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Ein Monat nach Eröffnung : In Kassel-Calden ist noch kein Linienflug abgehoben

  • -Aktualisiert am

Im Termin des Flughafens kurz nach dessen Eröffnung am 4. April Bild: dpa

Einen Monat ist der umstrittene Flughafen Kassel-Calden schon in Betrieb, und immer noch hat er keinen Linienflug erlebt. Vielleicht klappt es nächste Woche.

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          Der Flughafen Kassel-Calden  kommt nicht aus den Schlagzeilen. Nachdem im April schon einige Ferienflüge abgesagt worden waren, fiel auch am 2. Mai der erste geplante Linienflug der Fluglinie Croatia nach Split aus. Croatia begründete dies auf Nachfrage der F.A.Z. mit einem technischen Problem. Wegen Wartungsarbeiten in der Flotte habe ein Flugzeug nicht zur Verfügung gestanden. Deshalb seien am 2. Mai sechs Flüge im Netz der Fluggesellschaft ausgefallen - darunter sei auch der Flug von Calden aus gewesen.

          Am Vortag, dem 1. Mai, seien wegen Krankheitsfällen unter dem Kabinenpersonal zwölf internationale Verbindungen der Croatia abgesagt worden. Das staatliche kroatische Krankenversicherungsamt berichtete, 42 Stewardessen und Stewards hätten sich krankgemeldet. Das wäre rund ein Drittel des Croatia-Kabinenpersonals. Die Krankheiten könnten vorgetäuscht sein, weil die angeschlagene Fluggesellschaft gerade ein hartes Sparprogramm aufgelegt hat.

          Doch das hätte nicht unbedingt den Kasseler Flughafen treffen müssen. Ein Croatia-Sprecher räumte ein: Wenn Verbindungen abgesagt werden,  würden jene mit der geringsten Auslastung gestrichen. Nach Auskunft von Croatia ist der Aufbau von Verbindungen von einem neuen Flugplatz aus „immer schwierig“. Es gebe dafür kein Patentrezept. Der nächste Linienflug von Kassel-Calden nach Split am 9. Mai sei aber mit 61 von 76 Plätzen schon jetzt sehr gut gebucht. Croatia will bis zum Ende des Sommerflugplans am 26. Oktober einmal in der Woche die Verbindung Calden-Split mit einem Hin- und Rückflug jeweils am Donnerstag bedienen.

          Eine Sprecherin des Flughafens sagte, Absagen von Flügen seien Angelegenheit der Fluggesellschaften. Überall auf der Welt würden Flüge abgesagt oder zusammengelegt: „Das ist überall normal. Nur in Calden erscheint dies offenbar als Problem.“ Calden werde im Gegensatz zu anderen Flughäfen mit „Argusaugen“ betrachtet.

          Versäumter Urlaubsverkehr

          Der Flughafen wurde am 4. April termingerecht eröffnet. Der Zeitpunkt hatte technische Gründe, denn neue Plätze können nur zu bestimmten Terminen ans Netz gehen. Nach Angaben der Flughafengesellschaft versäumte der neue Flughafen aber den Urlaubsverkehr, weil der Eröffnungstag mitten in den Osterferien lag. Zudem war eine Fluggesellschaft, die von Calden aus fliegen sollte, Ende 2012 in die Insolvenz gegangen, und offenbar fiel es schwer, Ersatz zu finden. Es war sogar einmal die polnische Fluggesekllschaft Enter-Air als Ersatz genannt worden. Davon wusste aber im Hause dieser Gesellschaft niemand etwas.

          Der Flughafen Kasse-Calden ist umgeben von vielen anderen Flughäfen, zum Beispiel den Airports Paderborn und Siegeland. Auch deswegen fragen Kritiker, warum man ihn überhaupt braucht.
          Der Flughafen Kasse-Calden ist umgeben von vielen anderen Flughäfen, zum Beispiel den Airports Paderborn und Siegeland. Auch deswegen fragen Kritiker, warum man ihn überhaupt braucht. : Bild: F.A.Z.

          Schließlich litt die Vermarktung von Calden unter dem Debakel des Neubaus des Hauptstadtflughafens bei Berlin. Die Zweifel waren groß, dass der hessische Regionalflughafen rechtzeitig fertig werden würde. In der Branche herrschte nach Angaben der Flughafengesellschaft Skepsis. Urlauber, die in Reisebüros auf die Probleme hingewiesen wurden, zogen offenbar ihre Konsequenzen. Als dann nach der Eröffnung des Flughafens erste Flüge abgesagt und die Reisenden zum Beispiel nach Paderborn gefahren wurden, war die Blamage groß. Denn Calden mit der neuen 2500-Meter-Bahn hat freilich zahlreiche Gegner: Die Nachbarflughäfen zum Beispiel, die ebenso mit Hilfe öffentlicher Mittel errichtet wurden, fürchten die Konkurrenz des mit 271 Millionen Euro von Land, Stadt und Landkreis Kassel sowie der Gemeinde Calden bezahlten Flughafens nordwestlich von Kassel.

          640.000 Passagiere im Jahr 2020?

          In Kassel gibt es seit fast 100 Jahren einen Flugplatz und Flugzeugindustrie. Am alten Platz in Calden, dessen 1500 Meter lange Bahn in die Jahre gekommen und ohnehin gegen zwei Berge gerichtet war, so dass Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge diese nicht nutzen konnten, gab es schon 600 bis 800 Arbeitsplätze vor allem in der Luftfahrtindustrie. Der alte Platz zählte 30.000 bis 45.000 Luftbewegungen im Jahr und wurde von der ansässigen Industrie, von Unternehmen, von Geschäfts- und Privatflugzeugen genutzt.

          Nach Prognosen, die in einem Verwaltungsgerichtsverfahren abermals neu berechnet und vorgelegt wurden, wird das Passagierpotential in Calden in einer „mittleren“ von drei Varianten auf 640.000 im Jahr 2020 geschätzt. In den ersten Jahren wird für die Flughafen GmbH ein Verlust in mittlerer einstelliger Millionenhöhe erwartet.

          Der Flughafenausbau durchlief drei Notifizierungsverfahren der EU. Aus den europäischen Vorgaben errechnen sich Mindestgebühren, die in Calden verlangt werden müssen, die den Verkehr von Billig-Fluglinien nach Angaben der Flughafengesellschaft nicht erlauben. Eine irische Gesellschaft hatte schon einmal angefragt, ob es möglich sei, in Calden eine ähnliche Zahl an Flugzeugen zu stationieren wie am Flugplatz Hahn.

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