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Einkaufscenter : Eine Attrappe als Attraktion

„Eine Attraktion”, sagt der Bürgermeister Bild: ECE

Der Einkaufszentrum-Betreiber ECE eröffnet in Braunschweig die „Schloss-Arkaden“. Hinter der historischen Fassade finden sich 150 Geschäfte und Restaurants. Kritiker beschimpfen es als „Disneyland“. Dem Erfolg wird das wohl nicht schaden.

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          Nummer 91 klingt nicht besonders. Der Charme der Eins ist unerreichbar. Rund und stattlich war die 50, richtig würdevoll wird's mit 100. So betrachtet, könnte die Eröffnung des einundneunzigsten Shopping-Centers der ECE eigentlich weitgehend unbeachtet bleiben. Doch bei der Gruppe, die zur Hamburger Otto-Familie gehört, sind spektakuläre Auftritte Programm. Und so hat sie sich für ihr jüngstes Einkaufszentrum einen besonderen Rahmen geschaffen: Der riesige Neubau verbirgt sich hinter der Fassade des Braunschweiger Schlosses.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Donnerstag um 6 Uhr in der Früh ist Eröffnung. In bester Innenstadtlage wird das Einzelhandelsangebot der Stadt im Südosten Niedersachsens um 30.000 Quadratmeter Ladenfläche beziehungsweise 150 Fachgeschäfte, Läden und Restaurants wachsen. Neben den von der ECE entwickelten und betriebenen „Schloss-Arkaden“ halten auf weiteren 13.000 Quadratmetern Standesamt, Stadtarchiv- und -bibliothek, Kulturamt sowie ein Schlossmuseum hinter der rekonstruierten Fassade Einzug. Im Jahr 1960 hatte sich die Stadt für den Abriss der Welfenschloss-Ruine entschieden. Seitdem klaffte eine Brache am Schlossplatz.

          „Neues Wahrzeichen für die Stadtmitte“

          Zum Wiederaufbau hatte Braunschweig das Geld gefehlt, das Geschäft mit der ECE Projektentwicklungs GmbH machte ihn möglich. An die 600 Originalteile verwendeten die Baumeister. Die übrigen Stücke fertigten Steinmetze, die schon am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche mitgewirkt hatten. Um die 200 Millionen Euro soll der Bau gekostet haben. Investor ist die Credit Suisse Asset Management Immobilien KAGmbH, die die Einzelhandelsimmobilie für einen offenen Fonds erworben hat.

          Die Baumeister verwendeten an die 600 Originalteile

          Im Braunschweiger Rathaus sieht man sich angesichts des geschwinden, als Public Private Partnership organisierten Wiederaufbaus in der Pionierrolle. Schließlich ist die Rekonstruktion historischer Fassaden vielerorts ein heißes Thema. „Eine Attraktion“ nannte Oberbürgermeister Gert Hoffmann den Bau anlässlich der Enthüllung des Hauptportals im vergangenen Sommer, während Alexander Otto, Vorsitzender der ECE-Geschäftsführung, von einem „neuen Wahrzeichen für die Stadtmitte“ sprach.

          Anspruch, die Innenstädte zu beleben

          Die Kritiker indes raufen sich die Haare. Der Protest gegen das Projekt war groß. Allein schon das Thema Rekonstruktion ist heftig umstritten, die Ablehnung drückt sich in Schlagworten wie „Attrappe“, „Disneyland“ oder „Touristifizierung der Städte“ aus. Dass sich nun hinter einer Schlossfassade ein riesiges Shopping-Center verbirgt, sorgt erst recht für Zündstoff. Schon die schmucklosen Funktionsbauten auf der grünen Wiese galten als verantwortlich für den Niedergang des innerstädtischen Einzelhandels. Taucht dieser Typus nun im Gewand eines Residenzschlosses auf, ist das vielen der Maskerade zu viel.

          Zumal die Zahl der großen, multifunktionalen Einkaufstempel in den Innenstädten wächst. Und vor der Magnetwirkung, die diese Riesen mit ihrem „All inclusive“-Angebot entfalten können, fürchtet sich nicht nur der Einzelhandel. Das Kölner EHI Retail Institut zählte 2006 für Deutschland 372 Zentren. ECE-Sprecher Saadhoff schätzt die Zahl mittlerweile dichter an 400. Nach EHI-Recherche sollen es bis 2010 an die 430 sein.

          Hauptakteur unter den europäischen Shopping-Center-Entwicklern ist die ECE. Kein anderer Betreiber reicht hinsichtlich der Anzahl der Objekte als auch der Größe der gemanagten Fläche an die Hamburger heran. Diese nehmen für sich in Anspruch, mit ihrem Angebot die Innenstädte zu beleben, die Mitte zu stärken.

          Planung von 22 neuen Projekten

          Sein erstes Einkaufszentrum hatte das Unternehmen 1969 in Nürnberg-Langwasser eröffnet. Mit den „Schloss-Arkaden“ in Braunschweig betreibt die ECE in Deutschland 74 und im Ausland sieben Zentren. Insgesamt verfügen sie über eine Fläche von 2,7 Millionen Quadratmetern. Noch ein Superlativ: Das Volumen der vermieteten Flächen ist so groß wie das der zehn größten Einzelhandelsmakler des Landes zusammen. Der Jahresumsatz liegt bei 10,4 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Nummer zwei der Branche, die Metro Group Asset Management Services GmbH aus Saarbrücken, hat hierzulande 27 Center unter ihrer Regie.

          Ein Ende der ECE-Expansionspläne ist nicht in Sicht. Derzeit laufen Bau und Planung von 22 neuen Projekten, je zur Hälfte für das In- und das Ausland. Vor allem Richtung Osten sind die Einkaufszentren-Macher aktiv. Ein erstes Projekt in Russland startet, zudem stehen Vorhaben in Bulgarien und Rumänien auf dem Programm. In der Türkei ist das Unternehmen bereits vertreten. Das Land lockt deutsche Shopping-Center-Betreiber als Wachstumsmarkt. So plant dort auch die mfi Management für Immobilien AG, Essen, bis zum Jahr 2016 zehn Einkaufszentren.

          „Die Investoren stehen Schlange“

          Antrieb bekommt die Entwicklung nicht zuletzt vom ungeheuren Interesse der Investoren. Branchenbeobachter wie etwa Jones Lang Lasalle, GfK und Ernst & Young Real Estate weisen darauf hin, dass mit etwa 30 Prozent der Löwenanteil des Kapitals, das hierzulande in Immobilien floss, in Einzelhandelsobjekte investiert wurde. „Die Investoren stehen Schlange“, bestätigt ECE-Sprecher Saadhoff. Wie er berichtet, ist die Otto-Familie an zwei Dritteln der Center beteiligt - in der Regel über Minderheitsbeteiligungen. Investoren biete man die Immobilien erst an, wenn das Grundstück gekauft sei und die Baugenehmigung vorliege. „Wir verkaufen quasi schlüsselfertig“, sagt Saadhoff.

          Und auch in Deutschland gibt es aus Sicht der Entwickler von Einkaufszentren noch das eine oder andere zu tun. Schließlich liegt das Land trotz überdurchschnittlicher Verkaufsflächenzahlen im Vergleich etwa mit Frankreich und Großbritannien zurück. Bleibt die ECE sich treu, werden auch die neuen Projekte ebenso spektakulär wie umstritten sein.

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