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Elektronik-Hersteller Foxconn : 300.000 Menschen nur für die iPhone-Produktion

Mit deutschen Maßstäben nicht zu fassen: Werkshalle des Elektronikfertigers Foxconn in Shenzhen Bild: Bloomberg

Der Elektronik-Hersteller Foxconn betreibt für Apple eine Produktion der Superlative. In einem einzigen Werk in China arbeitet eine Belegschaft von der Größe der Stadt Bonn - ausschließlich an der Herstellung des iPhones.

          Die Werke von Foxconn sind mehr als Fabriken, nach deutschen Maßstäben sind sie Großstädte. In Shenzhen nördlich von Hongkong hat der wichtigste Elektronikfertiger der Welt in Spitzenzeiten 450.000 Menschen beschäftigt. Im „Longhua Campus“, auch „Foxconn City“ genannt, liegen nicht nur die Produktionshallen, sondern auch Dutzende Wohnblocks für die Mitarbeiter sowie Geschäfte, Banken, Internetcafés, Gaststätten, Sportplätze, sogar eine Schule, ein Krankenhaus und eine Fernsehstation namens „Foxconn TV“. Eben alles, was eine Stadt von der Größe Duisburgs so braucht.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          An 35 Standorten in ganz China gibt der taiwanische Konzern 1,3 Millionen Menschen Arbeit – so vielen Personen, wie in München wohnen, Deutschlands drittgrößter Stadt. Foxconn ist mit Abstand der wichtigste private Arbeitgeber und der führende Exporteur der Volksrepublik. Zum Vergleich: Deutschlands Platzhirsch, die Volkswagen-Gruppe, beschäftigt in aller Welt etwa 550000 Mitarbeiter. Foxconn, das unter dem Namen Hon Hai in Taipeh börsennotiert ist, beliefert alle namhaften Elektronikkonzerne. Im Akkord setzen seine Mitarbeiter iPhones und iPads für Apple zusammen, Laptops für Dell und HP, Kindles für Amazon, Wiis für Nintendo, X-Box-Konsolen für Microsoft, Playstations für Sony oder Mainboards für Intel. 40 Prozent aller Elektronikgüter auf der Welt stammen von Foxconn, hat Tom Miller berechnet, Analyst bei der Wirtschaftsforschungsgesellschaft Dragonomics in Peking. Daraus erzielte Hon Hai 2012 einen Umsatz von 132 Milliarden Dollar (plus 12,4 Prozent) und einen Jahresüberschuss von 3,2 Milliarden Dollar (plus 15,4 Prozent).

          Mehr als 20 Jahre lang war Shenzhen der wichtigste Standort der Taiwaner. Die höchste Beschäftigtenzahl wurde 2010 erreicht. Doch seitdem sieht sich Foxconn wachsenden sozialen Spannungen ausgesetzt, die darin gipfelten, dass sich eine Reihe von Wanderarbeitern von den Werksdächern zu Tode stürzte. Nach den Vorfällen musste die Gruppe nicht nur die Löhne und Arbeitsbedingungen verbessern, sondern sie verlagerte auch ihre Produktion landeinwärts. Neue große Werke eröffneten in Zhengzhou, der Hauptstadt der Zentralprovinz Henan, sowie in Chongqing und Chengdu in Westchina. Kleinere Einheiten entstanden in Taiyuan und Wuhan ebenfalls im Hinterland. Es sind nicht nur die schlechten Schlagzeilen, die Foxconn aus Shenzhen vertreiben, sondern auch betriebswirtschaftliche Überlegungen. Im Perlflussdelta, der Industriehochburg in Chinas reichster Provinz Guangdong, werden Arbeitskräfte immer rarer und teurer. Der Mindestlohn in Shenzhen von 1600 Yuan (190 Euro) im Monat ist der höchste in ganz China. Foxconn zahlt einschließlich Zulagen mehr als doppelt so viel. In Zhengzhou hingegen beträgt der Mindestlohn nur 1240 Yuan (130 Euro). Entsprechend sind auch die ausgezahlten Beträge geringer als an der Küste.

          Dennoch sind viele Beschäftigte motivierter, da sie jetzt in der Heimat eine Stelle finden, statt als Wanderarbeiter 1300 Kilometer an die Küste reisen zu müssen. Traditionell sei Henan eine Auswandererprovinz, sagt Miller. Doch seit Foxconn und andere Industriebetriebe aus dem Osten hierher umzögen, fänden mehr Industriebeschäftigte innerhalb der Provinz Arbeit als außerhalb. Zhengzhou läuft Shenzhen bei Foxconn den Rang ab, und das ist gewollt. Derzeit sind im Longhua Campus noch knapp 200.000 Menschen beschäftigt, weniger als halb so viele wie im Skandaljahr 2010. In den kommenden zwei Jahren sollen weitere 50.000 Stellen wegfallen. Ganz anders in Zhengzhou. Innerhalb von nur eineinhalb Jahren hat sich die Belegschaft von 130.000 auf 300000 mehr als verdoppelt. Ähnlich stark wuchs der Ausstoß: 2012 entstanden dort 220.000 iPhones, heute sind es nach Informationen des „Wall Street Journal“ bis zu 500.000 Stück – an einem einzigen Tag. Insgesamt befänden sich auf dem Gelände 100 Produktionslinien für das iPhone 5s, an denen zeitgleich jeweils 600 Personen arbeiten. Die Produktion laufe rund um die Uhr.

          Zhengzhou ist auch deshalb so schnell ausgebaut worden, um die Wartezeiten der Kunden auf die neuesten Modelle zu verkürzen. Statt zwei bis drei Wochen wie noch im Oktober dauert die Lieferung des iPhone 5S jetzt kaum noch eine Woche. Transportiert werden die Smartphones per Luftfracht, weswegen das Werk nah am Flughafen gebaut wurde. Die alten Standortnachteile West- und Zentralchinas, fern der Küsten zu liegen, zählten bei leichten und hochwertigen Elektronikgütern viel weniger als früher, sagt Miller. Das zeigt sich auch anderswo im Binnenland. In Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sichuan, stellt Foxconn 70 Prozent aller iPads her. In der Stadtprovinz Chongqing unterhält der Konzern gemeinsam mit Hewlett-Packard ein riesiges Laptop-Werk und plant eine Flachbildschirmproduktion. Mittelfristig könnten hier 450.000 Menschen beschäftigt werden, heißt es. Dann dürfte sich das Werk mit dem Titel schmücken, die größte Fabrik der Welt zu sein.

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