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Ein-Mann-Unternehmen : Die kleinste Bank Deutschlands

Einmannbetrieb: Der 76jährige Fritz Vogt ist Vorstand der Raiffeisenbank Gammesfeld Bild: F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt

Kein Computer, kein Bankautomat und auch kein Personal: Fritz Vogt pfeift auf den Kapitalismus und bietet den Kunden hohe Zinsen. Als Bankdirektor und Angestellter in einem.

          Die Hohenloher Ebene im nordöstlichen Baden-Württemberg. Ein Land, das sich in sanften Wellen wiegt. Felder bis zum Horizont. Mittendrin liegt Gammesfeld. Ein träge aufragender Kirchturm, ein Tante-Emma-Laden, viel Fachwerk. Und eine Bank.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wäre da nicht ein schwarzweißes Raiffeisen-Signet am Eingang, man würde sie glatt übersehen. Am Rande eines einstigen Saatgutlagers versprüht das Kreditinstitut den Charme der 60er Jahre. Eine kleine Treppe führt an die Eingangstür, das Fenster ziert eine Gardine, die schon lange dort hängen muß. Ähnlich einladend wirkten einst DDR-Geschäfte.

          Bankchef Fritz Vogt steht hinter seinem Tresen und bittet herzlich herein. Er trägt eine beige Freizeitjacke, und seine dunklen Augenbrauen kontrastieren mit den weißen Haarsträhnen. Das Interieur ist schnell erklärt: „Das ist der Vorstandstisch, wo die Kreditgespräche stattfinden. Hier ist der Platz des Geschäftsführers. Dort steht der Schaltermitarbeiter, da sitzt der Buchhalter, und gegenüber arbeitet die Sekretärin.“

          Eine Rechenmaschine von 1958 ersetzt den PC

          Alle Mitarbeiter heißen Fritz Vogt

          Das Besondere in der Raiffeisenbank Gammesfeld: All diese Mitarbeiter heißen Fritz Vogt. Weil das so ist, gilt die Raiffeisenbank Gammesfeld als kleinste Bank Deutschlands. Es gibt zwar noch einen Vorstandsvorsitzenden und einen Verwaltungsrat. Ein achtköpfiges Gremium. Aber die sind allenfalls neben- oder gar nur ehrenamtlich tätig. In dem 530-Seelen-Dorf weiß man: Der Fritz ist die Bank, und ohne den Fritz ist die Bank nichts.

          Nach dem Krieg gab es in Deutschland viele solcher Kleinstbanken. Von einst rund 8000 sind nur um die 1300 Kreditgenossenschaften übriggeblieben. Die übrigen gingen in großen Einheiten auf. Fusionen sind in Deutschland nicht nur ein Thema der Großbanken; nur erregt es kaum das Interesse der Öffentlichkeit, wenn sich die Raiffeisenbanken in Klein- und Großpusemuckel zusammenschließen.

          Fritz Vogt hat sich diesem Trend bis heute widersetzt. „Solang ich lebe, bleibt das Kässle unabhängig“, lautete seine Devise über die Jahre. Man könnte das schlicht als Sturheit eines alten Mannes in der deutschen Provinz abtun, gäbe es da nicht überzeugende ökonomische Gründe. Die Raiffeisenbank Gammesfeld ist nicht nur die kleinste Bank Deutschlands, es ist wahrscheinlich auch die erfolgreichste. Das ist an der Konditionenliste abzulesen, die im Bankraum an der Wand hängt. Auf Sparbücher gibt es 2,5 Prozent Zinsen, 3,5 Prozent kostet ein langfristiger Kredit und 4,5 Prozent der Konsumentenkredit. Von alldem können deutsche Bankkunden im allgemeinen nur träumen.

          „Die Banken haben eine überteuerte Technik

          Wenn auf jemanden das Prädikat verschmitzt zutrifft, dann auf Fritz Vogt. Diese gewisse Mimik stellt sich zwischen seinen Mundwinkeln ein, wenn der Mann erzählt, wie solche Zinsen möglich sind, die Anleger und Kreditnehmer gleichermaßen begeistern. „Die Banken haben eine überteuerte Technik, alle“, wettert Vogt. „Ich nicht.“ Und stolz zeigt er seine Arbeitswerkzeuge.

          Kein Computer findet sich im Bankraum. Statt dessen arbeitet Buchhalter Vogt mit einer Walther-Rechenmaschine von 1958. Sekretär Vogt nutzt eine Adler-Schreibmaschine von 1970. Und Vorstand Vogt telefoniert mit einem Telefon mit Wählscheibe. „Insgesamt alles längst abgeschrieben“, sagt Geschäftsführer Fritz Vogt.

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