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Lotion für Strahlenopfer : Die Creme für den Atomausstieg

Naturwissenschaftliches Wissen als Geschäftsmodell: Stéphane Destaing ist ein Multi-Unternehmer. Bild: Cevidra

Cevidra aus Frankreich produziert eine Lotion für Strahlenopfer, die das Eindringen von Radioaktivität bremsen soll. Der Gründer glaubt, dass er Atomkonzerne dafür gewinnen kann. Doch der Weg ist steinig.

          Filmfreunde, Atomkraftgegner und Mitarbeiter der Nuklearindustrie dürften die Szenen aus dem Oscar-nominierten Hollywood-Streifen „Silkwood“ kennen: Meryl Streep ist in der Rolle der rebellischen Karen Silkwood in einer Brennelemente-Fabrik verstrahlt worden, und jetzt wird sie nicht nur mit heißem Wasser abgeduscht, sondern auch so hart abgebürstet, dass sie unter großen Schmerzen die obere Hautschicht verliert.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem 1983 erschienen Film sitzt ein Franzose in der Parfum-Stadt Grasse in einem Bürogebäude und berichtet aus dem realen Leben: „Seit fünfzig Jahren ist die Herangehensweise bei Strahlenopfern die gleiche: Wasser, Seife und manchmal auch noch die Bürste. Das ist absurd.“ Neben dem Manager Stéphane Destaing liegt eine zehn Zentimeter lange Tube mit 50 Mikroliter Inhalt: Es handelt sich um eine Creme zum Schutz vor radioaktiver Strahlung. Wenn man Destaing glaubt, verbessert ihr neuartiger Wirkstoff Calixarene die Behandlung von Strahlenopfern deutlich. Wird sie relativ rasch nach der Verstrahlung auf Haut und Haare aufgetragen, können die schädlichen Aktinoide und Radionuklide aufgenommen und mit Wasser leicht abgespült werden, bevor sie in Haut und Körper eindringen.

          Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Eine einfache Lotion gegen Nuklearstrahlen, aufzutragen wie eine Feuchtigkeitscreme? Das staatliche französische Strahlenschutz-Institut IRSN und die Universität Paris Sud haben in jahrelangen Studien herausgefunden, dass Calixarene die radioaktive Uranverbindung Uranylnitrat, die Leber und Nieren schädigt, viel besser abhält als Seifenwasser. In einem Vergleichstest drangen bei Seifenwasser 41 Prozent der giftigen Verbindung durch die Haut in den Körper, doch bei der Creme waren es nur 6 Prozent. Gleichzeitig blieben nur 41 Prozent des Uranylnitrats im Seifenwasser, während die Crème 83 Prozent aufnahm. Aus den Ergebnissen soll nun ein marktfähiges Produkt werden. Der südfranzösische Pharmahersteller Cevidra, spezialisiert auf Nischenprodukte, gewann eine Ausschreibung zur Entwicklung; jetzt nimmt die Vermarktung Fahrt auf.

          „Bei den komplizierten Fällen ist die Wirkung nicht eindeutig“

          Andere Wissenschaftler schenken der Darstellung Glauben: „Das ISRM ist eine gute Adresse. Wir haben keinen Grund, an der Darstellung zu zweifeln“, sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter, das deutsche Gegenstück des ISRM. Zwar liegen keine Tests anderer Institute vor, doch zusätzlich erhöhen Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften die Glaubwürdigkeit. Im vergangenen Jahr gewann Cevidra einen Preis auf der Weltnuklearmesse (WNE) in Paris. Das Nuklearunternehmen Orano (früher Areva) und das Atomenergie-Kommissariat CEA nutzen die Creme ebenfalls: „Wir waren positiv überrascht. Seit dem Sommer setzten wir die Creme in vier Fällen ein, in drei Fällen hat sie ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt“, sagt Thierry Ibanes, ein Strahlenarzt im südfranzösischen Marcoule, wo Orano und CEA arbeiten.

          Allerdings herrscht auch noch Vorsicht: „Man muss an dem Produkt weiter arbeiten. Bei den komplizierten Fällen ist die Wirkung nicht eindeutig. Und bei den einfachen Fällen können auch mehrere Durchgänge mit Seife helfen – das kommt dann billiger“, sagt Strahlenarzt Ibanes. Im Militärkrankenhaus von Passy spricht ein Arzt von „interessanten Ergebnissen“, wartet aber auf weiter gehende Informationen des Herstellers. Der staatliche französische Kernkraftwerkbetreiber EdF mit seinen 58 Reaktoren berichtet, dass er die Creme erst gar nicht benutze. „Sie ist nicht interessant für uns, weil es in Kernkraftwerken kein Risiko einer Verstrahlung mit Uran oder anderen Aktiniden wie Plutonium und Americium gibt“, teilt eine EdF-Sprecherin mit.

          Die davon ausgehenden Alpha-Strahlen könnten etwa während der Wiederaufbereitung von Brennstäben auftreten, nicht aber im normalen AKW-Betrieb. Dort träten Gamma-Strahlen auf, diese ließen sich aber gut mit Seife und Wasser behandeln, meint die EdF-Sprecherin.

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