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Ozean-Zug „Tren Bioceánico“ : Evos Traum vom Ozean-Zug

  • -Aktualisiert am

Ewiger Wahlkämpfer: Präsident Evo Morales vor Bolivianern in Cochabamba. Bild: Reuters

Eine Eisenbahn quer durch Südamerika soll Pazifik und Atlantik verbinden. Deutsche und Schweizer Unternehmen wollen den Ozean-Zug bauen.

          Boliviens Staatspräsident Evo Morales hat einen alten und einen neuen Traum. Wie alle Bolivianer hegt Morales den historischen Traum, Bolivien möge eines Tages den im Salpeterkrieg (1879 bis 1884) an Chile verlorenen Zugang zum Meer zurückerlangen. Realistischer ist indes vielleicht ein jüngerer Traum des Staatschefs: Der Traum von einer Tausende Kilometer langen Eisenbahnlinie, die quer durch den südamerikanischen Kontinent – und vor allem durch Bolivien verlaufend – den Atlantischen und den Pazifischen Ozean verbindet.

          Vom brasilianischen Hafen Santos aus soll der Ozean-Zug „Tren Bioceánico“ über eine Strecke von insgesamt 3755 Kilometern durch Brasilien und Boliviens Tiefland verlaufen, auf 4000 Meter Höhe die Anden überqueren und bis zum peruanischen Pazifikhafen Ilo führen. Vor ausländischen Zuhörern spricht Morales gerne von einem „Panama-Kanal auf Schienen“, vor seinen überwiegend indigenen Landsleuten dagegen lieber von einem neuen Qhapac Ñan, einer neuen Version der „Straße des Inka“, die im präkolonialen Inka-Reich von Ecuador bis Chile führte und dem Inka-König als wichtigste Verkehrsverbindung die politische und wirtschaftliche Kontrolle seines Reiches ermöglichte. Der neue Inka-Pfad auf Schienen hätte ebenso politische wie wirtschaftliche Dimensionen. Mit der transkontinentalen Eisenbahn könnten südamerikanische Rohstoffe wie Soja und Metallerze schneller und kostengünstiger in andere Weltregionen abtransportiert werden, als wenn sie wie heute zunächst mit Lastwagen und dann per Schiff entweder hoch im Norden durch den Panama-Kanal oder um Kap Hoorn an der Südspitze des Kontinents geschifft werden. Die für einen Transport vom Hafen Santos nach China erforderliche Zeit würde sich einer Studie zufolge um 25 Tage verkürzen. Politisch wäre das Jahrhundertwerk mit dem verbesserten Zugang zum Meer für Morales ein historischer Ritterschlag, vergleichbar dem Bau der Hauptstadt Brasília im Nachbarland Brasilien 1956 bis 1960 für den damaligen brasilianischen Präsidenten Juscelino Kubitschek.

          Boliviens Trauma über den Verlust des eigenen Meerzugangs sitzt 133 Jahre nach der Niederlage im Salpeterkrieg immer noch tief. Verhandlungen über eine Rückgabe des Küstenstreifens lehnte Chile bisher ab. Bolivien versucht es gleichsam auf dem Rechtsweg vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Dass dieser sich überhaupt mit der Angelegenheit beschäftigt, ist ein erster großer Erfolg für die Bolivianer. Ein Urteilsspruch ist möglicherweise 2018 zu erwarten.

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          Einstweilen treibt Morales seinen Plan voran, dem Meer durch eine gute Eisenbahnverbindung zumindest transporttechnisch und wirtschaftlich näher zu rücken. Dafür überbrückt der Sozialist Morales auch ideologische Gräben zu wichtigen Partnern. Anfang Dezember erreichte Morales einen Meilenstein für sein Projekt, als es ihm gelang, den konservativen Präsidenten Brasiliens, Michel Temer, von dem Vorhaben zu überzeugen. In einem bilateralen Abkommen sagte Brasilien die Mitarbeit an dem 10 bis 14 Milliarden Dollar teuren Großprojekt zu. Das rund 1500 Kilometer lange Teilstück durch Brasilien besteht bereits, müsste jedoch erneuert werden. Fast 1900 Kilometer durch Bolivien und 340 Kilometer durch Peru wären neu zu bauen. „Davon gewinnen wir alle“, sagte Morales bei Unterzeichnung des Memorandums. „Geringere Transportzeiten, geringere Distanzen, weniger Kosten, so werden wir unsere Produkte besser verkaufen können. Und das ist wirkliche Integration“, erklärte Morales im Einklang mit seinem brasilianischen Amtskollegen.

          Ganz vom Tisch sind die chinesischen Pläne noch nicht

          Zuvor war es Morales bereits gelungen den peruanischen Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski von dem Vorhaben zu überzeugen. Der ehemalige Investmentbanker Kuczynski, der von einem deutsch-polnischen Vater und einer französisch-schweizerischen Mutter abstammt, hat aus langen Jahren, die er in Europa lebte, eine Leidenschaft für Eisenbahnen mit nach Südamerika gebracht. Kuczynskis Zustimmung war wichtig, denn der peruanische Staatschef erteilte dabei einem von China und Brasilien vorangetriebenen Konkurrenzprojekt eine Absage. Das Projekt der chinesischen Hsin Chong Construction Group und der China Railway Construction Corporation (CRCC), das weiter im Norden an Bolivien vorbei führen würde, wäre nicht nur wesentlich teurer als der bolivianische Plan. Es würde überdies mitten durch den Amazonas-Regenwald verlaufen und wird darum auch aus Umweltgesichtspunkten stark angefochten. Ganz vom Tisch seien die chinesischen Pläne allerdings immer noch nicht, warnte Morales kürzlich.

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