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Ein-Mann-Unternehmen : Die kleinste Bank Deutschlands

Und während die übrige Bankenwelt komplett vernetzt ist, dürfte die Raiffeisenbank Gammesfeld die einzige Bank Deutschlands sein, die nicht an dieses Netz angeschlossen ist. Wenn jemand mit einer Gammesfelder EC-Karte in London Geld abhebt (ja, das kann man), dann bekommt das zunächst die genossenschaftliche Zentralbank in Stuttgart mit. Die schickt einmal täglich ein Paket ins Hohenlohische mit Computer-Zahlungsbelegen; Vogt verbucht das dann alles manuell auf seine Konten.

„Hier sieht's ja aus wie im Museum“

Wenn Gäste mal zu Besuch bei Fritz Vogt weilen, sind sie zunächst sprachlos angesichts der altertümlichen Methoden. „Hier sieht's ja aus wie im Museum“, sagte mal einer. Vogt hat das als Kompliment gewertet.

Fritz Vogt ist zudem - Bank hin, Bank her - bekennender Antikapitalist. Keine fünf Minuten vergehen im Gespräch, und er wettert gegen das Böse: „Das Kapital muß dienen, nicht herrschen.“ „Die Großbanken, das ist doch Feudalherrschaft.“ „Kapital wird durch Spekulation ergaunert und von der Arbeitsleistung der Bevölkerung abgezweigt.“ Die Bezeichnung „Bankdirektor“ empfindet er als grobe Beleidigung, denn in Anlehnung an Brecht fragt sich Vogt: „Was ist schon ein Bankdirektor gegen einen Bankräuber?“

Solch ein Feind des Systems muß auf Widerstand stoßen. Für den Gammesfelder Bankchef ist es der Kampf seines Lebens. Zuletzt hat ihm die Bankenaufsicht vor drei Monaten einen uncharmanten Brief geschrieben. Eine „Amtsenthebung“ nach Paragraf 36 Kreditwesengesetz wäre bei ihm „angezeigt“, hieß es dort drohend.

Kreditvordrucke von 2003

Stein des Anstoßes: Vogt benutzt noch Kreditvordrucke von 2003 (“die sind veraltet, aber in den neuen steht auch nichts anderes“), und er verlangt von seinen Kunden bei der Kontoeröffnung keinen Personalausweis (“Die Leut' kenn' ich alle von Kindesbeinen an. Wenn ich von denen verlangen würd', bring mir mal deinen Paß, würden die sagen, jetzt spinnt er“). Der kurioseste Vorwurf: Er hat im Nachgang zu den Anschlägen 2001 nicht gemeldet, ob Taliban oder andere Terroristen in Gammesfeld Geldwäsche betreiben. Eine neue Regelung hätte der Raiffeisenbank fast den Garaus gemacht: das in den 80er Jahren eingeführte Vier-Augen-Prinzip für Banktransaktionen. Schwierig einzuhalten für eine Bank mit nur einem Mitarbeiter.

Vogt prozessierte sechs Jahre, und das Bundesverwaltungsgericht fand 1990 zu einem Urteil, das Gammesfeld die weitere Existenz sichert. „Wir haben dabei sogar den Gesetzgeber korrigiert“, sagt Vogt.

Neben der Sparsamkeit ist es in Anlehnung an Vogts großes Vorbild Raiffeisen das Regionalprinzip, das den Erfolg in Gammesfeld sichert. Vor sechs Jahren war er ins Fernsehen eingeladen, und Reinhold Beckmann wollte wissen, warum er bei ihm kein Konto eröffnen könne, bei den guten Zinsen. „Weil Sie kein Gammesfelder sind“, sagte Vogt da, und bis heute wird das durchgehalten. Vogt kennt jeden im Ort. Und er weiß, wem er einen Kredit geben kann und wem besser nicht. Bislang gab es in 116 Jahren Raiffeisenbank Gammesfeld nur einen Kreditausfall - und das war ein Zugereister.

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