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Ein Modehaus am Scheideweg : Strenesse sucht den Glanz früherer Tage

  • -Aktualisiert am

Luca Strehle, Chef des Modeunternehmens Strenesse, während des Gesprächs im Redaktionsgebäude der F.A.Z. in Frankfurt. Bild: Röth, Frank

Das Modehaus Strenesse versammelt am Donnerstag seine Anleihen-Gläubiger. Es hofft auf einen Zahlungsaufschub. Der Chef entwickelt Ideen für die nächsten Jahre.

          Auf Luca Strehle wartet ein Endspiel, am kommenden Donnerstag, in seiner Heimatstadt Nördlingen. Dorthin hat der Vorstandschef des Modehauses Strenesse seine Gläubiger eingeladen, um mit ihnen einen Pakt zu schließen. Mitte März müsste Strehle eigentlich eine Anleihe von 12 Millionen Euro zurückzahlen, aber er will von seinen Geldgebern mehr Zeit dafür erhalten. Zeit, um das angeschlagene Modeunternehmen wieder zu dem zu machen, was es einmal war: eine der führenden Adressen für Damenbekleidung in Deutschland. Zeit aber auch, um Strenesse im Ausland auf Wachstumskurs zu bringen.

          Drei Jahre Aufschub

          Drei Jahre länger sollen die Anleihebesitzer auf die Rückzahlung warten, „und wir zahlen in dieser Zeit weiter pünktlich die Zinsen von 9 Prozent auf die Anleihe“, verspricht Strehle. Bei der Emission vor einem Jahr wurde das Papier unter lediglich sechs Investoren verteilt, das hätte die Gläubigerversammlung übersichtlich gemacht. Aber inzwischen haben einige von ihnen einen Teil ihrer Papiere weiterverkauft. Und jetzt muss Strehle hoffen, dass überhaupt genügend Gläubiger nach Nördlingen kommen, damit 50 Prozent des Anleihebesitzes anwesend sind und die Versammlung beschlussfähig ist.

          Der 38 Jahre alte Unternehmer, der den Chefposten vor knapp zwei Jahren von seinem Vater Gerd Strehle übernommen hat, gibt sich im Gespräch mit dieser Zeitung zuversichtlich. „Ein Großteil der Anleger hat investiert, weil sie an die Marke Strenesse glauben. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir die Anleihe verlängert bekommen“, sagt er. Über einen Plan B, falls die Versammlung scheitert, will er nicht sprechen. Dass die Modelinie, die von Gerd und Gabriele Strehle jahrzehntelang geprägt wurde, noch immer eine große Strahlkraft hat, wird Luca Strehle seinen Geldgebern anhand einer erstmals durchgeführten Markenbewertung aufzeigen wollen. 33 Millionen Euro, haben die Berater von Biesalski & Company ermittelt, sei die Marke Strenesse derzeit wert, sagt Strehle. Ein stolzer Wert für ein Unternehmen, das von einst 100 Millionen Euro Umsatz inzwischen auf rund 60 Millionen Euro abgerutscht ist und Verlust macht. Aber Strehle ist sicher, dass er wieder in die Regionen von einst kommen kann – wenn er die Zeit und das Geld dafür bekommt. Und wenn ihm die Gläubiger vertrauen.

          Neuer Investor gesucht

          Denn die 12 Millionen Euro aus der Anleihe reichen bei weitem nicht, das weiß er. Zumal die Hälfte davon verwendet wurde, um die Bankschulden von Strenesse abzulösen. Deshalb will Strehle nach der Gläubigerversammlung auch rasch weiter verhandeln. Zum einen mit den Kreditinstituten, allerdings anderen als früher. „Wir brauchen wieder einen Bankenpool und eine Hausbank“, sagt er. Zum anderen mit strategischen Investoren, die Eigenkapital ins Unternehmen geben sollen. Keine Finanzinvestoren, sondern Partner aus der Industrie oder dem Handel sucht er, die nicht nur Geld, sondern auch einen Mehrwert fürs Tagesgeschäft mitbringen. Das könnte einer der französischen oder italienischen Luxusmodekonzerne sein, aber ebenso ein internationaler Handelskonzern mit Vertrieb und attraktiven Flächen im Ausland. Der Haken dabei: Abgeben will die Familie Strehle eigentlich nur eine Minderheit. Noch immer sind alle Anteile in der Hand von Gerd Strehle (Mehrheitseigner), seiner von ihm getrennt lebenden Frau Gabriele und den drei Kindern Luca, Viktoria und Clara, die aus zwei Ehen stammen. Aber schon in der Vergangenheit, so wird erzählt, scheiterte ein Anteilsverkauf von Strenesse an dieser Bedingung. „Wir wollen Strenesse als Familienunternehmen erhalten“, sagt Luca Strehle dazu nur.

