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Liliane Bettencourt im Januar 2011 Bild: AP

Liliane Bettencourt ist tot : Ein Leben mit Glanz und Brüchen

Liliane Bettencourt brachte 1963 L’Oréal an die Börse und wurde so zur reichsten Frau der Welt. Doch ihr Leben zeigte, dass Geld allein nicht glücklich macht. Nun ist sie mit 94 Jahren gestorben.

          Sie war die reichste Frau der Welt, aber ihre Lebensgeschichte bestätigt den Spruch, dass Geld allein nicht glücklich macht. Liliane Bettencourt ist am 21. Oktober 1922 in Paris in die Zwischenkriegszeit hineingeboren, die in Frankreich auch die „verrückten Jahre“ genannt wird. Die französischen Frauen schnitten sich die Haare ab, Modeschöpferin Coco Chanel erfand den „Garçonne“-Stil. Und der Chemiker Eugène Schueller, der Vater Lilianes, experimentierte mit Farben und Tönungen für die neuen Frisuren: L’Oréal (zunächst L’Auréale)  war geboren.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Doch vom ausgelassenen Gründergeist bekam die kleine Liliane wenig mit. Als sie fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter. Der Vater – wenn er sich nicht seinem rapide wachsenden Unternehmen widmete – engagierte sich in der rechtsextremen Gruppe La Cagoule. Der aus einer elsässischen Bäckersfamilie stammende Unternehmer hegte große Sympathien für den Geist der völkischen Erneuerung, der aus Deutschland ins Land wehte. Liliane schickte er in ein von Dominikanern geführtes Internat in Lyon. Der Vater hatte zwischenzeitlich ihre englische Gouvernante Annie Grace Burrows geehelicht. Liliane soll schüchtern und kränklich gewesen sein; über ihr Leben entschied allein der Vater. In den Ferien schickte er sie manchmal in eine seiner Fabriken, wo sie Etiketten auf Shampoos klebte.

          Sie verkörperte Eleganz und Chic

          Es ist nicht klar, ob Liliane Schueller sich je verlieben konnte. Sicher ist, dass ihr Vater entschied, als sie 27 Jahre alt war, dass es höchste Zeit sei, sie zu verheiraten. Schließlich ging es auch darum, das Fortbestehen des Familienunternehmens zu sichern. Schueller fand für Liliane eine gute Partie: André Bettencourt, ein bestens vernetzter Mann, den er aus Cagoule-Zeiten kannte und in sein Unternehmen geholt hatte. Die Hochzeit wurde 1950 gefeiert. Über die alten rechtsextremen Verbindungen wurde nur noch getuschelt, Schueller war dank Zeugenaussagen unter anderem seines Bekannten François Mitterrand vom Vorwurf der Kollaboration reingewaschen worden. Als ihr Vater 1957 starb, trat Liliane die Nachfolge der Patriarachen an. Sie behielt den Vertrauensmann ihres Vaters, François Dalle, als Direktor und folgte 1963 seinem Rat, L’Oréal an die Börse zu bringen. Diese Entscheidung markierte den Beginn ihres Aufstiegs von einer vermögenden Erbin zu einer Milliardärin.

          Die gaullistische Republik war dem Schueller/Bettencourt-Clan gewogen. Liliane Bettencourt wurde zur Ministergattin. Präsident Charles de Gaulle holte sich ihren Mann an den Kabinettstisch, auch Präsident Georges Pompidou ernannte ihn zum Minister. 1973 wurde André Bettencourt sogar kurzzeitig französischer Außenminister. Das war auch für das Geschäft nützlich. Liliane blieb in politischen Fragen stets im Hintergrund. 1953 hatte sie eine Tochter, Françoise, zur Welt gebracht. Es sollte ihr einziges Kind bleiben. Bei der arrangierten Hochzeit hatte ihr Vater übersehen, ob wissentlich oder nicht, dass André Bettencourt eigentlich dem männlichen Geschlecht zugeneigt war. Liliane Bettencourt arrangierte sich damit.

          In ihrer Villa im Vorort Neuilly-sur-Seine ging Tout-Paris ein und aus. Insbesondere Politiker kamen gern, denn in einem Hinterzimmer lagen immer schon Umschläge bereit. Diese Form der Parteienfinanzierung war lange üblich. Liliane Bettencourt sah immer so aus, als sei sie einem Werbeplakat von L’Oréal entsprungen: „Weil ich es mir wert bin.“ Sie verkörperte französische Eleganz und Chic, aber wie es in ihrem Leben wirklich aussah, müssen nur wenige geahnt haben.

          Eine moderne Mario-Antoinette

          Die eigene Tochter, Françoise, soll nichts gewusst haben von dem Doppelleben ihres Vaters, seinen Liebhabern, und auch seinen in alten Zeiten begründeten Antisemitismus. Die Lebenslügen brachen auf, als Françoise sich ausgerechnet in einen jüdischen Bankier Jean-Pierre Meyers verliebte, dessen Großvater, ein Rabbiner, in Auschwitz umkam. Die Eltern willigten dann doch in die Heirat ein. Aber Liliane, das hat sie in vielen Interviews bestätigt, gefiel die Ehe der einzigen Tochter nicht, während sie zu ihren beiden Enkeln ein herzliches Verhältnis unterhielt.

          Nach dem Tod André Bettencourts 2007 brach die Fassade des geeinten Familienclans ein. Françoise Bettencourt-Meyers strengte ein Entmündigungsverfahren gegen die eigene Mutter an, weil diese dem schwulen Fotografen François-Marie Banier Millionensummen vermacht hatte. Den Hintergrund zu dem vor Gericht ausgetragenen Familienstreit vertuschte die französische Presse lange, um homophobe Interpretationen zu unterbinden. Banier soll der letzte Liebhaber des verstorbenen Bettencourt gewesen sein.

          Den schönen Schein wahrte sie auch, als der Verdacht aufkam, dass sie den Wahlkampf des ehemaligen Präsidenten Sarkozy illegal finanziert haben soll. Heimliche Tonband-Mitschnitte ihres Butlers offenbarten, dass Liliane Bettencourt geistig nicht immer auf der Höhe war und offenbar latent antisemitische Anwandlungen hatte. So wurde sie vollends zu einer modernen Marie-Antoinette, um die Frankreich jetzt trauert. Jetzt ist Liliane Bettencourt gestorben.

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