibt es nur Prototypen des gedankengesteuerten Computers

          Google treibt seine Technologien für neuartige Rechner weiter voran und könnte binnen einiger Monate seine Computerbrille auf den Markt gebracht haben. Die japanische Brother-Group hat bereits schon ein ähnliches Produkt. Samsung wird wohl in der kommenden Woche seine Computeruhr vorstellen. Die kanadische Firma Interaxon hat ein elektronisches Stirnband entwickelt, das Gehirnströme aufnimmt. Damit können Gedanke gelesen, verarbeitet und auf ein Smartphone weitergeleitet werden.

          Während vom gedankengesteuerten Computer bestenfalls Prototyp vorhanden sind, haben Unternehmen wie die japanische Casio-Gruppe schon seit Jahren Minicomputer für das Handgelenk auf dem Markt. Diese Produktgeneration gewann jedoch erst die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit, als es Ende vergangenen Jahres aus dem Hause des kalifornischen IT-Konzern Apple hieß, er werde eine internetfähige Computeruhr herausbringen. Daraufhin zog die Samsung-Gruppe nach.

          Bedienbar ganz ohne Hände: Die Googlebrille könnte binnen einiger Monate auf dem Markt sein

          Die Koreaner dürften in der kommenden Woche ihr Modell eines uhrengleichen Handgelenkrechners auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin (Ifa) vorstellen. Sony hat bereits seit zwei Jahren eine solche Uhr auf den Markt. Die Japaner stellten vergangenen Monaten das neuste Modell dieser Rechnergeneration vor. Die Uhr kann mit internetfähigen Mobiltelefonen kommunizieren, lässt kleine Videospiele und vielfältige Internetaktivitäten zu.

          Einer der Pioniere dieser Geräteklasse war der Softwareriese Microsoft. Er stellte schon 2004 die sogenannte „Spot-Watch“ vor, die neben dem Empfang von Radiosendern auch Wetterberichte, Börsenkurse oder Nachrichten via Internet empfangen und auf ihrem Minibildschirm sichtbar machen konnten. Trotz Partnerschaften mit Uhrenmarken wie Fossil, Suunto, Swatch oder Tissot fand das Gerät nie den Anklang auf den Massenmärkten.

          Das Tablet dümpelte vor sich hin - und dann kam Apple

          Microsoft war seiner Zeit auch bei den Tabletcomputern voraus: Als Bill Gates, Gründer, Chef und viele Jahre der starke Mann des Softwarehauses im November 2001 auf der Computermesse Comdex flunderflache und kaum briefpapiergroße Computer der Marken Acer, Toshiba, Fujitsu und Compaq in die Hand nahm, taufte er sie „Tablet-PC“ und nannte sie „die Zukunft der Branche“. Dann dümpelte der Gerätetyp vor sich hin. Fast zehn Jahre später kam Apple, warf seine Marketingmaschine an, brachte im April 2010 das iPad heraus, verkaufte auf einen Schlag 2 Millionen Stück, erlöste eine Milliarde Dollar und schien einen neuen Typus des tragbaren Computers erfunden zu haben.

          Die Branche handelte. Acer, Asus und Samsung zogen nach, brachten unter eigenen Marken Tablets auf die Märkte, setzten dabei vielfach auf die Android-Betriebssysteme des Internetriesen Google. Microsoft hatte mit seinem Betriebssystem das Nachsehen und verlor die ersten Runden im Wettbewerb um die Betriebssysteme der neuen Computerklasse. Der Konzern brachte mit Surface einen eigenen Tablet auf den Markt. Das Gerät floppte. In der vergangenen Woche trat der langjährige Vorstandsvorsitzende Steve Ballmer zurück.

          Bei Personalcomputern hat Microsoft nach wie vor eine dominierende Stellung. Doch diese Sparte der Computerbranche scheint dem Gestern anzugehören. Nachdem die PC-Verkäufe seit anderthalb Jahren zurückgehen, werden auch in diesem Jahr wohl noch weniger Rechner verkauft als bisher angenommen. Wie die Analysten des Marktforschungshauses IDC am Freitag mitgeteilt hatten, gehen sie von einem Rückgang der Absätze in diesem Jahr von mehr als 9 Prozent aus. Damit würden 315 Millionen PCs verkauft werden. Im vergangenen Jahr waren noch knapp 350 Millionen Heimcomputer verkauft worden. Im Mai hatte IDC einen Rückgang der Verkaufszahlen im laufenden Jahr von etwas mehr als 7 Prozent vorausgesagt.

          Das wird große Hersteller wie Hewlett-Packard, Acer oder Dell weiter unter Druck setzen. Zwar haben die Vorstände der mit einem breiteren Angebot an Dienstleistungen wie die Abwicklung zentral verwalteter und bearbeiteter Daten bereits neue Geschäftsfelder aufgebaut. Doch die Einnahmen daraus können die Umsatzeinbußen im PC-Geschäft noch nicht aufwiegen. Darüber hinaus scheint nach Ansicht von IDC auch das Verkaufswachstum von Tabletrechner seinen Höhepunkt zu überschreiten.

          Nachdem IDC erwartet den Absatz von 227,4 Millionen Tabletrechnern in diesem Jahr. Die bisherige Prognose belief sich auf 229,3 Millionen Geräten. Damit wäre der Markt immer noch fast 58 Prozent größer als im vergangenen Jahr. Doch erstmals muss die Wachstumsprognose leicht zurückgenommen werden.

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