          Stellen werden gestrichen

          Dafür wird er nicht nur finanzielles Geschick unter Beweis stellen müssen, sondern auch sein Können als Unternehmer. Und eine gewisse Härte. Er will sämtliche Prozesse überprüfen, vom Einkauf bis zur Produktion. In Nördlingen, so sagen Beobachter, sind die Strukturen noch immer viel zu groß und zu komplex. Zugleich muss der Jungunternehmer die 16 eigenen Läden im Inland auf den Prüfstand stellen und unrentable Standorte entweder auffrischen oder schließen. Strehle verhandelt schon mit dem Betriebsrat, von den insgesamt 320 Arbeitsplätzen des Unternehmens werden wohl 10 bis 20 Prozent wegfallen.

          Zugleich will er weitere Läden eröffnen, und zwar möglichst auch im Ausland. Aber alles erst nach der Gläubigerversammlung. Doch die eigentlich entscheidende Frage ist: Kann er die Modemarke Strenesse wieder zu altem Glanz bringen? Nicht zuletzt der Streit zwischen Gerd und Gabriele Strehle hat das Unternehmen schwer belastet und die einst strahlende Marke hat seit einigen Jahren beträchtlich verloren. Strehle, der zwischendurch sieben Jahre lang Erfahrungen bei der Mercedes-Benz-Accessoires GmbH gesammelt hat, sieht erhebliche Fehler des früheren Managements „Die Kollektionen sind nicht nur älter, sondern im Vergleich mit anderen Marken auch immer austauschbarer geworden. Die Marke war zuletzt zu sehr auf den deutschsprachigen Raum ausgerichtet und hat zu wenig auf Internationalisierung gesetzt“, sagt er.

          Glanzzeiten sind lange her

          Das war zu den Glanzzeiten Ende der neunziger Jahre noch anders. Damals gab es noch die großen modischen Aufschläge von Strenesse etwa in Mailand. Das Modehaus aus der beschaulichen bayerischen Kreisstadt wagte auch den großen Sprung über den Atlantik, zog sich nach den Terroranschlägen von New York und den nachfolgenden Krisen dort aber wieder zurück. Auch mit der Mehrmarkenstrategie, dem viel zu teuren Aufbau der Herrenlinie und der inzwischen aufgegebenen Zweitlinie Strenesse Blue, war der typische Charakter der Marke verlorengegangen, blickt Strehle zurück.

          Und die Ausstattung der Fußball-Nationalelf hatte seinerzeit zwar einen guten Werbeeffekt – man erinnere sich an den berühmten blauen Pullover von Bundestrainer Joachim Löw. „Aber die Marke Strenesse ist nicht Fußball, sie kommt aus der Kunst-, der Architektur oder der Theaterwelt“, rückt er den Markenkern zurecht. Immerhin: Auf rund 400 Stücke – von zuvor 600 – wurde die Kollektion schon verkleinert und es könnten noch weniger werden. Mit der neuen Kreativdirektorin Natalie Acatrini, laut Strehle „der einzig legitimen Nachfolgerin von Gabriele“, soll Strenesse nun zu alter Strahlkraft zurückfinden. Die erfahrene Designerin mit Stationen bei Jil Sander, Escada oder Hugo Boss hat die inzwischen auf den Verkaufsflächen angekommene Frühjahrs- und Sommerkollektion gestaltet. Die alte DNA der Marke in die Neuzeit zu transportieren sei die große Aufgabe gewesen. Die Kollektion sei jünger geworden, lege aber zugleich wieder einen größeren Wert auf Business-Kleidung für die anspruchsvolle Frau. „Nahe am Zeitgeist, aber keine Avantgarde“ beschreibt Strehle die Vorgabe.

          Wende braucht drei erfolgreiche Saisons

          Hoffnungen schöpft er aus den ersten Erfolgen der neuen Kollektion. Damit will er wohl auch in der nächsten Woche bei den Anleihegläubigern punkten. Nach Jahren des Schrumpfens habe der Absatz spürbar angezogen, es zeichne sich ein Plus zwischen 10 und 15 Prozent ab. Aber für eine echte Wende braucht Strenesse wenigstens drei erfolgreiche Saisons. Im Geschäftsjahr 2012/13 (31. Mai) hat die Gruppe bei einem Umsatz von rund 60 Millionen Euro einen operativen Verlust von rund 0,3 Millionen Euro gemacht. Das laufende Jahr, dessen Zahlen er vor der Gläubigerversammlung nicht nennen will, wird – auch wegen der Straffung der Sortimente – nochmals einen Umsatzrückgang und ein abermals negatives Ergebnis bringen. 2014/15 soll das Ergebnis zumindest vor allen Sonderfaktoren (Ebitda) wieder positiv sein. Falls Luca Strehle dafür die Zeit bekommt.

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