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Einzelhandel : In den Fallstricken von Staatshilfe und Vermieter

Sabine Schubert betreibt das Einzelhandelsgeschäft Kadoh. Bild: Jan Roeder

Seit die Ladengeschäfte schließen mussten, kämpfen die Einzelhändler um ihre Existenz. Eine Ladenbesitzerin aus München erzählt, was sie in den vergangenen Wochen erlebt hat.

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          Den Antrag für das Corona-Soforthilfeprogramm des Freistaates Bayern hat Sabine Schubert vor drei Wochen schon direkt auf Bali ausgefüllt. Ganz unkompliziert: In nicht einmal einer Viertelstunde waren die elf Kreuze gesetzt, Branche, Anzahl der Beschäftigten und der Liquiditätsengpass beziffert. Die Bestätigung für den Eingang des Antrags kam prompt; allerdings verbunden mit dem Hinweis, auf Anfragen zu verzichten, man sei überlastet. Schubert konnte ihren Einkäufen auf der indonesischen Insel wieder nachgehen. Für 10.000 Euro hat sie Sarongs, Wickeltücher, Schmuck und Holzdeko-Artikel geordert, die sie angezahlt hat und im Mai per Seefracht erhält. Gerade eben noch hat sie einen der letzten regulären Flüge nach Hause bekommen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Zurück daheim, hat Sabine Schubert das Glück verlassen. Im Überlebenskampf muss sie die Tücken und Fallstricke der von Landes- und Bundespolitikern propagierten Hilfe entdecken. Seit 19 Jahren betreibt die 59 Jahre alte Geschäftsfrau Kadoh, einen kleinen Laden für Mode- und Wohnaccessoires aus Asien, zentral und gut gelegen in der neu gestalteten Fußgängerzone Sendlinger Straße in München. Der ist seit drei Wochen geschlossen, wie ihre „Filiale“ in Augsburg.

          Ein Tropfen auf den heißen Stein

          Am Dienstag füllte Schubert im Büro hinter ihrem Laden den gerade online gestellten Antrag für Bundeshilfe aus: ein knappes Dutzend Häkchen gesetzt, ebenso unkompliziert ausgefüllt, in zehn Minuten abgeschickt; Eingangsbestätigung mit dem Vermerk, von Nachfragen abzusehen, wegen Überlastung. Doch die Sache mit dem ersten Häkchen hatte einen Haken. Den musste Schubert setzen, bevor sie weitermachen konnte: Damit musste sie auf ihren ersten Antrag des Freistaates Bayern verzichten. Es gibt nur einmal Hilfe, womit die Hoffnung auf mehr Hilfe platzte. Der Bund bietet mehr Geld, also verzichtete sie auf die Stütze aus Bayern.

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          Ernüchterung gab es schon vorher, als sich herausstellte, dass nicht nach Kopfzahl ihrer zehn Mitarbeiter – inklusive Teilzeitkräfte und Minijobber – gemessen wird. Flugs schrumpfte dank automatischem Umrechner ihr Stab auf 4,3 Vollzeitkräfte. Damit sind es schon im bayerischen Soforthilfe-Programm nicht mehr die erhofften 7500 Euro, sondern 5000 Euro für Betriebe bis zu fünf Beschäftigten gewesen; beim Bund sind es 9000 statt 15.000 Euro. So ist es im föderalen Staat: Während sich in Berlin Bundes- und Landesprogramme nicht ausschließen, geschieht genau das im Freistaat. Der Bund übernimmt in der Arbeitsteilung die Hilfe für Betriebe bis zehn Mitarbeiter. Für die Unternehmen mit elf bis 250 Beschäftigte sind die Länder zuständig. Haben Kleinstbetriebe vom Freistaat zügig Geld überwiesen bekommen, erhalten sie aus dem Bundestopf nur die Differenz.

          Schubert spricht da von einer „Verwirrungslage“. Ihre Bankberaterin habe da zunächst auch nicht sonderlich helfen können. Das spielt strenggenommen aber schon keine Rolle mehr. „Das alles ist doch ein Tropfen auf den heißen Stein“, zieht sie für sich das frustrierende Fazit aus den staatlichen Hilfsaktionen. „Aus der akuten Notlage hilft mir das nicht.“ Wie schnell dieser Tropfen verdampft, wird klar, als sie auf ihren Vermieter zu sprechen kommt. Mit der Meag, der Immobiliengesellschaft des weltgrößten Rückversicherers Munich Re, steht sie seit Anfang März im Dialog – besser: im Streit. Anfang März bat sie um die Minderung der Miete, was abgeschmettert wurde.

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