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Einzelhandel : Schuld und Sühne im Shopping-Center

Trocken shoppen - auch wenn's draußen aus Eimern gießt Bild: picture-alliance / dpa

Erst wuchsen sie auf der grünen Wiese. Dann kamen sie in die Innenstädte. Einkaufszentren sind überall. Ein Selfmade-Milliardär geht mit dieser Entwicklung schonungslos ins Gericht.

          3 Min.

          Vielleicht ist achtzig das richtige Alter, um mit der eigenen Branche abzurechnen. Achtzigjährige haben die nötige Distanz und wagen es, wichtige Leute zu verprellen, weil sie selbst nichts mehr wollen im Berufsleben. Bei Walter Brune kommt noch hinzu, dass er als Selfmade-Milliardär wirtschaftlich unabhängig ist und dass er als Planer und zeitweiliger Eigentümer solcher Objekte wie der Düsseldorfer Kö-Galerie das nötige Renommee mitbringt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Düsseldorfer Architekt und Entwickler von Einkaufszentren hat voriges Jahr ein paar Monate nach seinem runden Geburtstag und ein paar Wochen nach dem Verkauf großer Teile seines Immobilienvermögens die Muße gefunden, sich Europas größten Betreiber von Shopping Malls - die ECE Projektmanagement GmbH - zur Brust zu nehmen. In einem Buch wirft er den Hamburgern jetzt unter anderem „Raubrittertum“ vor und eine Mitverantwortung für die Verödung der Innenstädte. „Wenn ich die aktuellen Entwicklungen in den Innenstädten betrachte, befällt mich ein Grausen“, schreibt Brune.

          Innenstadt statt grüner Wiese

          Was Brune in einem bunt und etwas wirr zusammengestellten Sammelband „Angriff auf die City“ aufs Korn nimmt, ist der von ECE forcierte Trend zu innerstädtischen Einkaufszentren, den Shopping-Centern der neuen Generation. Diese Malls sind innerhalb der Großstädte angesiedelt, sie nutzen Industriebrachen, verlassene Gleisfelder oder Großkaufhäuser. Rund 100 davon sind zwischen 1990 und 2005 in Deutschland entstanden. Weitere 71 Projekte sind seitdem in Planung oder im Bau.

          Das größte innerstädtische Einkaufszentrum Süddeutschlands

          Paradebeispiel ist das geplante Einkaufszentrum in Essens Innenstadt, das nach Angaben des Betreibers ECE das größte innerstädtische Projekt Deutschlands ist und das nach Brunes Einschätzung „verheerend“ wirken wird auf den Einzelhandel. Dass sich diese neuen Konsumlandschaften durchsetzen konnten, ist kein Wunder. Ihre Betreiber bieten Kommunalpolitikern häufig eine schnelle Lösung für die Krise des innerstädtischen Handels, der an den Einkaufszentren außerhalb der Stadt leidet. Eine Innenstadt-Mall gegen die Mall auf der grünen Wiese, so lautet die Lösung, die fast wie Ironie klingt.

          Ausgefeiltes Sortiment

          Deren Wirkung steigert sich noch, wenn die Malls innerhalb und außerhalb der Stadtgrenzen vom selben Unternehmen gemanagt werden. Im Großraum Frankfurt sind drei der vier großen Zentren in der Hand der Hamburger ECE, die darum kämpft, das größte davon, das Main-Taunus-Zentrum, noch größer zu machen.

          Innenstadt-Malls haben echte Vorteile, wie selbst Brune schreibt. Hochqualifiziertes Management sorgt für ein ausgefeiltes Sortiment und eine anziehende Branchenmischung. In der Regel haben die Innenstadtmalls große Parkplätze, damit die Kunden trocken in die Häuser kommen. Und die Betreiber argumentieren, dass mit ihren Einkaufsimmobilien Kunden in die Städte gelockt würden.

          Fußballstadion angeboten

          Kommunalpolitiker sind dafür zu gewinnen, weil so brache Flächen zu verkaufen und zu verwerten sind und weil die heimischen Handwerker Aufträge bekommen. Zudem haben die Projektentwickler offenbar noch ihre Methoden verfeinert, sich Gehör und Zustimmung zu verschaffen. Der Stadt Münster wurde, so schreibt zumindest Brune, ein Fußballstadion angeboten, Detmold die Beteiligung an städtischen Immobilien. Düsseldorf bekam nach Angaben des Architekten ein Hallenbad angedient. Gelegentlich übernimmt ECE auch die Bezahlung der neutralen Gutachter.

          Das Problem mit den innerstädtischen Einkaufszentren, auf das Brune und seine Mitstreiter hinweisen, lässt sich mit der Wirkungsweise einer Birke vergleichen, in deren Wurzelbereich keine Pflanze mehr gedeiht, weil der Baum soviel Wasser zieht. Vor allem schlecht an die klassischen Laufwege der Kundschaft angepasste und zugleich überdimensionierte Einkaufszentren saugen Kaufkraft ab und lassen die restlichen Straßen und Fußgängerzonen der City veröden.

          Gepflegte bunte Langeweile.

          In Bayreuth verfällt die Innenstadt seit der Eröffnung des Rotmain-Centers nach und nach, die Nebengeschäftslagen erodieren, wie der Bayreuther Geograph Rolf Monheim beschreibt. Ähnliches ist für Schwerin zu vermelden, wo Läden in der Innenstadt leer stehen. In Städten wie Hamburg, Bremen, München, Berlin und Regensburg drohen laut Brune ähnliche Entwicklungen. Auch seine Heimatstadt Düsseldorf bleibt nicht verschont.

          Der Hauptkritikpunkt lautet, dass die Shopping-Center der neuen Generation nicht nur innerstädtische Händler vertreiben, sondern sich selbst genügen. Geschickter Branchenmix und der Fahrstuhl zum Parkhaus bedeuten, dass der Kunde kaum noch hinausgeht und etwa in der Fußgängerzone flaniert. Damit stirbt das urbane Leben, gleichzeitig wächst die Monotonie, weil Einkaufszentren mit den immer gleichen Filialisten besetzt sind. Gepflegte bunte Langeweile.

          Der Kritiker hat selbst Legitimationsprobleme

          Das allerdings gilt noch stärker für die stark frequentierten klassischen Fußgängerzonen. Zudem gibt es auch Einkaufszentren, die Innenstädte stärken, weil sie gut in Einkaufsstraßen eingepasst sind, wie etwa in Münster.

          Dass Brune für seine Attacke die ECE Projektmanagement ins Visier genommen hat, muss nicht verwundern. Das Unternehmen der wohlgelittenen hanseatischen Otto-Familie, die ihr Geld mit Versandhandel und Immobilien verdient, ist Marktführer in Europa mit 90 Shopping-Centern. Ein Spross der Familie, Alexander Otto, leitet die ECE. Dass er gleichzeitig die Stiftung „Lebendige Stadt“ ins Leben gerufen hat, wird von Autoren in Brunes Sammelband als Hohn bezeichnet.

          Legitimationsprobleme hat allerdings auch der 80 Jahre alte Rheinländer Brune selbst. Er hat mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim eine der ersten Shopping- Malls in Deutschland entwickelt. Als nach zwei bis drei Jahren der städtische Handel verendete, sei er reuig geworden, sagt Brune. Zudem verkaufte er seine Einkaufsgalerien just an ECE, bevor er gegen die Hamburger vom Leder zog. ECE erwirkte eine gerichtliche Verfügung gegen Brunes Sammelband. Einige Passagen müssen geschwärzt werden.

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