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Eklat um Modell-Bausatz : Revell nimmt „Nazi-Ufo“ aus dem Verkauf

Das Modell „Flying Saucer Haunebu“ im Online-Shop des Herstellers Revell Bild: revell.de/Screenshot

Die „Haunebu II“ soll eine Wunderwaffe der Nazis gewesen sein, heißt es von Revell. Nur: Das Fluggerät gab es nie. Es ist ein Mythos, der vor allem von rechten Kreisen gepflegt wird.

          Revell hat nach dem Eklat um einen politisch brisanten Bausatz erklärt, das umstrittene Modell aus dem Verkauf zu nehmen und es nicht weiter herzustellen. Das sagte eine Sprecherin des Modellbauunternehmens am Montag zu FAZ.NET. Am Sonntag hatte sich Kritik an dem Bausatz für eine „Fliegende Untertasse Haunebu II“ mit Hoheitszeichen des nationalsozialistischen Deutschen Reichs entzündet.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Produktbeschreibung wurde es als „erstes weltraumfähiges Objekt der Welt“ beschrieben. Weiter hieß es, die Arbeiten an dem „Rundflugzeug“ hätten 1934 begonnen, „flugfähige Exemplare der bis zu 6000 km/h schnellen Haunebu II“ seien Mitte 1943 gestartet, wegen des Zweiten Weltkriegs aber nicht über die Erprobungsphase hinausgekommen.

          Das Problem: Das Fluggerät hat es nie gegeben. „Es war damals technologisch nicht möglich, so etwas zu bauen“, sagt der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. „Stellen Sie sich vor, es wäre möglich gewesen, eine Untertasse zu bauen, die 6000 km/h schnell fliegen kann. Das hätten die Militärs danach im Kalten Krieg doch schon längst ausprobiert.“ Ihm zufolge handelt es sich um einen reinen Mythos.

          Einen Hinweis darauf, dass es das Fluggerät nie gab, blieb Revell in seiner Produktbeschreibung der „Haunebu II“ allerdings schuldig. Wehner zufolge birgt das die Gefahr, dass unbedarfte Modellbaufreunde vielleicht tatsächlich glauben, die Nazis hätten überlegene Technologien besessen. „Interessierte Kreise können das als Strategie nutzen, um in Zweifel zu ziehen, was wir heute über den Nationalsozialismus gut belegt wissen.“

          Unternehmen: „Kritik absolut berechtigt“

          Revell werde das Produkt nicht weiter herstellen und es aus dem eigenen Vertrieb nehmen, sagte eine Sprecherin: „Die Kritik ist natürlich absolut berechtigt.“ Bei mehreren Händlern war es aber am Montag nach wie vor erhältlich. Revell zufolge handelt es sich dabei um den Abverkauf von Lagerbeständen.

          Wie ein solches Produkt entwickelt und auf den Markt gebracht werden konnte, weiß die Firma aus dem ostwestfälischen Bünde im Moment selbst noch nicht genau. „Wir sind gerade dabei, das zu klären“, sagte die Sprecherin, eine interne Aufarbeitung laufe. Die Entwicklung eines neuen Produkts dauere in der Regel mindestens ein Jahr, 30 bis 40 neue Modelle kämen im Jahr heraus. Für die Produktentwicklung seien Produktmanager zuständig, manchmal würden auch Vorschläge von Fans aufgegriffen.

          Legenden über nationalsozialistische „Ufos“ kamen kurz nach Kriegsende auf. Anfang der Fünfzigerjahre widmete sogar der „Spiegel“ dem Thema einen größeren Artikel, in dem das Magazin vermeintliche Entwickler der Fluggeräte zitierte und sich dem Thema kritisch näherte. „Es ist Spekulation, aber es erscheint plausibel, dass dieser Mythos von technischen Angehörigen der deutschen Luftwaffe stammt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein bisschen interessant machen wollten“, sagt Wehner.

          Die Mythen halten sich teils bis heute, vor allem in Kreisen rechter Verschwörungstheoretiker. Revell ist auch nicht der einzige Hersteller, der entsprechende Modelle vertrieb. „Die Ufos sind aus meiner Sicht eine Art pervertierte Fortsetzung der Wunderwaffen-Propaganda, die es im NS-Regime gegeben hat“, sagt Wehner.

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