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Einzelhandel : Die Zerstörung der Einkaufstempel

Einst der Kristallisationspunkt vieler Einkaufsstraßen Bild: dpa

Mit Woolworth ist wieder eine Warenhauskette insolvent. Die Konsumzentren des Wirtschaftsaufschwungs spielen heute kaum noch eine Rolle. Denn die Deutschen bevorzugen Modeketten und Discounter: Diese sind spezialisierter, flexibler und günstiger.

          Groß ist eigentlich nur noch ihre Vergangenheit. Sie wurden als die Tempel des Konsums bezeichnet. Andere bezeichneten sie als Enzyklopädien der Alltäglichkeit - es ist vielleicht mehr als Zufall, dass das Sterben der Warenhäuser mit dem Aussterben der gedruckten Enzyklopädie zusammenfällt. Wieder andere sahen die Demokratie des Konsums in ihnen verwirklicht. Die Bezeichnungen mögen übertrieben sein - sie zeigen aber die Bedeutung der Warenhäuser für Wirtschaft und Gesellschaft.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Warenhäuser prägten 150 Jahre die Einzelhandelslandschaft. In der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich, von Paris ausgehend, das zentral geführte, in Abteilungen gegliederte, moderne innerstädtische Großwarenhaus. Es war gekennzeichnet durch eine bis dato unbekannte Warenfülle, durch feste Preise, freien Eintritt, großzügiges Umtauschrecht und intensive Reklame.

          Durchschnittsangebot ist zu wenig

          Es ist kein Wunder, dass das Warenhaus in Zeiten des Aufbruchs seine besten Jahre erlebte. Das waren die Jahre gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg in der Wirtschaftswunderzeit.

          Woolworth Deutschland hat Insolvenzantrag gestellt

          Sie waren der Kristallisationspunkt vieler Einkaufsstraßen und ganzer Innenstädte. Im Schatten der Karstadts, Herties, Kaufhofs oder auch der Neckermanns oder Woolworths siedelten sich zahlreiche andere Geschäfte an. Wer in die Stadt zum Einkaufen fuhr, fuhr eigentlich ins Warenhaus. Unter dem Werbespruch „Der Kaufhof bietet tausendfach / alles unter einem Dach“ wurden ganze Generationen groß. Die Entscheidung Lewi's oder Wrangler, Cord oder Jeans, Adidas oder Puma fand in den Nachkriegsjahrzehnten hier statt.

          Wie alles inflationierte aber auch der Anspruch an den Einzelhandel. Tausendfach reicht heute vielen Kunden nicht mehr. Sie gehen dorthin, wo es zehntausendfach ein Produkt gibt. Davon profitieren die Fachmärkte wie Mediamarkt, Baumärkte oder Spezialgeschäfte wie die Modeketten H&M oder Zara, aber auch Spezialisten für Tiernahrung oder Sportartikel und der Internethandel.

          Das Warenangebot ist zu vielfältig, um es umfassend in einem Haus präsentieren zu können. Dort findet der Durchschnittsdeutsche nur noch ein Durchschnittsangebot zum Durchschnittspreis. Das wollen heute immer weniger Kunden.

          Schlechte Noten für Preis-Leistung

          Lediglich dem Kaufhof ist es mit seinem Galeriakonzept ansatzweise gelungen, diese Entwicklung aufzugreifen. Aber so richtig erfolgreich war das auch nicht - der Metro-Konzern sucht einen Käufer für seine mehr als einhundert Galeria-Kaufhof-Standorte; einige stehen vor der Schließung.

          Schlechter steht der Mitbewerber Karstadt da, eine Gesellschaft unter dem Dach der Arcandor AG. Auf die Frage nach der bevorzugten Einkaufsquelle für Textilien - einen Warenschwerpunkt der Warenhäuser - antworten junge Konsumenten unter 30 Jahren mit Hennes & Mauritz, gefolgt von Esprit und ältere mit Aldi vor Tchibo und C&A.

          Damit zeigt sich ein zweiter Konkurrent, der dem Warenhaus das Wasser abgräbt: der Discounter. Discountern ist es gelungen, trotz ihres begrenzten Warenangebotes mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu überzeugen. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bescheinigen Verbraucher selbst bei Textilien dem Discounter Aldi, gefolgt von Tchibo, C&A, H&M, Esprit, S. Oliver und Lidl. Erst an siebter Stelle folgt mit Karstadt ein Warenhauskonzern.

          Woolworth wird auf Rang 29 eines der schlechtesten Preis-Leistungs-Verhältnisse im Bereich Textilien bescheinigt. Das dürfte einer der Gründe für den Umsatzrückgang dieses Warenhauskonzerns sein. Allein steht das Finanzinvestoren gehörende Unternehmen in seiner Situation nicht.

          Hertie (unter dem Namen sind heute kleine ehemalige Karstadt-Häuser zusammengefasst) ist in der Insolvenz, ebenso die Textilketten Sinn Leffers, Wehmeyer, Adessa und Poland. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr und Warenhäuser mit den klingenden Namen Quelle oder Neckermann ebenfalls nicht.

          Bei Modehäusern wechselt die Saison im Zwei-Wochen-Takt

          Sie waren alle nach dem gleichen Warenhausmuster gestrickt: vier Saisons im Jahr. Das moderne Textilhaus hat alle 14 Tage eine neue Saison. Die vertikale Aufstellung macht es möglich. Der traditionelle Waren- oder Kaufhauseinkäufer fuhr zweimal im Jahr nach Fernost und kaufte für die kommende Saison die Ware ein, die dann Monate später kam.

          Heute haben die Modehäuser eigenen Zugriff auf die Produktion in Europa; sie können sofort auf Konsumänderungen reagieren. Eine Flexibilität, die das klassische Warenhaus nicht hat. Es wird daher weiter an Bedeutung verlieren.

          Nur manche Warenhäuser werden überleben

          Schon heute entfallen nur noch 3,3 Prozent des deutschen Einzelhandelsumsatzes auf Warenhäuser. Vor einigen Jahren waren es noch gut 4, in den siebziger Jahren sogar stolze 14 Prozent. Damals lief jeder achte Umsatz-Euro (damals noch Mark) durch die Kassen der Warenhäuser. Einzelhandelsexperten gehen davon aus, dass nur ein Warenhaus hierzulande eine echte Überlebenschance hat.

          Was der Verbraucher gelassen betrachtet, weil es seinen Einkaufsgewohnheiten Rechnung trägt, stellt manchen Stadtvater vor Herausforderungen. Wenn der Mittelpunkt der Einkaufsstraße stirbt, geht der Frequenzbringer für das ganze Handelsensemble verloren.

          Aber auch Einkaufszonen wandeln sich oder verlegen sich gar, entsprechend den Gewohnheiten der Verbraucher, die heute in Einkaufszentren vor die Stadt fahren oder in die zu neuen Einkaufstempeln umgebauten Bahnhöfe wie in Leipzig.

          Eines ist sicher: Die Zeit der Warenhäuser alten Stils ist vorbei. Das KaDeWe in Berlin, das Gum in Moskau und einige andere werden bleiben - als Solitäre für den gehobenen Bedarf. Für den Einzelhandel insgesamt hat das Warenhaus ausgedient. Der Konsument hat sich neue Einkaufstempel gesucht.

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