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Elektro-Mobilität : Wenn das Waschbecken per Lastenrad kommt

  • Aktualisiert am

Heizungsbaumeister Simon Eisenhard fährt auf einem Lastenrad. Bild: dpa

Knapp 40.000 Elektro-Lastenräder wurden in Deutschland im vergangenen Jahr verkauft. Das ist viel mehr als im Vorjahr. Damit die Räder ihr volles Potential entfalten können, sind aber wohl noch einige Maßnahmen nötig.

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          250 Watt hat das Dienstfahrzeug von Heizungsbaumeister Simon Eisenhard - rund 0,3 PS. Den Rest muss er selbst liefern. „Das hilft beim Stressabbau“, sagt der 39-Jährige und Probleme bei der Parkplatzsuche habe er auch nicht - der Stuttgarter Handwerker fährt ein Elektro-Lastenrad.

          Damit liegt er voll im Trend. 2018 wurden in Deutschland laut Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) etwa 40.000 Elektro-Lastenräder verkauft, das waren etwa 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Es sei zwar ein sehr kleines Segment, aber eines, das immer stärker wachse, sagt ZIV-Sprecher David Eisenberger. Im „steilen Steigflug“ seien die Absatzzahlen von Lastenrädern, vor allem mit Elektromotor, heißt es auch von der Fahrradmesse Eurobike, die am Mittwoch in Friedrichshafen ihre Tore öffnet. Deutlich mehr Aussteller widmen sich dieses Jahr dem Thema.

          Dass sich Simon Eisenhard ein E-Lastenrad zugelegt hat, hatte mehrere Gründe. „Parken war ein großer Grund“, erklärt er. Aber auch drohende Fahrverbote und die Suche nach sinnvolleren Alternativen zum Auto. „Wenn sie ihr Bad umbauen möchten, dann brauche ich da nicht mein großes Firmenfahrzeug bemühen“, erklärt Eisenhard - besonders wenn die Verkehrssituation schlecht sei. „Das kostet uns ja auch Nerven.“

          Dabei seien Lastenräder in Städten nicht wesentlich langsamer als Autos, sagt Johannes Gruber vom Institut für Verkehrsforschung des Deutsches Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Das zeige eine Studie an der er mitgewirkt hat. Bei Strecken bis drei Kilometern seien die Fahrtzeiten in etwa gleich, bei Strecken bis 20 Kilometern brauchten Lastenräder häufig nur wenige Minuten mehr.

          Der Kauf wird staatlich gefördert

          Gruber leitet Europas größten öffentlichen Lastenradtest. Deutschlandweit testen dabei Unternehmen Lastenräder - überwiegend mit Elektromotor. Über eine App werden die Teilnehmer befragt und ihre Wege aufgezeichnet. Bis Ende des Jahres werden laut Gruber etwa 800 Tester teilgenommen haben. Die Flotte von rund 150 Lastenrädern reiche nicht für alle Interessenten. „Wir haben grundsätzlich einen hohen Andrang von Klein- und Kleinstunternehmen.“ Etwa jeder fünfte Bewerber sei ein Handwerker. Knapp ein Drittel der Unternehmen kauft sich laut Gruber nach dem Test ein Lastenrad.

          Simon Eisenhard hat für sein E-Lastenrad 2000 Euro vom baden-württembergischen Verkehrsministerium erhalten. Seit Mitte 2017 hat es mehr als 1600 E-Lastenrädern etwa für Unternehmen, Freiberufler oder Kommunen gefördert. Darunter auch Architekten, Bäcker, Gastronomen, Gartenbaubetriebe oder Pflegedienste. Das Programm werde sehr gut angenommen, heißt es vom Ministerium. Der Bund und andere Länder haben ähnliche Förderprogramme. So hat das Bundesministerium für Umwelt seit März 2018 etwa 170 Lastenräder, -anhänger und Gespanne gefördert. Diese Förderung richtet sich allerdings an Schwerlastfahrzeuge mit einer Nutzlast von mindestens 150 Kilogramm. Das Ministerium rechnet mit einer wachsenden Nachfrage.

          Von einer steigenden Nachfrage kann auch Stefan Rickmeyer berichten: „Es verdoppelt sich von Jahr zur Jahr.“ In seinem Unternehmen im schwäbischen Nehren produziert er seit rund 14 Jahren E-Lastenräder. Derzeit verkaufe er rund 800 Räder im Jahr. Zu seinen Kunden gehörten vor allem Zusteller wie DPD oder Hermes, aber auch Flaschner, Pizzabäcker, Dachdecker und Raumausstatter. Sogar einem Kfz-Betrieb habe er schon ein Rad verkauft - als Ersatzfahrzeug.

          Kleinere Reparaturen, Wartungsarbeiten oder etwa Besprechungen mit Kunden - dafür nutzt Simon Eisenhard sein E-Lastenrad. „Ich habe auch schon mal ein Waschbecken mitgefahren.“ Doch es hat auch Grenzen: Mit bis zu 45 Kilogramm Zuladung und in einem Radius von rund 16 Kilometer fahre er mit dem E-Lastenrad. „Immer sinnvoll ist es nicht.“ Für zwei Drittel seiner Fahrten nutze er das Auto.

          Damit Lastenräder ihr volles Potenzial entfalten können, fordert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) neben kräftiger Förderung vor allem eines: mehr Platz in den Städten. Zum Beispiel für breite Radwege, auf denen Fahrräder und Lastenräder sich überholen können.

          Nach rund 15 Monaten und mehr als 1900 Kilometern mit dem E-Lastenrad zieht Simon Eisenhard eine positive Bilanz: „Es ist auf jeden Fall ein Gewinn.“

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