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Wegen Elektroautos : Gehen an der Tankstelle bald die Lichter aus?

Eine von 14.500 Tankstellen in Deutschland Bild: Imago

Elektroautos kann man überall aufladen. Tankstellen braucht es dafür nicht. Wie sieht die Zukunft der Zapfsäule aus? Wer nach den Zahlen geht, sieht wenig Hoffnung.

          6 Min.

          Elektro, Elektro, Elektro – batteriebetriebene Autos waren das große Zukunftsthema auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Alle wichtigen Hersteller haben irgendein E-Auto in Planung oder schon im Sortiment. Und auch wenn auf deutschen Straßen gerade einmal 34.000 von ihnen rollen, so dürfte die Zahl in den kommenden Jahrzehnten stark zunehmen. Benziner und Diesel sind Auslaufmodelle.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das hat unangenehme Folgen für eine Institution, die eh schon seit einigen Jahren zu kämpfen hat. Über sie wird in der Diskussion um die Elektroautomobilität überraschenderweise dennoch kaum geredet: die Tankstelle. Seit den 1990er Jahren ist der Spritabsatz kaum mehr gewachsen, seit der Jahrtausendwende ist er sogar zurückgegangen, weil die Autos immer sparsamer werden. Gleichzeitig steigen die Kosten durch strengere Umweltauflagen. Die Folge: Viele Tankstellen machen dicht. Etwa 14.500 gibt es in Deutschland, in den 1970er Jahren waren es noch 45.000. Fast 100.000 Menschen arbeiten in diesen Tankstellen. Mit den E-Autos sieht die Zukunft für sie düster aus.

          Aufbau von 1000 Stationen bis 2020 angekündigt

          „Die Zahl der Tankstellen wird mit dem Aufkommen von Elektroautos beschleunigt sinken. Tausende Tankstellen werden verschwinden“, sagt Martin Wietschel, Experte für Tankstellen und alternative Antriebe beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Denn die Batteriefahrzeuge bringen neue Konkurrenz. Sie besorgen sich ihren Strom nicht mehr an der Tankstelle, sondern an anderen Orten. Zum Beispiel auf dem Parkplatz des Arbeitgebers. Oder im Parkhaus während des Einkaufs. Vor dem Supermarkt. Oder über Nacht von der Steckdose in der heimischen Garage. In 90 Prozent der Fälle werden E-Autos an diesen Punkten geladen.

          Das liegt zum einen daran, dass der Strom zu Hause oft am günstigsten und am bequemsten zu bekommen ist. Zum anderen sind die langen Ladezeiten schuld. Derzeit dauert es mehrere Stunden, bis die Batterie wieder voll ist. Die will niemand an der Tankstelle verbringen. Auch Schnellladesäulen brauchen noch etwa eine halbe Stunde, um die Batterien wenigstens zum Teil nachzuladen. Die Idee, Tankstellen zu Tauschstationen zu machen, an denen Autofahrer in wenigen Minuten geladene Batterien gegen ihre leergefahrenen wechseln, ist gescheitert. Der ehemalige SAP-Vorstand Shai Agassi hatte dazu ein eigenes Unternehmen gegründet, das aber 2013 pleiteging.

          Die neue Konkurrenzsituation wird sich noch verschärfen, denn überall wird das Ladenetz ausgebaut – und dabei oft nicht an den bestehenden Tankstellen. Gerade hat die EU beschlossen, dass bis 2025 alle neuen oder renovierten Großgebäude eine Ladestation bekommen müssen. An Wohngebäuden soll auf jedem Parkplatz zumindest die Voraussetzung geschaffen werden, eine Lademöglichkeit zu installieren. Gleichzeitig fördert die Bundesregierung den Aufbau eines Netzes von Ladegelegenheiten mit 300 Millionen Euro. Damit soll die Zahl der Stationen in den nächsten Jahren um weitere 15.000 wachsen. Dabei will auch der Stromkonzern ENBW mitmischen, er hat den Aufbau von 1000 Stationen bis 2020 angekündigt.

          Die Mineralölgesellschaften halten sich hingegen auffallend zurück. „Als Geschäftsmodell sind Ladestationen an den Tankstellen für uns erst dann denkbar, wenn die Zeit zum Laden auf wenige Minuten deutlich verkürzt und die Nachhaltigkeit eines E-Antriebs erwiesen ist“, sagt der Chef des Tankstellengeschäftes von Shell in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Patrick Carré. Um Erfahrungen zu sammeln, hat Shell vor kurzem angekündigt, vereinzelt Ladesäulen an Tankstellen in Großbritannien zu errichten. Aral beschäftigt zwar ein Strategie-Team für Zukunftsfragen, hält aber das Stromtanken an den Tankstellen in den nächsten 20 Jahren für kein attraktives Geschäftsmodell.

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